05.11.2003 · Daß Hohmann übelste Legenden verbreitet, fällt ins Auge. Der blinde Fleck der Empörung aber ist der legendenhafte Zug unseres eigenen Geschichtsbildes. Die Vorstellung vom Volk der Täter ist eben doch verbreitet.
Von Patrick BahnersBrigadegeneral Reinhard Günzel ist studierter Historiker. Offenbar verfolgt er aber die Entwicklung seines Faches nicht mehr aus der Nähe. Sonst hätte er nicht eine Rede als Leuchtsignal der "Klarheit und Wahrheit" gepriesen, in der sich folgender Satz findet: "Mit geradezu neurotischem Eifer durchforschen immer neue Generationen deutscher Wissenschaftler auch noch die winzigsten Verästelungen der NS-Zeit." Fortgesetzte wissenschaftliche Aufklärung als Symptom einer seelischen Krankheit - die Zustimmung zu dieser Diagnose des Festredners Hohmann genügt, um die Rüge des Verteidigungsministers für Günzel zu rechtfertigen. Daß hier aber tatsächlich, wie Peter Struck festgestellt hat, ein Fall von "Verwirrung" vorliegt, erkennt man daran, daß der Satz, ganz unabhängig von der tadelnswerten Absicht, in der er gesprochen und bekräftigt worden sein mag, sachlich einfach falsch ist.
Es kann nicht die Rede davon sein, daß die heutige Generation der Zeithistoriker die Arbeit ihrer Vorgänger dupliziert. Die Metapher von den Verästelungen, die allenfalls noch unerforscht wären, führt in die Irre. In Wahrheit ist das Hitlerreich in wesentlichen Hinsichten immer noch terra incognita. Wie zuletzt die Rezensionen des vierten Bandes von Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte gezeigt haben, streiten die Gelehrten nach wie vor sogar darüber, ob die wichtigste Entscheidung der zwölf Jahre, die Anordnung der Ermordung der europäischen Juden, überhaupt von Hitler persönlich getroffen worden ist. Nun pflegen Mörder ihre Befehle nicht zu den Akten zu geben. Aber man nehme eine soziale Sphäre, die kein Dasein außerhalb der Papierproduktion hat - die Wissenschaft. Probleme der Einfühlung kann sie den Forschern nicht aufgeben. Dennoch fand sich in einer mittelgroßen, traditionsreichen, im Kontext nationalsozialistischer Politik nicht unwichtigen Disziplin, der Anglistik, ein halbes Jahrhundert lang kein Fachgenosse, der ihre Geschichte unter Hitler geschrieben hätte. Ein Romanist (F.A.Z. vom 4. November) mußte den Kollegen aus der Verlegenheit helfen, die von Verdrängung allein nicht erklärt wird.
Ein mühseliges Geschäft
Die deutsche Geschichte von 1933 bis 1945 ist ein unendlich mühseliges Geschäft, da hier die Grundregel aller historischen Überlieferung, daß nur das Bedeutsame aufgezeichnet und betrachtet wird, leerläuft. Jeder Einzelfall kann das Gesamturteil beeinflussen, wie im Fall jener verfluchten Gemeinwesen, die Gott wegen zehn Gerechter gerettet hat. Des Abgeordneten Hohmann Projekt der nationalen Ehrenrettung richtet sich schon dadurch, daß er die differenzierenden Forschungen verächtlich macht, die allein die Phantasmagorie des Tätervolkes auflösen können. Aber solange wir sowenig wissen, wie wir wissen, muß selbst bei Fortschritten der Erkenntnis die Kollektivschuldthese als stillschweigende Hilfsannahme das Bild komplettieren. So hat sich etwa seit einer verbandsoffiziellen Bußübung auf dem Frankfurter Historikertag vor fünf Jahren in der Öffentlichkeit der Glaube festgesetzt, "die" Historiker seien "Vordenker der Vernichtung" gewesen, obwohl es an Nachweisen für die tatsächliche Verwendung der in einem kleinen Kreis von Ostforschern erarbeiteten bevölkerungspolitischen Denkschriften fehlt. Die Historiker müssen verstrickt gewesen sein, weil die Deutschen ja schuldig sind.
Im Fall des SS-Forschers Schneider, der sich in den Reformgermanisten Schwerte verwandelte, wurden weitläufige Kollegennetzwerke postuliert, die das Inkognito gehütet hätten - hier näherte sich die gelehrte Bewältigung jenem verschwörungstheoretischen Denkmuster an, das Hohmanns Erklärungen der Oktoberrevolution prägt. Mag Frau Merkel es mit ihren Wählern ausmachen, daß sie Hohmann als Kollegen ertragen will, solange er nicht wieder öffentlich die "Thesen" aus Henry Fords "Weltbestseller" über den "International Jew" erläutert. Daß Hohmann übelste Legenden verbreitet, fällt ins Auge. Der blinde Fleck der Empörung aber ist der legendenhafte Zug unseres eigenen Geschichtsbildes.
Volk der Täter
Die Vorstellung vom Volk der Täter ist eben doch verbreitet, die Rede wenigstens vom Land der Täter sogar gängig. Alle Tage kann man lesen, daß "die Deutschen" in Berlin ein Mahnmal errichten, zu dem auch die Erben der Hersteller von Zyklon B beitragen sollen, denn hier bauen ja "die Täter". Debatten, die Schlüsse aus unserem allmählich wachsenden Wissen über die Hitlerzeit ziehen, werden vor allem dazu genutzt, Unterschiede im Verhalten der Bevölkerung einzuebnen. Die gut belegte Resistenz des katholischen Milieus wird zur Anpassung umdefiniert. Ein Wissenschaftler hat im dienstlichen Schriftverkehr die Grußformel "Heil Hitler" gebraucht? Gräfin Dönhoff hat den Widerstand verklärt? Solche Nachrichten finden dankbare Aufnahme in unserem Volk. Geschichtswissenschaft und Gedenkrhetorik haben es geschafft, das Propagandagaukelbild der Volksgemeinschaft nachträglich ins Dasein zu rufen. In der Wehler-Rezensorik wird erörtert, ob der Verfasser die Kraft von Hitlers Charisma überschätzt und die materiellen Anreize unterschätzt, die der von Götz Aly beschriebene Volkswohlfahrtsstaat zum Mitmachen bot. Umstritten ist anscheinend nur, ob das Tätervolk aus Verliebten oder aus Profiteuren bestand.
Daß "die zur Zeit in Deutschland dominierende politische Klasse und Wissenschaft" eine "gnädige Neubetrachtung" der Geschichte verhindere, ist aus dem Munde eines Mitglieds dieser Klasse ein erbärmliches Wort. Aber man erinnere sich an die Zeit, als den falschen Bildern und bösen Parolen der "ersten" Wehrmachtsausstellung landauf, landab die Rathäuser geöffnet wurden. Glaubt man, ein christdemokratischer Verteidigungsminister hätte einen General entlassen, der Klarheit und Wahrheit des tätervolkspädagogischen Spektakels gerühmt hätte?