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Debatte um Tariq Ramadan Entlassung wegen unangemeldeter Nebentätigkeit

24.08.2009 ·  Die Entlassung Tariq Ramadans, der sich als Modernisierer des Islam begreift und eine von der iranischen Regierung finanzierte Fernsehsendung moderiert, hat eine heftige Debatte entfacht. Er selbst scheint Ahmadineschads Medienleute für toleranter als die erzliberale Rotterdamer Elite zu halten.

Von Dirk Schümer
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Darf ein europäischer Intellektueller für das iranische Fernsehen arbeiten? Der umstrittene Sozialphilosoph Tariq Ramadan, Verfechter einer Modernisierung des Islams in der westlichen Gesellschaft, hat genau diesen Spagat versucht: Seit 2007 lehrte er als Gastdozent der Rotterdamer Erasmus-Universität „Identität und Bürgergeist“ und beriet die Stadt Rotterdam in multikulturellen Fragen. Gleichzeitig moderierte Ramadan von einem Studio in London aus eine Gesprächssendung in „Press TV“, einem englischsprachigen Sender, der fast komplett von der iranischen Obrigkeit finanziert wird. Eine der beiden Funktionen kann der Brückenbauer von eigenen Gnaden nun nicht mehr fortführen: Sowohl der Verwaltungsrat der Erasmus-Universität als auch die Rotterdamer Gemeindeverwaltung haben ihn letzte Woche fristlos entlassen und dadurch eine heftige Debatte losgetreten.

Autoren der globalen Islamkritikerszene stilisieren Tariq Ramadan, den in der Schweiz aufgewachsenen Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Muslimbruderschaft, zur Symbolfigur für die Gefahr des verkappten Islamismus. Die französische Laizistin Caroline Fourest hat ihn in ihrem Buch „Frère Tariq“ bezichtigt, mit gespaltener Zunge zu sprechen, vor Muslimen den Kampf gegen die westliche Dekadenz zu predigen und im Westen den Frieden. In Amerika hat der „liberale Falke“ Paul Berman die wohlwollende Würdigung Ramadans durch Ian Buruma als Exempel selbstzerstörerischer Toleranz gedeutet. Andererseits genießt Ramadan seit 2005 den Status eines Gastforschers am St Antony’s College in Oxford, einer Pflanzstätte des aufgeklärten Internationalismus. Und im katholischen Herder-Verlag erschien jüngst eine schwärmerische populäre Biographie.

Die Toleranz der Rotterdamer Elite

An Ramadans Lehrtätigkeit hat die Erasmus-Universität denn auch nichts auszusetzen. Ausdrücklich geht es um den mittelbaren Kontakt zu einem Regime, das spätestens seit den Unruhen während der Wahlperiode „viele Bürger, vorzugsweise Studenten“ blutig unterdrückt. Diverse Mitarbeiter haben deshalb seither bei Press TV gekündigt. Da aber Ramadan weiter moderieren will, wird ihm seine journalistische Tätigkeit als Unterstützung des brutalen Ahmadineschad-Regimes ausgelegt. Ramadan, der die Niederschlagung des Studentenaufruhrs in Iran scharf kritisiert hatte, weist auf den freien Charakter seiner Sendungen hin. Bei ihm hätten „Atheisten, Rabbiner, Frauen mit und ohne Kopftuch“ ihre Meinung sagen können; redaktionelle Vorgaben von der iranischen Obrigkeit gebe es nicht. Und Ramadan, der ironisch an den florierenden Handel der Niederlande mit Iran erinnert, beharrt auf seinem Konzept der geduldigen Modernisierung islamischer Gesellschaften. Er unterstellt so Ahmadineschads Medienleuten implizit eine größere Toleranz als der erzliberalen Rotterdamer Elite: „Die Kontroverse besagt mehr über den besorgniserregenden Zustand der niederländischen Politik als über meine Person.“

Ausgerechnet Rotterdam, die ethnisch gemischte Stadt des erschossenen Pim Fortuyn, sollte nach den Plänen der regierenden Koalition zum Aushängeschild eines neuen Miteinanders von „allochthonen“ und „autochthonen“ Niederländern werden. Die Ernennung des aus Marokko stammenden Sozialdemokraten Ahmed Aboutaleb zum Bürgermeister machte weltweit Schlagzeilen, doch gerade dieser von rechts scharf beäugte Schachzug macht es der Stadt jetzt unmöglich, Ramadan zu halten: Der muslimische Bürgermeister darf keinen Verdacht dulden, er halte es mit Islamisten. Die islamfeindliche „Freiheitspartei“ von Geert Wilders begrüßt die Kündigung naturgemäß als überfällig, und prominente Kolumnisten, wie der zuweilen sehr rabiate Afshin Ellian, hatten Ramadan ohnehin seit Monaten unter Beschuss genommen – auch wegen seiner Ablehnung der Homosexualität. Ellian sieht „in der Propaganda gegen Israel das Kerngeschäft von Press TV“, was Ramadan längst als Agenten des Salafismus, der kämpferischen Orientierung an der Prophetenzeit, diskreditiert habe.

Zwanzig schockierte Dozenten

Nun ist die fristlose Kündigung einer Dozentur an einer niederländischen Universität keine Lappalie. Ins bürgerlich-tolerante Holland kamen einst Gelehrte wie René Descartes, weil sie im autoritären Resteuropa verfolgt wurden. Amsterdam mit seinen Druckereien war vor und in der Aufklärungszeit der sichere Hafen für alles kontroverse Gedankengut, vor allem in Religionsfragen. Die Erasmus-Universität setzt in ihrem Selbstverständnis diese Tradition der niederländischen Toleranz fort. Und war nicht vor siebzig Jahren der greise und weltberühmte Professor Johan Huizinga in Leiden lieber in deutsche Geiselhaft gegangen, als den Rauswurf jüdischer Kollegen durch die Besatzer zu dulden?

Solche Reminiszenzen schwingen durchaus mit, wenn jetzt zwanzig „schockierte“ Dozenten der Erasmus-Universität vehement gegen die Kündigung von Ramadan in einem offenen Brief protestieren. Sie erinnern an eine solide Lehrtätigkeit, an seine „enthusiastischen Studenten“ und daran, dass der Verwaltungsrat keinerlei inhaltliche Kritik vorbringen konnte. Die Kündigung verstoße gegen die akademische Freiheit: „Die Universität muss einstehen für das unbehelligte Argumentieren.“

Nun ist Tariq Ramadan also auch in den Niederlanden einstweilen mit seinem Modernisierungsprojekt für den Islam gescheitert. Er darf (als Islamfreund) nicht in die Vereinigten Staaten und (als Islamfeind) nicht in die meisten arabischen Staaten einreisen; in China ist er wegen seines Einsatzes für den Dalai Lama unwillkommen. Und während ihn islamische Fundamentalisten für seine Ablehnung der Todesstrafe und die Umdeutung von Koranstellen bedrohlich ins Visier nehmen, wurde nun seine Lehrtätigkeit in einem Frontstaat des Multikulturalismus beendet – nicht von Hardlinern, sondern von der toleranten Obrigkeit, die ihn eingeladen hatte. Ramadan hat recht: Das zeugt von der großen Nervosität des Westens im Umgang mit dem Islam. Aber es ist auch ein Symptom für die undemokratische Wirklichkeit islamischer Staaten, die irgendwann jeden beschädigt, der sich mit ihr einlässt.

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Jahrgang 1962, Feuilletonkorrespondent mit Sitz in Wien.

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