Oh Gott: Blutroter Hagel aus splittrigen Eisbrocken prasselt auf die gesalzene, sterbende Erde. Dicke feuchte Schlammkäfer brummen in Angriffsformation hin und her. Molche speien Schlundsäure. Und über alledem priestert schließlich eine entmenschte Leichenfresserstimme mit ausgedachtem altägyptischem Akzent die kaum verständliche Beschwörung: „Amun / Lord of the Gods / Thou who art of the Four Rams Heads upon thy Neck / Thou standest upon the spine of the Crocodile Fiends“.
Zu diesem mythopoetisch-monumentalen Bild schenkt die einfallsreiche Soundausstattung des tosenden Stücks dem Gehör ein berauschendes Gefühl davon, wie Musik klingen müsste, wenn sie nicht von Menschen für Menschen gemacht würde, damit sie sich in der Luft per Schallwellen ausbreitet, sondern gewohnheitsmäßig unter Wasser stattfände, als bevorzugte Kunstform korpulent-feindseliger Kiemenatmer etwa, die ein bösartiger Schöpfer, der nicht wollte, dass man sie streicheln kann, in giftige Knorpelplatten verkapselt hat (samt finsteren Schlitzen drin: den Ohren). Dass man Gitarren zupfen, schlagen und schlimmstenfalls dreschen kann, weiß man eh; hier aber erleben wir, was passiert, wenn einer wie dieser Karl Sanders (der dazu nötigenfalls grausam röchelt, siehe oben) die Saiten mit ätzendem Handballenschweiß einfettet, pfetzt, schreddert, nudelt, gerbt, kerbt, geißelt und bitterlich beschlarzt (eben gab es das Wort noch nicht; schon rupft Sanders es mitleidlos in Fetzen).
Unvergleichlich mit anderen Profis
Ein grimmer Bass, bedient von Dallas Toler Wade, schwingt dazu von rechts nach links wie ein von seinem eigenen Gewicht zum Selbstmord durch Einsturz gedrängter Riesenstahlkran. Wer das, was George Kollias, um den Wahnsinn abzurunden, todernst zusammentritt und -trommelt, verniedlichend einen „Rhythmus“ nennt, verwechselt wahrscheinlich auch ein Jumbojet-Düsentriebwerk mit einem elektrischen Handrasierer.
Schlagzeug? Kann man schon so sagen; vorausgesetzt, man macht sich klar, dass der Mann, der hier am Gerät sitzt, mit jedem seiner beiden Füße zwischen Achteltaumel, koordinationszerstörender Sechzehntel-Dystonie und fersenfeindlicher Bomb-Blast-Doppelbelastung Tempi und Musterwechsel hinkriegt, die den meisten Profis selbst mit sechs Händen und dreieinhalb Beinen missraten müssten. Entfesselte Akrobatik, gequetschte Lotosblüten, schreiende Zuckerwatte, brennende Götterspeise. Zack, vorbei. Was das bitte war? Das war die überragende Nummer „Papyrus containing the spell to preserve his possessor against attacks from he who is in the water“ vom herrlichen Album „Ithyphallic“ der Band Nile aus dem Jahr 2007.
Eine Botschaft aus der Welt der Pharaonen
Seit 1993 arbeitet der Gitarrist und Brüllrezitator Karl Sanders als Orchesterchef dieses Projekts mit wechselnden Unterstützern an einer ebenso hyperkomplexen wie zähnefletschenden Variante des Death Metal, die man in Würdigung ihres immensen aufführungspraktischen Schwierigkeitsgrades „technical“ getauft hat. Mit den verschiedenen lebenden Kindern und Wechselbälgern des älteren Progressive Rock hat diese Musik gemein, dass ihre Adepten Eingängigkeit, aufgeräumte Isorhythmie und überhaupt für Rockmusik sonst verbindliche Kompositionsarchitekturen, die sich auch das ungeübte Gehör nach anderthalb Minuten merken kann, mit tödlichem Hass verabscheuen.
Eben ist eine neue Platte der Gruppe erschienen. Sie heißt, weil der gemütvolle Maniker Sanders nicht unser Hier und Heute, sondern die Welt der Pharaonen bewohnt, wo er alle seine lyrischen Flüche und Zornausbrüche findet, „At The Gate Of Sethu“. Es ist die bis jetzt im Sinne eines Querschnitts durch das Können und Wollen der Beteiligten repräsentativste Arbeit der Band - wenn auch nicht unbedingt die beste (wer Kunst als Überbietungsgymnastik betreibt und statt auf eine bewegte Schaffenslaufbahn nur auf Spitzenleistungen aus ist, müsste spätestens nach einem Kronjuwel wie „Iskander Dhul Kharnon“, dem sechseinhalbminütigen Abschluss der letzten Nile-Studioschändung „Those Whom The Gods Detest“ vor drei Jahren, die Instrumente weglegen; dicker wird’s nicht).
Ohne Zeit zum Luft holen
Wie mehrere Werke, die Sanders leitend verantwortet, darunter die beiden Klangfilm-Solo-Seltsamkeiten „Saurian Meditations“ (2004) und „Saurian Exorcisms“ (2009), aber anders als der unvermittelte Sturz ins Knüppelgewitter, der das Nile-Debütalbum „Amongst The Catacombs Of Nephren-Kha“ von 1997/98 eröffnete, setzt „At The Gate Of Sethu“ mit dräuender Kulissenschieberatmosphärik ein. Paukengroll, Wellblechdonner, Flüstern, Winseln, Haremsmädchenstimmen: Gemeint ist damit eine Art zeremonieller Gong, etwas wie das Beiseiteziehen samtener Vorhänge vor der Kinoleinwand - man soll sich sammeln, bevor das aggressive Virtuosentum, das gleich fettfrei schlank, eisern diszipliniert und halsbrecherisch flink aus den Musikern hervorbricht, jeden Gedanken ans Atemholen in den Wüstensand stampft.
So ein Gestus kann einem durchaus zuwider sein. Ist die verbissene Insistenz jeder Sekunde dieser Platte, die kreischt, dass hier Personen am Werk sind, die etwas können, das andere nicht können, womöglich die garstigste denkbare Verschärfung der Deppenreligion des Handgemachten und Ursprünglichen, in deren Namen seit bald einem halben Jahrhundert elende Stadionrockspießer und Hifi-Turmwächter ihre blöden Bockigkeiten gegen lebensverschönernde Erfindungen wie Synthesizer, Drumcomputer, Sampling und überhaupt die geschickte und elegante Nachbearbeitung der Früchte menschlicher Fehlbarkeit blöken? Liegt da Fetischismus vor, Verdinglichung, Authentizitätszwangsneurose?
Mit technischen Tricks zum müden Kunstwerk
Wer so fragt, vergisst, dass Kunst, auch populäre, nicht nur von Ereignissen, Intensitäten und deren Erzeugungsweisen handelt, sondern auch davon, wie vergänglich das alles ist - also vom Altern, von (und sei’s sehr kurzer) Geschichte, vom jeweiligen Stand einer ästhetischen Entwicklung. Wer Nile erlebt, hört Leuten zu, die in einem geschichtlichen Moment lauten, schnellen, Aggressionen und Trotz kommunizierenden Krach machen, in dem Rockmusik von den Virtuosen eben nicht der Spiel-, sondern der Studiotechnik zwischen Schlagzeugtrigger und elektronischer Tonbeugung immer häufiger um ihre potentielle, älteren Arten des Musizierens in nichts nachstehende Dynamikreichweite zwischen piano und fortissimo betrogen wird.
Am Bildschirm kalkuliertes Crescendo und Decrescendo übernehmen bei immer mehr Produkten, die man so zu hören kriegt, die ins hirnlos Funktionale abgeglittene Aufmerksamkeitssteuerung - wie wenn bei einer Lesung im Literaturhaus eine Schriftstellerstimme bei besonders kitschigen Stellen zynisch leiser wird, damit sich das Publikum auf den Stühlen nach vorne lehnt und ganz doll aufpasst, und bei besonders albernen mutwillig zu laut, damit alle lachen. Und es klappt. Schrecklich. Nile - und viele andere; die Band steht hier für eine ganze, hochintegere Richtung zeitgenössischen Lärmschaffens - setzten diesem Stand des Verfalls der Rockmusik absurditätensprudelnde Stürme entgegen, die den Instinkt, der nach dem Kalkül der Toningenieure die müden Puppen tanzen lassen soll, das Nicken mit dem Kopf und das Händeklatschen verweigern.
Dave Lombardo als Kunsthandwerker
Über derlei denken Menschen wie Karl Sanders und George Kollias selbstverständlich nicht bewusst nach; sie sind ja keine Musiksoziologen oder Rockjournalisten. Aber die Hände und Füße, mit denen sie ihre Musik machen, dementieren das, was die Gehirne der großen Equalizer in ihren unmusikalischen Gerätetechnik-Kommandozentralen an hocheffektivem Müll täglich ausrechnen, einfach praktisch statt theoretisch. Was ein suspektes Wort wie „handgemacht“ nämlich überhaupt bedeutet, hängt davon ab, ob wir es jeweils mit einer naiven oder einer von der Arbeit an bestimmten ästhetischen Fragen bereits gewitzigten, veränderten, im schönsten Doppelsinne des Wortes gebildeten Hand zu tun haben.
Als Dave Lombardo, mit der Band Slayer berühmtgewordener Schlagzeuger von seltenen Gaben, der im Laufe der Jahre weit herumgekommen ist (Fantomas, Grip Inc., John Zorn et cetera), sich 2005 für „Drums Of Death“ mit dem Schnippelkönig DJ Spooky zusammentat, bekam man eine erste Ahnung davon, welche Art Überwindung alter Dichotomien der musikalischen Arbeitsteilung das betreffende Problem auf die Tagesordnung setzt und wie diese Überwindung auf keinen Fall klappen kann (nämlich so wie auf „Drums Of Death“: Pfui Teufel, sehr hübsches Kunsthandwerk).
Im Dickicht ihrer Gitarrenklänge
Als die Neo-Prog-Rock-Band Dream Theater, die gelegentlich ins eine oder andere Pathos-Fettnäpfchen tritt, sich aber um bestimmte Formen des Theatralischen im Rahmen des komplett verkopft Bastelbesoffenen unverächtliche Verdienste erworben hat, vor kurzem einen neuen Drummer suchte, schied der Hochleistungshammerwerfer Derek Roddy, der einen Stil pflegt, den man mit der Arbeitsweise von George Kollias und also der Musik von Nile durchaus vergleichen kann, schon in der ersten Proben-Runde aus. Körperbeherrschung ist eben nicht alles, Kompromissbereitschaft und Pfiffigkeit aber, zeigt der Fall Lombardo/DJ Spooky, evidentermaßen auch nicht.
George Kollias macht auf „At The Gate Of Sethu“ erst mal da weiter, wo er sich schon auskennt. Toler Wade und Sanders, die sich wie üblich Gebell und Geschrei teilen, werkeln und tricksen an ihren verschiedenen Gitarren (sowie, im Fall Sanders, ein paar exotischeren Instrumenten) gewohnt eigen, präzise und abwechslungsreich herum - stundenlanges Sichverirren in ihren Läufen und Launen ist garantiert und lässt nichts zu wünschen übrig.
Kollias jedoch ist es, der die Show durch dick und dünn trägt, durch Dreck und Feuer; seine Blasts und Wirbelchen zwischen Sprintsadismus, gebremster Schiebebreite, unbegreiflicher Hand-Fuß-Koordination und delikatester Balance entscheiden, ob die Band gerade diviso oder unisono, als hysterisches Durcheinander rasender Irrer oder schlagkräftiges Wühlkommando aufsteigt oder abstürzt. Die Geschlossenheit, die im einen Augenblick beeindruckt - „I will embrace you“ jubelt düster der Männerchor in „The fiends who come to steal the Magick of the Deceased“ -, wird im nächsten von vertrackten Rösselsprung-Zauberkunststücken im Kollias-Katastrophengebiet, wo Pedale, Becken und Bassdrum einander Entscheidungsschlachten liefern, in zahllose Elementarschrecken zersprengt.
Diese Musik greift sich den Hörer
Austeilen und Wiedereinsammeln treffen aufeinander wie Sisyphos und Tantalus beim Boxkampf. Manchmal besteht Sanders auf seinem Bandbossrecht und schaufelt sich ein Plätzchen frei, auf dem er, wie in dem kurzen Instrumentaleinschub „Ethno-Musicological Cannibalisms“, seiner Exotistenseele ein bisschen Auslauf gönnen darf (die Kollegen von Melechesh machen das aber besser). Insgesamt jedoch vertraut Sanders seinem Kollias, und mit vollstem Recht: Der wird das Kind schon martern.
Überlässt man sich „At The Gate Of Sethu“ mit der nötigen Wehrlosigkeit, öffnet sich die Faust, die man zunächst auf sich zurasen spürt. Zwar packt sie dann zu. Aber ihre Finger besitzen mehr Geschick, als man meint. Die Götter des alten Ägypten sind kitzlig. Und wenn sie lachen, bebt der Kosmos gern.
Death Metal im Hochfeuilleton:
Magnus Feuer (magnusfeuer)
- 02.07.2012, 11:15 Uhr
Rhytmische Probleme????
gerd hodina (hodger)
- 01.07.2012, 18:39 Uhr
Toll.
Jim Bartel (Jean-Carlo)
- 01.07.2012, 16:03 Uhr