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12 Jahre nach Srebrenica Als ich meinen Sohn zuletzt sah

25.10.2007 ·  Im bosnischen Srebrenica sucht man auch zwölf Jahre nach dem Fall der Schutzzone noch nach den Überresten von Opfern der Serben. Manchmal ist ein Finger alles, was gefunden wird. Die Wunden des Massakers sind noch immer allgegenwärtig.

Von Karen Krüger, Srebrenica
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Wer in das Tal von Srebrenica kommt, den umfängt Stille. Häuserruinen weisen der fast schnurgeraden Straße den Weg. Aus dem Nebel taucht das Gerippe einer Fabrik, dann ein riesiges Feld aus weißen Stelen und frischen Grabhügeln mit Holzkreuzen auf: Das ist die Gedenkstätte Potocari, ein riesiger Friedhof, gebaut für die rund achttausend Menschen, die hier, auf den Wiesen und in der alten Fabrik, in Sporthallen, leergeräumten Warenhäusern und in den umliegenden Wäldern, im Jahr 1995 von Radko Mladics Armee der Republik Srpska erschossen und erschlagen worden sind. Vergeblich hatten sie auf den Schutz der Vereinten Nationen gehofft.

Gespenstisch hallen die Schritte in den Räumen des Gebäudes, in dem damals die UN-Mission untergebracht war. Von den Wänden, an denen noch Graffiti-Zeichnungen der niederländischen Blauhelme zu sehen sind, blättert Putz. Serbien liegt gleich hinter den Hügeln.

Ein guter und lieber Junge

Ihr Sohn habe die gleichen roten Wangen wie sie gehabt, sagt die kleine Frau mit Kopftuch, die gegenüber dem Mahnmal Blumen verkauft. Ein guter und lieber Junge sei er gewesen. Versunken in die Erinnerung an ihr Kind huscht ein Lächeln über das Gesicht der Frau - ganz kurz nur, doch lange genug, dass es schmerzt. An dem Augenblick, als sie ihren Sohn und ihren Mann das letzte Mal sah, hält sie sich wie an einem Anker fest: Im Juli 1995, nachdem der holländische Kommandant Thomas Karremans die ihm unterstellte UN-Sicherheitszone von Srebrenica an Mladic übergeben hatte, sei das gewesen.

Ihr Mann und ihr Sohn brachen damals zusammen mit rund sechstausend anderen Männern und Jungen auf, um zu Fuß durch Berge und Wälder in die benachbarte Sicherheitszone von Tuzla zu gelangen.

Bis zum Bersten mit Flüchtlingen gefüllt

Es herrschte Chaos und Verzweiflung in der Stadt, Srebrenica war bis zum Bersten mit Flüchtlingen aus der ganzen Region gefüllt. Bis zuletzt habe ihre Familie daran geglaubt, hier vor dem Krieg sicher zu sein, erzählt die Frau. Doch dann strömten die Serben ganz einfach in die Stadt. „Jetzt ist die Zeit gekommen, sich an den Türken zu rächen“, sagte Mladic seinerzeit in eine der Fernsehkameras, die man ihm entgegenhielt, als er das Herz von Srebrenica erreichte.

Die in der Stadt verbliebenen bosnischen Soldaten ahnten, was den Menschen bevorstehen würde und flüchteten. Aufgeschreckt folgten ihnen Väter mit ihren Söhnen und junge Männer. Zuletzt brachen die Alten und Kranken auf. Von den Menschen, die sich auf den fünftägigen Fußmarsch machten, überlebten nur wenige Hundert. Alle anderen wurden in den Wäldern von serbischen Soldaten, Milizionären und Polizisten abgefangen und massakriert.

Pilgermarsch zu jedem neuen Massengrab

Diejenigen, die in Srebrenica geblieben waren, suchten rund um das Lager der Blauhelme Schutz. Die Männer und Jungen im Alter von zwölf bis siebenundsiebzig Jahren wurden dort später von Mladics Armee zum Töten selektiert. Ihr Sohn und ihr Mann müssten in der zweiten Gruppe gewesen sein, die sich auf den Weg nach Tuzla machte, meint die Frau vom Blumenstand. Sie habe die beiden noch bis zu einer Böschung am Waldrand begleitet, doch dann trennte eine Welle aus Menschen die Familie. „Das Letzte, was ich von ihm sah, war das Profil seines Gesichts“, sagt die Frau. Beerdigen konnte sie Mann und Sohn nicht. Die Körper wurden nicht gefunden.

Jedes Mal, wenn ein neues Massengrab geöffnet wird, pilgert sie zusammen mit den „Witwen und Müttern von Srebrenica“ dorthin - die Frauen haben sich unter diesem Namen zusammengeschlossen. Nur dreitausend Opfer konnten sie bis jetzt in Potocari zur letzten Ruhe betten. Wenn eines Tages die letzten Toten geborgen sein werden, sagen die Menschen in Bosnien, finden auch die Seelen der Überlebenden endlich Frieden.

„Ihre Enttäuschung ertrage ich nicht“

Murat Hurtic steht in einem Buchenwald, nur wenige Kilometer von Srebrenica entfernt, und fuchtelt mit seinem Schirm. „Wenn die Frauen kommen, versuche ich, nicht hier zu sein. Ihre Enttäuschung, wenn keiner ihrer Verwandten unter den Toten ist, ertrage ich nicht“, sagt der Leiter einer Gruppe von Forensikern, Anthropologen und Kriminologen, die die Opfer exhumieren. Hurtic hat das wettergegerbte Gesicht eines Mannes, der unter freiem Himmel arbeitet. Seine Gummistiefel sind bis oben hin mit Matsch verschmiert.

Vierundzwanzig Meter lang, dreieinhalb Meter breit und fast zwei Meter tief ist das Massengrab, das wie eine Wunde im Boden klafft. Vor knapp einer Woche hat Hurtic die Grube geöffnet. Dicke Regentropfen perlen von den Blättern der Bäume. Um die rund neunzig Gebeine vor der Nässe zu schützen, hat man sie mit einer Plane bedeckt. Der süßliche Geruch des Todes dringt durch sie hindurch. Kleidungsstücke und ein Schuh liegen im aufgeweichten Boden. Ob er jemals herausfinden kann, wem sie gehörten, weiß Hurtic nicht.

Manchmal nur ein Finger

Die Identifizierung der Opfer ist kriminologische Schwerstarbeit. Zwölf Jahre nach ihrem Tod sind die Körper so verwest, dass nur eine DNA-Analyse ihre Identität verraten kann. In den vergangenen Jahren wurden deshalb systematisch Blutproben von den Angehörigen der Vermissten gesammelt. Hinzu kommt, dass nur wenige der Gebeine vollständig sind; was man den Angehörigen aushändigen kann, ist manchmal nur ein Finger.

Hurtic erklärt, warum: „Diese Gräber hier sind sogenannte sekundäre Massengräber. Um die Massaker zu vertuschen, haben die Serben die Toten mit Baggern wieder ausgehoben und sie in neue Gräber geschafft, die an weniger exponierten Stellen liegen, oft im Wald und bis zu fünfzehn Kilometern von ihrer ursprünglichen Lage entfernt. Durch das schwere Gerät wurden fast alle Körper zerstückelt.“ Im September und Oktober 1995 sei das erfolgt, nachdem die internationale Öffentlichkeit anfing, Fragen über den Verbleib der Menschen von Srebrenica zu stellen. Amerikanische Satelliten hatten rund um die Stadt große Flächen aufgewühlten Bodens fotografiert, bei denen es sich offenbar um frische Massengräber handelte.

Als herrsche in seinem Kopf noch Krieg

Hurtic rattert ein gutes Dutzend Ortsnamen herunter, an denen er mit seinem Team Gräber ausgehoben hat. Dann folgt eine Liste von Greueltaten, mit denen man die Opfer malträtierte. Zwischen den Sätzen holt er kaum Luft. Hurtic schießt mit Worten, als herrsche in seinem Kopf noch Krieg. Früher, in einem anderen Leben, ist er Lehrer gewesen, doch dann sperrte ihn die bosnisch-serbische Armee in ein Konzentrationslager. Hurtic erzählt von seinen Brüdern, die im Gefängnis gefoltert wurden - einer von ihnen starb. Nach dem Krieg, als man die ersten Leichen im Jahr 1996 exhumierte, meldete er sich freiwillig, um zu helfen.

Glücklich, sehr glücklich sei er über seine Arbeit, sagt er, durch sie fänden immer mehr Familien ihren Frieden. Hundertvierzig Massengräber hat er schon aufgespürt. Noch ist die Suche nicht beendet. Die Natur, sagt Hurtic, sei sein Verbündeter: Pflanzen, die gern auf dem Humus menschlicher Körper wachsen, Schlangen und Insekten, die ebenfalls die Nähe toter Körper suchen, und die Beschaffenheit des Bodens weisen ihm den Weg.

„Jetzt tun alle so, als hätten sie nichts gesehen.“

Hinweise aus der Bevölkerung sind selten. Hurtic lacht: „Jedes Kind muss mitbekommen haben, wie die Lastwagen mit den Leichen durch die Straßen fuhren. Jetzt tun alle so, als hätten sie nichts gesehen.“ Vor wenigen Tagen habe er wegen seiner Arbeit eine Drohung erhalten, sagt er, und wischt mit einer Handbewegung die Gefahr gleich wieder fort. Vielen Serben gilt Hurtic als Verbrecher, weil er an die Ehre der Republik Srpska rührt.

Viele der Häuser von Srebrenica stehen leer. Ihre Besitzer sind tot oder haben die Stadt verlassen. Anders als vor dem Krieg, wohnen heute überwiegend Serben in der Stadt, unter ihnen einige der Täter. Viele der Frauen, deren Söhne und Männer getötet worden sind, leben noch immer in Flüchtlingslagern. Nur wenige von ihnen kehrten - wie die Frau vom Blumenstand - nach Srebrenica zurück. Der Bürgermeister der Stadt ist Bosniake. Doch da vom kommenden Jahr an die Vertriebenen nicht mehr wählen dürfen, dürfte sich das bald ändern. Ob Hurtic dann noch genauso ungehindert seiner Arbeit nachgehen kann wie heute und was aus der Gedenkstätte wird, ist ungewiss.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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