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Datenflut im Internet Abfuhrtermine für Informationsmüll

05.08.2010 ·  Auch im Internet gibt es den freien Raum, den alle abgrasen: die „virtuelle Allmende“. Wenn die Entwicklung der Datenfluten dort weitergeht wie bisher, wird das Netz die eigene Tragik erfahren. Profitieren werden die, die es kommerzialisieren.

Von Miriam Meckel
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Im Internet gibt es keine Grenzen. Informationen reisen unabhängig von Staatsgrenzen, nationaler Zugehörigkeit und Platzmangel durchs Netz. So haben wir uns die Wirklichkeit vorgestellt hinter dem Slogan „Information wants to be free“. Das passende ökonomische Verwertungsmodell ist der „Long Tail“, der selbst dem ausgefallensten digitalen Produkt gilt, braucht es doch keinen Platz im Regal, sondern nur ein paar Megabyte Speicherkapazität. „Space is no escape“ haben Bevölkerungswissenschaftler vor Jahrzehnten die Grenzen der Welt angemahnt. „There is no escape from space“ müssten wir heute formulieren. Niemand entkommt dem unendlichen Raum digitaler Speicherung. Die Datenmenge bedroht unsere Denkwelten.

Stellen wir uns das Web als eine Gemeindewiese vor, unter blauem Himmel. Auf diesem Platz tummelten wir uns, die Netznutzer dieser Welt, Hunderte Millionen Menschen. Und dann stellen wir uns vor, wir brächten unsere Informationen in materieller Form auf diesem Platz unter die Leute. Milliarden von Papieren mit Nachrichten flögen durch die Luft, ein ohrenbetäubender Krach aus Musikfiles und Youtube-Videos dröhnte über den Platz, Werbeplakate zuhauf, und von allen Seiten zerrten Menschen an uns, um uns eine Freundschaftsanfrage in die Hand zu drücken. Würde man einen solchen Platz betreten wollen? Wohl kaum. Würde man ihn überleben? Unsicher.

Die Freiheit der Allmende ruiniert alle

So ungefähr könnte sich William Forster Lloyd das Internet gedacht haben, hätte er sich eine Vorstellung davon machen können und hätte er sich nicht mit Bevölkerungsentwicklung, sondern mit Informationswachstum beschäftigt. Der politische Ökonom Lloyd hat in seinen Überlegungen 1833 zum ersten Mal eine Theorie zum sorglosen Umgang der Menschen mit Gemeingütern beschrieben. Seine Idee ist später zur „Tragik der Allmende“ weiterentwickelt worden, unter anderem in einem „Science“-Artikel aus dem Jahr 1968 von Garret Hardin.

Hardin wendet sich radikal gegen die „unsichtbare Hand“ Adam Smiths. Sie ist als ökonomisches Mantra in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen mit der Grundannahme: Jeder, der danach trachtet, den eigenen Nutzen zu vergrößern, trägt auch zur Mehrung des Allgemeinwohls bei. Hardin widerlegt Smith am Beispiel des Hirten, der ein Vieh auf der Gemeindeweide grasen lässt. Kann ein Hirte ein weiteres Rind auf die Weide bringen, hat er einen Vorteil von plus 1 für sich selbst. Der Schaden, den die Überweidung anrichtet, verteilt sich dagegen auf alle Weidenutzer. Er beträgt also für jeden Hirten nur einen Bruchteil von minus 1. Leider rechnen aber alle Hirten gleich und schicken zusätzliche Rinder auf die Wiese. Und so ist nach kurzer Zeit von der Weide nichts übrig, die Kühe werden dünner und dünner. Hardins radikale Schlussfolgerung: Die Freiheit der Allmende ruiniert alle.

Zum Glück wächst im Netz kein Gras, es weiden keine Kühe und niemand verhungert, wenn er die Informationen nicht findet, die er sucht. Vielleicht bedarf es nur einer perspektivischen Anpassung an die Besonderheiten des Web, um zu verstehen, warum hier dennoch ähnliche Gefahren lauern. Wenn die Entwicklung der Datenfluten im Netz weitergeht wie bisher, wird auch das Internet die eigene Tragik erfahren - als virtuelle Allmende.

Eine endlose Marketingkette

Es gibt viele Beispiele für die Übernutzung des Netzes mit sinnlosen Daten. Wer einmal versucht hat, dauerhaft einen kostenlosen E-Mail-Account eines Providers wie Web.de, gmx.de oder Hotmail.com zu nutzen, der weiß, dass einen die Spam- und Werbeflut zur Verzweiflung treibt. Seit kurzem wird das Web von einer Like-Welle überschwemmt, mit der die Facebook-Standards im Ausdruck digitaler Sympathie auf alles übertragen werden, was irgendwie mögbar ist. Dabei geht es nicht mehr um relevante Informationen, an der das Individuum seine Freunde teilhaben lassen will. Es geht um eine endlose Marketingkette, entlang derer wir Netznutzer als Produkte auf einer globalen Plattform für Product Placement weitergereicht werden.

Auch bei Facebook finde ich wichtige Informationen, muss mich aber immer häufiger durch Unmengen von „Statusmeldungen“ quälen, die mir anzeigen, dass irgendjemand gerade wieder ein pinkfarbenes Babykalb auf seiner Farm gefunden hat (für Facebook-Unkundige: das virtuelle Spiel „Farmville“ ist eine der erfolgreichsten Anwendungen auf der Plattform).

Schließlich werden Facebook, aber auch die Mikroblogging-Plattform Twitter inzwischen durch Datenfluten überschwemmt, die von Institutionen und Unternehmen zu Werbezwecken ausgesandt werden. Twitter will „promoted Tweets“ anbieten, bei denen Werbetreibende gegen Bezahlung ihre Begriffe in die Liste der populärsten Suchworte plazieren können. Es wird dann zuhauf solche Mitteilungen geben, wie sie die Sparkasse Hanau kürzlich aussandte: „Günther Jauch wechselt von RTL zur ARD. Wechseln Sie zur Sparkasse Hanau. Unsere Girokonten und Leistungen überzeugen.“ Diese Kommunikationsstrategie leider nicht.

Das Netz lebt nicht aus sich selbst heraus

Schon Garret Hardin wendet in seiner „Tragedy of the Commons“ die Problematik der überweideten Wiese auf immaterielle Güter an und entwirft das Szenario einer Unterhaltungsallmende, in der öffentlicher Raum durch Musik und Werbung verseucht und irgendwann der Nutzung unzugänglich wird. Im Internet hat dies längst begonnen: Weil alle alles ins Netz bringen, egal warum, egal für wen, egal wozu, wandelt sich das so vielversprechende, offene und demokratische Netz zu einer billigen Plattform für individuelle und institutionelle Marketingplattitüden. Damit schrumpft der Nährboden für echte Basisinitiativen, demokratische Informationskultur und Zivilkommunikation - für all das also, was Digitalaktivisten zu Recht schätzen und schützen möchten.

Es gibt sie - die Tragik der digitalen Allmende. Nicht Futtermittel werden knapp, wenn sich allzu viele im virtuellen Raum tummeln. Im Gegenteil: Wir steuern auf einen Zustand digitaler Adipositas zu. Es ist der Denkraum, den wir benötigen, um das richtige digitale Futter zu verarbeiten, der knapper wird. Für den Tausch der Informationen in der virtuellen Welt gibt es eine zentrale Währung, die durch diesen Prozess entwertet wird: Aufmerksamkeit. Das Netz lebt nicht aus sich selbst heraus. Es lebt aus denen, die in und mit ihm kommunizieren - seinen Nutzern und Produzenten. Zu ihnen verlagert sich der begrenzte Raum des Wahrnehmens, der nicht beliebig erweitert werden kann - die virtuelle Weide. Es gibt keine unbegrenzten Quellen der Aufmerksamkeit. Der Mensch ist nicht multitaskingfähig. Aber im Netz tun wir so, als sei alles anders.

Nutzerproteste haben Wirkung gezeigt

Die traditionelle Ökonomie hat lange darauf gesetzt, die Tragödie der Allmende zu bekämpfen, indem das offene Gemeingut zum öffentlich geregelten Gut wird. Ressourcen werden durch meist staatlich erlassene Verfügungsbeschränkungen reguliert. Das kennen wir in Form von Fischfangquoten oder im Emissionsrechtehandel. Muss also der Zugang zum Netz reguliert werden? Müssen Datenmengen festgesetzt werden, in deren Rahmen ein jeder das Netz pro Jahr nutzen darf? Bewahre! Staatliche Regulierung könnte vielleicht das Problem der Aufmerksamkeitsallmende quantitativ lösen, aber mit Mitteln, die das offene Netz in gleicher Form schädigen, wie es die Übernutzung von Gemeingütern vermag.

Die Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat in ihrer Forschung die Problematik der Allmende institutionenökonomisch betrachtet und kommt zu dem Ergebnis, dass oft lokale, sich selbst organisierende Institutionen am besten in der Lage sind, die Nutzung von Gemeingütern zu organisieren. Das geschieht durch Selbstverpflichtungen, nicht aber durch übergeordnete staatliche Regulierung. Für das Internet ist das ein guter Ansatzpunkt, der all diejenigen auf den Plan rufen müsste, die am Netz als Ort offener Zivilkommunikation interessiert sind. Web-Communities können sich selbst Regeln geben, wie ihre Kommunikation aussehen und was sie enthalten soll.

Sie können sich gegen Spam und Informationsmüll zur Wehr setzen und diejenigen ausschließen, die ihre Regeln ignorieren. Sie können sich auch dafür einsetzen, Informationen teurer zu machen, damit das Wichtige vom Datenmüll getrennt werden kann. Das Beispiel Facebook zeigt in Ansätzen, wie das funktioniert: Nutzerproteste gegen den laxen Datenschutz des Unternehmens haben Wirkung gezeigt.

Aus dem freien Netz in ein virtuelles Disneyland

Gelingt es nicht, mehr selbstorganisierte Nutzungsformen zu entwickeln, wird die digitale Allmende zu einem schönen Traum demokratisierter Kommunikation, geträumt im Rückblick auf eine vergebene Chance. Dann wird der - einst positiv gemeinte - Satz des Netzgurus Howard Rheingold wahr, er werde von seiner virtuellen Community „kolonialisiert“. Nur dass es nicht mehr die eigene Community ist, sondern ein fremder, kommerzieller Gatekeeper, der längst bereitsteht.

Es werden dann die Gärtner der hübsch umzäunten und streng kuratierten Schrebergärtchen im Netz sein, wie sie Apple, Amazon oder Netflix anlegen, die das Internet dominieren. Sie werden uns Nutzer mit den Folgen der Tragödie der Allmende aus dem einst freien Netz in ein virtuelles Disneyland locken. Dort ist alles grün, hübsch, sauber, massentauglich und teuer. Wir können aufatmen und uns den gefilterten und irritationsfreien Informationen hingeben, für die wir ordentlich bezahlt haben. Das virtuelle Brachland, das unsere Gärtchen umgibt, wird sich durch Sichtschutz unseres Blicks entziehen, ebenso wie die dürren Kühe, die ziellos durch die verbliebenen Furchen unserer Netzerinnerung pflügen.

Miriam Meckel ist Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen und Fellow am Berkman Center for Internet & Society der Harvard University.

Quelle: F.A.Z.
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