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Debatte Wir danken der Akademie

25.08.2003 ·  Jeder ist davon überzeugt, daß die Akademie der Künste etwas ungemein Wichtiges darstellt - aber niemand weiß, wozu es sie eigentlich gibt. Um heute noch gehört zu werden, müßten ihre Mitglieder länger schweigen.

Von Mark Siemons
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Das aufgeregte Flügelschlagen um die Akademie der Künste und ihren Neubau am Pariser Platz, das immer weitere Hinauszögern der Fertigstellung, der plötzlich auftauchende Schimmelpilz im Keller, das Hinundhergezerre um Kosten und Vertragsbedingungen, das auch mit der direkten Bauaufsicht durch den Berliner Senat wohl lange noch kein Ende hat, all dies zeigt zweierlei: Jeder ist davon überzeugt, daß die Akademie der Künste etwas ungemein Wichtiges, Bedeutendes, Dringliches darstellt - aber niemand weiß, wozu es sie eigentlich gibt.

Auf der einen Seite will sich keiner dabei ertappen lassen, zuwenig für die traditionsreiche Institution zu tun, auf der anderen fehlt für den politischen Willen, in Zeiten der Knappheit tatsächlich Geld und Mühe in sie zu investieren, offenkundig die Vorstellung, wozu man sie braucht. Es liegt eine gewaltige Verlegenheit über dem ganzen Vorgang.

In typischen Trachten

Die 1696 gegründete Akademie, die mal eine Königliche, mal eine Preußische, schließlich auch eine der DDR war, ist zweifellos ein so ehrenwertes Mitglied der Kulturgesellschaft, daß es sich keine Regierung der Stadt oder des Staats leisten kann, sie zu vernachlässigen. Vom nächsten Jahr an wird der Bund für die laufenden Betriebskosten aufkommen, und schon seit langem ist ausgemacht, daß die Wiedereröffnung am Pariser Platz mit großer Feierlichkeit begangen werden wird (der Filmregisseur Volker Schlöndorff hatte sogar vorgeschlagen, daß eine lange Prozession der Mitglieder in typischen Trachten ihrer Künste durch das Brandenburger Tor ziehen sollte).

Doch unterdessen hat sich die Kulturgesellschaft selbst entscheidend verändert. Nicht nur ihr Umfang, auch die Perfektion ihres Betriebs ist so immens gewachsen, daß die Akademie heute nur mehr als ein Veranstaltungsort unter vielen wahrgenommen wird: Vor den Maßstäben des professionalisierten Kulturmanagements sind alle gleich. Die oft durchaus gelungenen Ausstellungen, Lesungen und Konzerte, die vom Mitarbeiterapparat der Akademie - nicht von den Mitgliedern - organisiert werden, unterscheiden sich in nichts von den vielen anderen Kulturereignissen, die in Berlin angeboten werden.

Künstler als willkommenes Material

Und auch bei den Diskussionen der Mitglieder läßt sich heute schwer etwas Spezifisches entdecken. Auch außerhalb der Akademie werden Künstler und Intellektuelle ja gern zu allen möglichen Wortmeldungen herangezogen. Stets sind sie willkommen als Material für die wechselnden Inszenierungszwecke der Öffentlichkeitsarbeiter und Kuratoren, die die wirklichen Herrscher des kulturellen Lebens sind. Ihre Gegenstände sind für gewöhnlich eng mit den jeweils aktuellen Themen der öffentlichen Meinung verflochten, so daß ein geschlossener Zirkel mit immer gleichen Stichworten entsteht. In diesem Rahmen drohen noch die kritischsten oder originellsten Stellungnahmen, kaum daß sie geäußert sind, zu Spielmarken im Zirkus des schon Bekannten neutralisiert zu werden.

Diesem Verschleiß der öffentlichen Debatte hat die Akademie bisher nichts Eigenes entgegengesetzt. Oft reproduziert sie das Talkshow-Muster noch selbst, indem sie ihre öffentlichen Diskussionen von einem Journalisten moderieren läßt. Wenn denn aber wirklich einmal Mitglieder der Akademie bei einem Thema aneinandergeraten, wie kürzlich Ivan Nagel und György Konrád über den Irak-Krieg, dann findet diese Diskussion gleich in der Zeitung statt. Bezeichnenderweise waren die Vereinigungsquerelen zwischen Ost- und West-Akademie das letzte große Ereignis, mit dem die Institution als Ganzes größere Aufmerksamkeit erregte. Da fand ein nationales Thema, die Nachwehen der deutschen Teilung, einen spezifischen institutionellen Ausdruck.

Kein eigener Zugang

Zu den Themen aber, die die Welt heute bewegen, von Kriegslegitimationen bis zur Konfrontation der Kulturen, hat die Akademie offenbar noch keinen eigenen Zugang gefunden, der die vertrauten Lager und Kategorien hinter sich ließe. Den einzelnen Mitgliedern kann man das kaum zum Vorwurf machen und erst recht nicht den Präsidenten; sowohl György Konrád als auch Adolf Muschg haben stets, unbekümmert um die üblichen Beschränkungen der politischen Opportunität, mit großer Eindringlichkeit ihre persönliche Autorität in die Waagschale geworfen, wo immer sie das für notwendig hielten.

Worin aber besteht die Autorität der Akademie? Der offizielle Auftrag ist im Staatsvertrag definiert: Sie soll die Kunst fördern sowie die Länder Berlin und Brandenburg, bei Bedarf auch den Bund, "in allen Angelegenheiten der Kunst" beraten. Eine solche Formulierung kann indessen - gleich, wie weit oder eng man sie auslegt - nur Enttäuschung produzieren. Sofern sie nicht lediglich die Interessenvertretung eines Standes meint, setzt sie eine einheitliche Meinungsbildung der Mitglieder voraus.

Illusorisch

Das aber ist nicht nur illusorisch, sondern auch gar nicht wünschenswert, sind doch gerade die Vielfalt und Individualität der Mitglieder eine Stärke dieser Institution. Aus dem gleichen Grund wäre es auch verfehlt, sich möglichst publikumswirksame Stellungnahmen zu möglichst vielen politischen Themen zu erhoffen: Man hat beim Verband der Schriftsteller gesehen, was aus der Autorität einer Institution wird, die sich am laufenden Band kollektive Interventionen zu Themen anmaßt, über die nur jeder einzelne ein Urteil fällen kann.

Von einer Videoinstallation von Jochen Gerz, die vor kurzem im Gropius-Bau zu sehen war, konnte man eine Ahnung bekommen, was möglich wäre. Gerz hatte Mitgliedern der Akademie eine komplizierte Frage vorgelegt, die ein öffentlich diskutiertes Thema auf jeden einzelnen persönlich zurückbezieht: "Angenommen, es ginge - wie bei jedem Kunstwerk - auch beim Mahnmal für die ermordeten Juden Europas darum, die Stimme der Lebenden hörbar zu machen, unseren eigenen Ausdruck mehr noch als seine Anlässe und Anekdoten, was wäre dann Ihre Stimme?" Das Video zeigt nun nicht, was die Angesprochenen antworten, sondern nur sie selbst im Moment vor der Antwort: wie sie stutzen, überlegen, in sich gehen. Man sieht da diese klugen, konzentrierten Gesichter, in denen soviel historische, persönliche und künstlerische Erfahrung gesammelt ist, ganz bei sich - bevor etwas gesagt wird, was notgedrungen auch äußerlich, konventionell ist. Radikal individuell kann eben nur der vorsprachliche Raum sein.

Wir sind die Mahnmale

Es ist bloß ein flüchtiger Augenblick bei der Verfertigung des Gedankens, aber ein sehr folgenreicher: Dieses Schweigen ist kein Selbstzweck, es wird ja schon gleich wieder gesprochen, aber es stellt eine Spannung zur Geläufigkeit des Redens her, die notwendig ist, damit das Reden überhaupt noch Sinn hat. In einer Diskussion im Gropius-Bau wandte sich Gerz gegen die Abstraktion, zu der das entindividualisierte, konventionelle Sprechen gerne Zuflucht nimmt: "Wer hat uns denn den Tribünenplatz verkauft, wo wir aus solcher Distanz auf uns selbst schauen können?" Es müsse doch auch Leute geben, die auf dem Feld spielen. "Wir selbst sind die Mahnmale", sagte Gerz. "Wir müssen Leute finden, die sagen: ,Ich bin' und ,Ich tue'."

Insofern ließe sich sagen, der Sinn einer Akademie liege in den Mitgliedern selbst, noch bevor sie den Mund auftun und zu einer aktuellen Frage Stellung nehmen. Vermutlich käme es darauf an, die Aussagekraft der vernutzten, verbrauchten Worte in der Intimität eines voröffentlichen Raums wiederherzustellen. Die Akademie müßte zuerst wieder eine Art Schutzraum des Denkens bieten, in dem die Mitglieder auch außerhalb ihrer offiziellen Versammlungen ungeschützt und radikal sprechen können, bevor sie die Öffentlichkeit suchen. So könnten tatsächlich die Mitglieder der Akademie und nicht die Impresarios des Kulturbetriebs darüber entscheiden, was und auf welche Weise die Akademie zum Thema macht.

Eine Idee steht im Raum: die Akademie der Künste mit der Akademie der Wissenschaften zu fusionieren. Dafür spricht einiges. Ästhetische Imagination und szientistische Rationalität könnten sich gegenseitig herausfordern. Viele der heute wichtigen Themen ließen sich mit größerer Kompetenz behandeln, unabhängiger noch von den üblichen Codierungen der Medienwelt. Doch der Verwaltungsakt der Fusion allein würde dem Verschleiß der Wortmeldungen und der allfälligen Instrumentalisierung noch nicht entgehen. Heiner Müller hat zur Rettung des Theaters einmal vorgeschlagen, alle Bühnen für mindestens ein Jahr zu schließen. Vielleicht wäre diese äußere Funkstille, bei um so größerer innerer Aktivität, auch für die Akademie das probate Mittel. Wenn sie wieder gehört werden will, müßte sie vorübergehend zu einem Laboratorium des Schweigens werden.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.08.2003, Nr. 197 / Seite 33
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