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Das weibliche Gehirn Einfach kompliziert, unergründlich anders

23.11.2005 ·  Sie haben mehr graue Substanz und größere sprachliche Fähigkeiten, aber beim Sektempfang wird's heikel: Wer ergründen will, was Frauen von Männern trennt, muß ins Hirn hineinschauen. Eine Untersuchung aus gegebenem Anlaß.

Von Reinhard Wandtner
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Mit dem Gehirn des Weibes aber ist es folgendermaßen bestellt. Dieses Gehirn unterscheidet sich in rund einem Dutzend anatomischer Merkmale von dem des Mannes. Daß es gewöhnlich kleiner ist, sagt freilich nichts über die Leistungsfähigkeit aus, denn offenbar hat dafür im Verlauf der Evolution die Hirnoberfläche beim weiblichen Geschlecht stärker zugenommen.

Die Nervenzellen sind enger aneinandergerückt, und der Anteil an grauer Substanz ist höher. Nimmt man die Zahl der Windungen und den Grad der Furchung als Maßstab für die Komplexität der neuronalen Verschaltung, stehen Frauen glänzend da. Auffallend reich strukturiert ist vor allem die rechte Hirnhemisphäre, jener Teil, in dem unter anderem Emotionen verarbeitet werden.

Man muß hineinschauen

Wer ergründen will, was Frauen von Männern trennt, sollte flugs den Blick von allen Äußerlichkeiten wenden. Ins Hirn muß man hineinschauen. Zum Glück für die Wissenschaft bereitet das heutzutage immer weniger Schwierigkeiten. Der Positronen-Emissionstomographie, funktionellen Magnetresonanztomographie und anderen bildgebenden Verfahren mit ähnlich respektablen Namen sei Dank. Solche Hilfsmittel haben dazu beigetragen, daß wir heute mehr als je zuvor über die Besonderheiten des weiblichen Gehirns wissen. Viel ist es trotzdem nicht.

Schon im Kindesalter, so lehrt uns die Fachliteratur, offenbart sich eine Dichotomie. Mädchen zeigen meist größere sprachliche Fähigkeiten als Knaben. Vom elften Lebensjahr an festigt sich diese spezielle weibliche Überlegenheit zusehends. Mädchen glänzen beim Bewältigen komplexer verbaler Aufgaben, bei denen es darum geht, schwierige Texte zu verstehen, Analogien herzustellen und Kreativität beim Schreiben zu zeigen. Die fehlenden Buchstaben eines aus vier Wörtern bestehenden Lückentextes - ein Beispiel wäre I . . b . . j . . . . K . . zlerin - ergänzen Mädchen im allgemeinen mit größerem Talent. Dennoch hält sich die Überlegenheit in Grenzen. Statistisch ausgedrückt, entspricht sie etwa einem Viertel einer Standardabweichung, wie uns ein Lehrbuch der Neuropsychologie verrät.

Vom Gehirn im Stich gelassen

Die leichte Überlegenheit wandelt sich ins Gegenteil, wenn besondere räumlich-visuelle Fähigkeiten gefragt sind. Geradezu ernüchternd waren in dieser Hinsicht die Ergebnisse eines psychologischen Experimentes mit Studenten beiderlei Geschlechts, bei dem der Wasserspiegel in einem geneigten Gefäß nachgezeichnet werden sollte. Die männlichen Probanden schnitten grandios ab. Die mittlere Abweichung von der Horizontalen betrug auf ihren Zeichnungen nur zwei Prozent. Die meisten Studentinnen aber versagten kläglich. Der Fehler betrug bei ihnen fünfzehn bis zwanzig Prozent. Daraus darf man messerscharf schließen, daß die meisten Frauen in dieser Situation von ihrem Gehirn im Stich gelassen werden. Es verhilft ihnen nicht zu der Erkenntnis, daß der Flüssigkeitsspiegel zumindest unter irdischen Verhältnissen stets der Horizontalen entspricht - ein schweres Handikap etwa beim Sektempfang.

Auch was die mathematischen Fähigkeiten betrifft, hat die Wissenschaft einen, wenn auch flachen, Graben zwischen den Geschlechtern gefunden. Das Rechnen in allen seinen Varianten scheint Knaben etwa vom zwölften Lebensjahr an meist leichter von der Hand zu gehen als Mädchen gleichen Alters. Ob bei diesen Tests auch komplizierte Aufgaben wie die Berechnung von Mehrwertsteuersätzen zu lösen waren, wird nicht erwähnt.

Die Hormone sind schuld

Daß es unseriös ist, über das Gehirn zu sprechen, ohne auf den Geschlechtsunterschied zu verweisen, zeigen nicht zuletzt verschiedene Untersuchungen über aggressives Verhalten. Schon im zarten Alter von zwei bis drei Jahren tun sich Jungen demnach auf diesem Gebiet unrühmlich hervor, und das bleibt so zumindest bis zur Studienzeit. Schaut man sich in der Säugetier-Verwandtschaft des Menschen um, etwa bei Rhesusaffen und Ratten, wird klar, daß die Hormone schuld sind. Eine frühzeitige Kastration männlicher Individuen senkt deren Angriffslust auf Dauer. Behandelt man indessen Weibchen mit dem Hormon Testosteron, entwickeln diese ein durchaus männliches Aggressionsverhalten.

Daß der kleine Unterschied zwischen dem weiblichen und männlichen Gehirn nicht zuletzt dem Einfluß von Hormonen unterliegt, hat sich zum Beispiel bei Transsexuellen gezeigt. So erhöhten sich bei Männern, die wegen einer Geschlechtsumwandlung weibliche Sexualhormone einnahmen, die sprachlichen Fähigkeiten auf Kosten des räumlichen Vorstellungsvermögens. Doch wirken sich dann nicht auch die normalen Schwankungen des Hormonspiegels während des weiblichen Zyklus in schwer berechenbarer Weise auf die Funktion des Gehirns aus? Eine Gruppe deutscher Forscher ist dieser Frage nachgegangen.

Es ist ein Chamäleon

Die Probandinnen der Studie sollten zweimal im Verlauf des Zyklus bestimmte Aufgaben lösen. Während der Menstruation, wenn alle Sexualhormone auf dem Tiefpunkt sind, schnitten die Frauen bei einem auf das räumliche Vorstellungsvermögen zielenden Test ähnlich gut ab wie die zum Vergleich getesteten Männer. Die auf die Verarbeitung räumlich-visueller Reize spezialisierte rechte Hirnhälfte ist zu dieser Zeit bei Frauen und Männern vergleichbar aktiv. In der Lutealphase, in der die Hormone Östradiol und Progesteron eine hohe Konzentration erreichen, nahm die Leistung der Frauen im Test hingegen dramatisch ab. Die beiden Hirnhälften zeigen dann in ihrer Tätigkeit keine solche Asymmetrie mehr.

Das weibliche Gehirn, so kann man aus den Tests schließen, ist ein Chamäleon. Ob es mit politischen Anforderungen besser oder schlechter zurechtkommt, läßt sich allenfalls in Feldstudien ermitteln. Und nun steht ausgerechnet eine Frau in Deutschland an der Spitze der Regierung. Das ist wahre Exotik. An Männer in diesem Amt haben wir uns gewöhnt. Sie sind berechenbar. Aber eine Frau? Sie macht ratlos. Freilich muß man eines bedenken: Auf dem Weg zu hohen politischen Ämtern werden Geschlechtsunterschiede, was die Handlungsweise betrifft, ohnehin weitgehend eingeebnet. Es bleibt nur ein politisches Universalgeschlecht übrig, und das trägt männliche Züge. Wir haben einen neuen Kanzler - und dieser ist zufällig eine Frau.

Quelle: F.A.Z., 23.11.2005, Nr. 273 / Seite 37
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