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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

De Gaulles Erbe Der Verrückte des 18. Juni

 ·  Heute vor siebzig Jahren, am 18. Juni 1940, verkündet ein unbekannter französischer General seinen Landsleuten, dass Frankreich nicht besiegt sei. Eine Pariser Ausstellung geht jetzt dem schwierigen Erbe Charles de Gaulles nach.

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Was ginge es uns an, wenn Frankreich trotz Rückkehr in die Nato, trotz Sarkozys Brachialreformen, trotz Entrümpelung seiner republikanischen Mystik einen untilgbaren Rest gaullistischen Eigensinns bewahrt hätte? Diese besondere Art, gegen die Kulturglobalisierung die Stimme zu heben, eigene mit universaler Schicksalserwartung zu vermischen und selbst hinter dem Anpfiff für die „bleus“ in Südafrika die Trompeten von Jericho mitzuhören, könnte als eine nette Marotte abgetan werden. Die Ausstellungen und Publikationen, mit denen die Nation den siebzigsten Jahrestag des Aufrufs vom 18. Juni begeht, auch des hundertzwanzigsten Geburtstages und dreißigsten Todestages von Charles de Gaulle, lassen tiefer blicken.

Das Fehlen kritischer Stimmen könnte die Vermutung nahelegen, die Symbolfigur des Neinsagens sei endgültig im Wachsfigurenkabinett der Geschichte angelangt. Auch der unter einigen französischen Schullehrern gerade aufgekommene Streit, ob de Gaulles Kriegsmemoiren tatsächlich verdienen, in den literarischen Textkanon für Abiturprüfungen aufgenommen zu werden, wie aus dem Ministerium verfügt wurde, kommt mangels stichhaltiger Argumente gar nicht recht in Gang.

Konträre Erinnerungen

Glaubwürdiger ist eine andere Lesart des Befundes. Die, dass die geistige Aneignung de Gaulles in Frankreich noch nicht abgeschlossen ist. Hat de Gaulle die Möglichkeiten Frankreichs überschätzt? So fragte einmal François Mauriac. Dieser Zweifel sitzt der Nation bis heute im Genick. Es rumort zwischen den einschlägigen Erinnerungsorten. Ob die Größe der Säulenfigur mit oder ohne Sockel zu messen sei, geht aus der hagiographischen Literatur von Malraux und Mauriac bis Max Gallo und Régis Debray immer noch nicht deutlich hervor. Ein Beispiel der Unschlüssigkeit bietet die Ausstellung „De Gaulle et la France libre“ im Pariser Invalidenmuseum. Dem Besucher gerät sie zum Hürdenlauf durch konträre Erinnerungen.

Drei Institutionen kohabitieren im monumentalen Hôtel des Invalides. Man hätte erwarten können, dass aus Anlass des Jubiläums das Musée de l’Armée, das verstaubte Musée de l’Ordre de la Libération und das vor zwei Jahren eingeweihte Historial Charles de Gaulle sich zu einem Gesamtporträt zusammenraufen. Nichts dergleichen. Bis auf ein BBC-Mikrofon blieben so gut wie alle Exponate an ihrem Ort. Quer durch die Invaliden-Flügel wurden aber zwischen den Sammlungen blaue, weiße und rote Spuren gelegt, auf denen man sich sofort verläuft. Blau führt eine Bodenmarkierung unter dem Titel „Mémoire d’objets, objets de mémoire“ in den Sälen des Kriegsmuseums aus dem Ersten Weltkrieg zu den Konsequenzen der neuen mechanisierten Kriegskunst, die de Gaulle in seinen Schriften vorausgesehen hat. Der Stellungskrieg weicht der Bewegung, die Unterstände den Panzern, die Handfeuerwaffen dem automatischen Geschütz, die Geländekenntnis der Lufthoheit.

Auf trikoloren Spuren

Für den Mann, der diese Entwicklung seinen Vorgesetzten vergeblich klarzumachen versuchte, tut sich in der Galerie der Evolution der Kriegstechnik im Musée de l’Armée ein eigener Saal auf. Er enthält persönliche Gegenstände und Textstellen aus den Schriften des Kommandanten des Ungehorsams im Namen höherer Verpflichtung, der am 17. Juni 1940 in Bordeaux ein Flugzeug nach London bestieg, Marschall Pétains Rundfunkaufruf zum Waffenstillstand hörte und am Tag danach sein „Ich, General de Gaulle, gegenwärtig in London, lade alle französischen Offiziere und Soldaten ein, mit mir Kontakt aufzunehmen“ ins Mikrofon sprach – ein Kriegsführer in verzweifelter Lage.

Aus diesen Sälen führt unter dem Titel „Itinéraire mystère: Français libres et résistants“ aber eine rote Spur in die beiden anderen Museen. Souvenirstücke und Bildprojektionen, vorzugsweise aus der Perspektive von schräg unten mit der hochgewachsenen Gestalt des Generals vor dunklen Himmeln und markanten Denkmälern, feiern hier den Einsamen, den Helden, den großen Schriftsteller. Aus dieser personalistischen Überhöhung wiederum lenkt eine weiße Spur in den Ehrenhof mit Fotos aus kollektiver Soldatenerinnerung, als steckte in jedem Widerstandskämpfer ein kleiner General. Philologische Textvarianten der Rundfunkreden vom Frühsommer 1940 ergänzen schließlich in einer Sonderausstellung das Bild.

Das unbesiegte Frankreich

Nicht nur die wirre Präsentation lässt einem den Kopf brummen. Auch die Publikationen zum 18. Juni bereiten Kopfschmerzen, indem sie Veteranen gegeneinander in Stellung bringen. De Gaulle und Pétain: Die Vichy-Aufarbeitung mit ihren Nuancen seit Henry Rousso scheint schon wieder vergessen. Ein hochverdient resignierter Marschall und ein scheinbar Verrückter, der ohne Mandat und Armee seine Verleugnung des Offensichtlichen in ein geliehenes Mikrofon spricht – das ist die Gedenkperspektive. Oder: Was vermag ein Einzelner gegen den Lauf der Geschichte?

Jahrhundertgeschichte habe de Gaulle wohl keine geschrieben, antwortet Régis Debray in einem der hellsichtigsten aller aktuellen Beiträge: seinem Vorwort zur Neuauflage von de Gaulles „Grands discours de guerre“ (Perrin). Frankreich habe nach der Niederlage von 1940 schon nicht mehr genügend historisches Gewicht gehabt, schreibt Debray: Die Würfel des Weltgeschehens wären auch ohne de Gaulles Reden gleich gefallen. Wenn der General aber das Gesicht der Welt nicht verändert habe, so habe dank ihm immerhin Frankreich das seine gewahrt. Dem Land sei so erspart geblieben, zu einer bloßen Zone zu verkommen, einem jener militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Gebilde, die entstehen, „wenn eine Nation oder ein Kontinent seinen im Irrationalen wurzelnden Gründungsmythos abwirft, ohne einen neuen zu finden“.

Die machtpolitischen Zappelanfälle Sarkozys

Dass kein anderes Volk Europas für seinen Widerstand gegen Sachzwänge eine solche symbolische Führergestalt hat, fasziniert auch den Historiker Sudhir Hazareesingh. Weder die französische Absage an die EU-Verfassung 2005 noch der Kampf gegen Fremdeinflüsse, selbst noch die machtpolitischen Zappelanfälle Sarkozys seien, so schreibt er in seinem Buch „La Mythe gaullien“ (Gallimard), ohne den Meisterstreich des Generals erklärbar, der 1940 ein neues Waterloo in „eine Renaissance, eine neue Vitalität, eine spezifisch französische Hartnäckigkeit und Unbelehrbarkeit zu verwandeln vermochte“.

Sie mag den Nachbarn auf die Nerven fallen. Mit ihrem unabgeklärten historischen Profil bietet jene Unvernunft aber ein Korrektiv zum Pragmatismus, der nur noch in Einflusszonen denkt. Und das geht auch uns etwas an.

Die Spurenlegung zu De Gaulle et la France libre dauert im Invalidenmuseum bis zum 30. September

Quelle: F.A.Z.
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