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Datenflut im Internet Abfuhrtermine für Informationsmüll

Auch im Internet gibt es den freien Raum, den alle abgrasen: die „virtuelle Allmende“. Wenn die Entwicklung der Datenfluten dort weitergeht wie bisher, wird das Netz die eigene Tragik erfahren. Profitieren werden die, die es kommerzialisieren.

© ddp Vergrößern Wenn die Weide abgegrast ist, werden die Rinder dünner und dünner: Zum Glück wächst im Netz kein Gras

Im Internet gibt es keine Grenzen. Informationen reisen unabhängig von Staatsgrenzen, nationaler Zugehörigkeit und Platzmangel durchs Netz. So haben wir uns die Wirklichkeit vorgestellt hinter dem Slogan „Information wants to be free“. Das passende ökonomische Verwertungsmodell ist der „Long Tail“, der selbst dem ausgefallensten digitalen Produkt gilt, braucht es doch keinen Platz im Regal, sondern nur ein paar Megabyte Speicherkapazität. „Space is no escape“ haben Bevölkerungswissenschaftler vor Jahrzehnten die Grenzen der Welt angemahnt. „There is no escape from space“ müssten wir heute formulieren. Niemand entkommt dem unendlichen Raum digitaler Speicherung. Die Datenmenge bedroht unsere Denkwelten.

Stellen wir uns das Web als eine Gemeindewiese vor, unter blauem Himmel. Auf diesem Platz tummelten wir uns, die Netznutzer dieser Welt, Hunderte Millionen Menschen. Und dann stellen wir uns vor, wir brächten unsere Informationen in materieller Form auf diesem Platz unter die Leute. Milliarden von Papieren mit Nachrichten flögen durch die Luft, ein ohrenbetäubender Krach aus Musikfiles und Youtube-Videos dröhnte über den Platz, Werbeplakate zuhauf, und von allen Seiten zerrten Menschen an uns, um uns eine Freundschaftsanfrage in die Hand zu drücken. Würde man einen solchen Platz betreten wollen? Wohl kaum. Würde man ihn überleben? Unsicher.

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Die Freiheit der Allmende ruiniert alle

So ungefähr könnte sich William Forster Lloyd das Internet gedacht haben, hätte er sich eine Vorstellung davon machen können und hätte er sich nicht mit Bevölkerungsentwicklung, sondern mit Informationswachstum beschäftigt. Der politische Ökonom Lloyd hat in seinen Überlegungen 1833 zum ersten Mal eine Theorie zum sorglosen Umgang der Menschen mit Gemeingütern beschrieben. Seine Idee ist später zur „Tragik der Allmende“ weiterentwickelt worden, unter anderem in einem „Science“-Artikel aus dem Jahr 1968 von Garret Hardin.

Hardin wendet sich radikal gegen die „unsichtbare Hand“ Adam Smiths. Sie ist als ökonomisches Mantra in die Wirtschaftsgeschichte eingegangen mit der Grundannahme: Jeder, der danach trachtet, den eigenen Nutzen zu vergrößern, trägt auch zur Mehrung des Allgemeinwohls bei. Hardin widerlegt Smith am Beispiel des Hirten, der ein Vieh auf der Gemeindeweide grasen lässt. Kann ein Hirte ein weiteres Rind auf die Weide bringen, hat er einen Vorteil von plus 1 für sich selbst. Der Schaden, den die Überweidung anrichtet, verteilt sich dagegen auf alle Weidenutzer. Er beträgt also für jeden Hirten nur einen Bruchteil von minus 1. Leider rechnen aber alle Hirten gleich und schicken zusätzliche Rinder auf die Wiese. Und so ist nach kurzer Zeit von der Weide nichts übrig, die Kühe werden dünner und dünner. Hardins radikale Schlussfolgerung: Die Freiheit der Allmende ruiniert alle.

Zum Glück wächst im Netz kein Gras, es weiden keine Kühe und niemand verhungert, wenn er die Informationen nicht findet, die er sucht. Vielleicht bedarf es nur einer perspektivischen Anpassung an die Besonderheiten des Web, um zu verstehen, warum hier dennoch ähnliche Gefahren lauern. Wenn die Entwicklung der Datenfluten im Netz weitergeht wie bisher, wird auch das Internet die eigene Tragik erfahren - als virtuelle Allmende.

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