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Donnerstag, 16. Februar 2012
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1. Die Feier Italienische Nacht im toten Winkel

12.07.2008 ·  Hier soll er einziehen, der italienische Geist, und zwar in Apartments, die dann „Lucca“, „Venezia“ oder „Roma“ heißen werden: Wie ein Berliner Bauherr mit einer Prosecco-Party künftige Käufer gewinnen wollte.

Von Claudius Seidl
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Der Abend war mild und blau und ein Versprechen auf eine gute Nacht zum Feiern; und dass der Schauplatz abgelegen war, weit weg von jedem sogenannten Schuss, das hatte die Neugier erst angestachelt: Feiern Sie mit uns, eine italienische Nacht, das Motto heißt „La dolce vita“! So, oder so ähnlich, hatte es auf der Einladung gestanden, und auf dem Stadtplan sah, was Party-Spezialisten die „location“ nennen, so aus, als läge es in der hintersten Ecke des Bezirks Berlin-Mitte.

Es lag, in echt, noch weiter hinten, Beuthstraße, Ecke Kommandantenstraße, eine Brache zwischen anderen Brachen, ein toter Winkel im Schatten des Springer-Hochhauses und der Leipziger Straße, eine unbebaute dreieckige Fläche, welcher die Häuser der Umgebung (wenn nicht sogar die ganze Stadt) nur die Rückseite entgegenzustrecken schienen - es war ein Ort, dessen ganzes Geheimnis womöglich darin bestand, dass auf der anderen Straßenseite schon die Peripherie von Kreuzberg begann. Die Mauer steht hier nicht mehr, der Todesstreifen ist geräumt. Aber die Stadt ist noch nicht wiedergekommen.

Die natürliche Italienferne Berlins, als Herausforderung genommen

Man tat sich schwer, in dieser Umgebung an Italien nur zu denken; aber diese Italienferne (für welche Berlin gar nichts kann; es liegt halt, wo es liegt: im Norden) hatten die Veranstalter als Herausforderung genommen. Sie hatten Sonnenschirme aufgestellt und helle Polster auf die Korbsessel gelegt, und für den unwahrscheinlichen Fall eines plötzlichen Kälteeinbruchs standen große Mengen von Heizpilzen herum. Die Wachleute am Eingang grüßten mit einem zackigen „Buona sera!“

Drinnen gab es, schon weil Champagner so unitalienisch ist, ein schönes Glas Prosecco; die Gäste, das waren, von ein paar Privatfernsehprominenten abgesehen, gediegen wirkende Damen und Herren, hübsch gekleidete Menschen, von Mitte dreißig an aufwärts. Und natürlich wussten sie alle, warum sie eingeladen und wozu sie hierhergekommen waren: Mit dieser italienischen Nacht mussten die Stimmung, das Lebensgefühl, die ganze Italianità schon mal herbeigezaubert werden, welche, einerseits, von diesem Ort demnächst ausgehen sollen - und andererseits soll er hier ja einziehen, der italienische Geist, und zwar in Apartments, welche, je nach Schnitt und Größe, dann „Lucca“, „Venezia“ oder „Roma“ heißen werden. Aus dem Schauplatz der Party wird demnächst der Bauplatz eines Hauses, welches die Bauherren „Fellini Residences“ nennen; es soll ein Stück (ein Grundstück, gewissermaßen) von Rom in jenes Berlin bringen, das aber in den Prospekten schon jetzt als die italienischste unter allen deutschen Städten beschrieben wird.

Als hätte Haussmann für Honecker gearbeitet

Die Gäste waren also potentielle Käufer - und wenn so ein Gast übers Grundstück schlenderte, vorbei an eigens aus Italien importierten Oleandersträuchern, vom Buffet mit dem Fischcarpaccio vielleicht hinüber zur Prosecco-Bar, dann konnte es ihm leicht passieren, dass er mit einem höflichen Herrn ins Gespräch kam, der ihm, nach zwei, drei Sätzen Smalltalk, das Angebot machte, über die Finanzierung des Apartments „Lucca“ gleich hier und heute zu sprechen; er sei nämlich von der Bank und nur zu diesem Zweck auf der Party. 3500 Euro, das sei der Preis pro Quadratmeter.

Zwei freundliche Damen führten durchs Apartment, welches, weil Anschaulichkeit die Kauflust anheizt, am Rand des Grundstücks vorübergehend schon mal aufgebaut war. Draußen stand eine Schautafel mit einer Entwurfszeichnung des Baus, der aber, soweit man das überhaupt erkennen konnte, an Rom eigentlich nicht erinnern wird. Eher an das, was entstanden wäre, hätte der Baron Haussmann nicht für Napoleon III., sondern für Erich Honecker gearbeitet: eine Mischung aus Rive droite im neunzehnten und Ost-Berlin im zwanzigsten Jahrhundert.

Dann wünschte Marie Bäumer allen ein südliches Gefühl

Drinnen sah es schick und teuer aus, diskrete Farben, gutes Material, und dass man sich hier, trotz niedriger Decken und kleiner Räume, kaum beengt fühlte, lag auch daran, dass der Architekt einen eleganten Grundriss entworfen und jeden Quadratmeter geschickt genutzt hatte. Das Apartment erinnerte an die Wohnungen von Manhattan, wo der Platz knapp ist, was die Menschen aber gut verkraften können, weil fünfzehn Stockwerke weiter unten eben New York ist, das Leben, die Menschen, all die Bars und Restaurants, die den New Yorkern das große Wohnzimmer ersetzen. In Berlin ist fast alles knapp - außer dem Platz, wie man am Schauplatz überdeutlich sehen konnte. Und das Leben, die Menschen, zumindest aber der nächste Bäcker und ein anständiger Bioladen, das alles lag unendlich weit weg, jenseits der sechsspurigen Leipziger Straße. Oder in jenem Teil von Kreuzberg, dessen Geist und Stimmung eher alla turca ist.

Als es dunkel wurde und ein bisschen kühl, stand, zwischen all den potentiellen Käufern, die Schauspielerin Marie Bäumer. Für die Aufmerksamkeit sorgte ihr Kleid, das luftig war, für die Lautstärke ein Mikrofon, und mit leichtem deutschen Akzent sprach sie die Gäste auf Italienisch an, wünschte allen einen schönen Abend und ein südliches Gefühl, dann machte sie einen Scherz und danach eine kurze Pause. Niemand lächelte, niemand hatte ein Wort verstanden.

Es war Zeit zu gehen. Irgendwohin, wo die Leute beleidigt sind, wenn einer „va fa un culo!“ sagt.

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