Home
http://www.faz.net/-gqz-6xqqc
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 17.02.2012, 22:11 Uhr

Datenschutz im Internet Jetzt fallen die Masken

Google und Facebook haben nun offenbar die letzte Scheu verloren: Die Giganten des Internets ändern ihre Datenschutzbestimmungen und bereiten den nächsten großen Schritt vor, um allwissend und unentbehrlich zu werden.

© dapd Gerätekennungen und Ortsiformationen: Googles Datenschutzänderung hat es in sich

Die Warnungen sind nicht neu: Die Netzgiganten Facebook und Google sind keine „sozialen Netzwerke“ oder Suchmaschinen. Es sind Nutzerdaten-Vermarkter mit dem Ziel, Werbung individueller und gezielter an den Konsumenten zu bringen. Doch in zunehmendem Maße werden Kritiker, die auf diese simple Tatsache hinweisen, als Spielverderber und Online-Spaßbremsen verunglimpft: Was soll schon dabei sein, ein wenig Werbung hier und da, die besser zugeschnitten ist und deswegen weniger nervt. In den letzten Wochen und Monaten jedoch wurde es sogar manchem hartgesottenen Apologeten mulmig.

Was war geschehen? Den Anfang machte Google mit der Erzwingung von anzugebenden Realnamen in seinem neu gestarteten Dienst Google+. Man wolle schließlich den Nutzer kennen, lautete die vage Begründung nach den ersten zaghaften Protesten. Wie immer beim weltgrößten Werbekonzern, war bereits das weitere Vorgehen geplant, sorgfältig abgewogen und getestet. Denn im nächsten Schritt werden nun die Google-Datenschutzbestimmungen geändert.

Für immer gespeichert

Es klingt erst einmal harmlos, schließlich sind die Nutzer solche Änderungen alle paar Monate bereits gewohnt: Man hat ohnehin keine Wahl, man nimmt es hin. Diese Änderung jedoch hat es in sich. Die „Vereinheitlichung“ der Klauseln bringt eine Verknüpfung der Datenbestände der Google-Dienste mit sich. Was bisher getrennt gehandhabt wurde, wird nun verbunden und zusammengeführt. Suchanfragen, Google-Mail, Google-Dokumente, Chat-Daten, umfangreiche Nutzungsdetails der Android-Smartphones, soziale Kontakte bei Google+, mit einiger Wahrscheinlichkeit demnächst auch noch, welche Filme bei der Google-Tochter Youtube angesehen wurden - all das fließt künftig in ein umfassendes Nutzerprofil.

Die Details der neuen „Datenschutzerklärung“ sind haarsträubend. Google genehmigt sich darin nicht nur den Zugriff auf Telefonnummern und Gerätekennungen, sondern auch auf Nummern, Datum und Uhrzeit von Anrufen und SMS sowie verfügbare Ortsinformationen. De facto startet der Wissensmonopolist eine komplette Vorratsdatenspeicherung - mit unklarer Speicherfrist. Und damit es nicht allzu bedrohlich klingt, sind in dem verharmlosend formulierten Text immer wieder Vokabeln wie „möglicherweise“ und „unter Umständen“ eingestreut. Doch die am 1. März in Kraft tretenden Bestimmungen sind ein frontaler Angriff auf die Kernideen der informationellen Selbstbestimmung von Datensparsamkeit bis Zweckbestimmung. Gespeichert wird auf Vorrat, quasi für immer und so viel, wie nur geht.

Ein allwissender Lebenshelfer?

„Don’t be evil“ ist definitiv vorbei. Und es gibt kaum ein Entrinnen, denn der als Suchmaschine getarnte Werbekonzern hat sich in unser aller Online-Leben gefressen. Besonders perfide ist die Situation bei den Android-Telefonen. Ohne Anlegen einer Google-Identität kann man die Funktionen der Geräte nur sehr eingeschränkt nutzen. Das Installieren von Applikationen über den Android-Markt ist nicht möglich, es sei denn, der Nutzer löst sich aus den Google-Fesseln und installiert - soweit verfügbar - eine der freien Varianten des Android-Betriebssystems, die mehr Kontrolle und Steuerungsmöglichkeiten erlauben. Dem unerfahrenen Nutzer bleiben kaum Optionen. Allenfalls kann er sich einen separaten Google-Account für sein Telefon anlegen, um das Datenprofil auf ein Gerät zu beschränken.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Extremismus im Netz Anzeigen des guten Willens

Nach wie vor nutzen Extremisten das Internet für Rekrutierungs- und Propagandazwecke. Google lässt sich jetzt etwas einfallen, um den Werbern des islamistischen Terrors Einhalt zu gebieten Mehr Von Felix Simon

03.02.2016, 16:44 Uhr | Feuilleton
Internetriese Massiver Jobabbau bei Yahoo

Im vierten Quartal ist der Umsatz bei Yahoo um 15 Prozent zurückgegangen. Der Internetriese Yahoo findet gegenwärtig kein Mittel, um sich im Netz gegen Google und Facebook durchzusetzen. Deshalb streicht der Konzern nun 15 Prozent seiner Arbeitsplätze. Mehr

08.02.2016, 13:21 Uhr | Wirtschaft
Gegensätzliche Entwicklung Googles Aufstieg und Yahoos Fall

Einst waren die Internetfirmen Google und Yahoo gleichwertige Rivalen. Heute ist Google die wertvollste Firma der Welt und Yahoo am Ende. Wie konnte das geschehen? Mehr Von Dennis Kremer

08.02.2016, 12:57 Uhr | Finanzen
Amerika Facebook verbietet Nutzern Waffenhandel

Waffenverkäufe über Facebook sind künftig verboten. Das kündigte das mit 1,59 Milliarden Nutzern beliebteste Internet-Netzwerk der Welt am Freitag an. Mehr

30.01.2016, 11:31 Uhr | Gesellschaft
Datenschutz bei Netzanbietern Unter dem Radar

Sechzig Datenschutzinitiativen schlagen Alarm: Niemand schränkt ein, was amerikanische Netzanbieter mit den Daten ihrer Kunden machen. Die Bundesdatenschutzbeauftragte sieht in den hiesigen Standards einen Wettbewerbsvorteil. Mehr Von Fridtjof Küchemann

31.01.2016, 22:52 Uhr | Feuilleton
Glosse

Liebesspiele

Von Hubert Spiegel

Buchhandlungen sind das Paradies der Literatursüchtigen. Laut einer Umfrage eigenen sie sich jedoch nicht nur zur Beschaffung von neuem Lesestoff, sondern auch als idealer Ort zum Anbandeln. Mehr 2 6

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“