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Das Videospiel „Hellblade“ : Ihr gehen die Stimmen nicht aus dem Kopf

Der Weg nach Helheim ist kein Kindergeburtstag: Die Keltenkriegerin Senua wandelt zwischen Wahn und Wirklichkeit. Bild: Ninja Theory

Das Videospiel „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ ist verrückter als alle anderen. Denn Senua, deren Suche nach ihrem toten Geliebten wir folgen, leidet an einer Psychose. Ist das mehr als Effekthascherei?

          Solch eine Kriegerin hat die Videospielwelt noch nicht gesehen. Denn diese wird, bis auf wenige Ausnahmen, von leichtbekleideten – wenn auch wehrhaften – Pin-up-Girls bevölkert. Sie sind zumeist auf ein männliches Publikum zugeschnitten. Auch wenn es weibliche Fans gibt, die in ihrer Freizeit viel Mühe auf sich nehmen, um so auszusehen wie sie. Doch Senua, so heißt die keltische Kriegerin, die im Videospiel „Hellblade: Senua’s Sacrifice“ die Hauptrolle spielt, lässt schon bei ihrem ersten Auftritt sämtliche Luft aus der überholten Tradition der virtuellen Gummipuppe.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf einem einfachen Einbaum rudert die Kriegerin im Vorspann auf die Gestade einer nebelverhangenen Insel zu. Die virtuelle Kamera nähert sich ihr von hinten. Doch dann schaut sie einen an. Die blaue Farbe der Waidpflanze bedeckt ihr schmales Gesicht vom Haaransatz bis zu den Wangen. Die Zähne, etwas zu weiß, zu groß. Und dann diese großen, blauen, kindlichen Augen. Aber es schimmert etwas darin, das bei Videospielprotagonisten eigentlich nie zu finden ist: Angst.

          Spätestens jetzt empfiehlt es sich, der eingangs eingeblendeten Empfehlung der Entwickler zu folgen und die Kopfhörer aufzusetzen. Denn dann hört der Spieler sie auch deutlich: jene Stimmen, die Senua auf Schritt und Tritt durch Wälder, über Abgründe und durch Ruinen begleiten und die ihr – mal flüsternd, mal schreiend – von finsteren Dingen erzählen: von ihren Fehlern, ihrer Angst und davon, dass die „Dunkelheit nicht mit sich handeln“ lässt. Durch die Kopfhörer sind diese Stimmen auch direkt im Kopf des Spielers. Aufgenommen mit einem speziellen Mikrofon, bei dem die Raumsituation der Aufnahme erhalten bleibt, dringen sie von allen Richtungen auf den Spieler ein. Sie versuchen, die junge Frau noch zur Umkehr zu bewegen: „Es ist nicht zu spät“, flüstern sie. Doch im Blick der Kriegerin ist längst zu sehen, dass dies eine Lüge ist. Sie ist – umgekehrte Eurydike – hier, um die Seele ihres geliebten Dillion aus dem nordischen Totenreich zurückzuholen, aus dem Land von Dunst und Nebel: aus Helheim. Nur hat sie bei dieser aufwendigen Suche ein Handycap: Sie ist geisteskrank.

          Senua leidet sicht- und hörbar unter ihrer Psychose

          „Ich wollte“, erzählt der Mitgründer des kleinen britischen Entwicklerstudios „Ninja Theory“, Tameem Antoniades, im Videotagebuch des Unternehmens, „einen Charakter erschaffen, der auf eine fast schon anstrengende Weise realistisch ist, ein Charakter voller Schönheit, Wut und einer Vergangenheit.“ Alles begann mit einer kleinen Statue, von der Archäologen annehmen, sie stelle die keltische Göttin „Senua“ dar. Sie war im Jahr 2002 in einem Schatz nahe Baldock im britischen Hertfordshire gefunden worden. Antoniades erzählt, dass es zunächst nur der Name gewesen sei, der ihn nicht mehr losgelassen habe. Also habe er beschlossen, eine Geschichte dazu zu erfinden.

          Inspiriert von den Pikten, den „Bemalten“ – ein Name, den die Römer während ihrer Besetzung Britanniens jenen Völkern gaben, die im heute schottischen Teil der Insel lebten –, entwarf er das Bild einer Kriegerin, die vom Kampf gezeichnet, mehr noch, gebrochen ist. Nicht aber auf die übliche hollywoodeske Weise, in der das Trauma nur ein Vorwand ist, den Helden über weite Strecken als gefühllos kalte Killermaschine zu zeichnen. Senua leidet sicht- und hörbar unter ihrer Psychose – den Stimmen, Visionen und Mustern, die sie in ihrer Umgebung erkennt. Sie schreit, seufzt, wimmert, lacht – und stets blickt der Spieler dank flüssig in das Spielgeschehen integrierten Videosequenzen in ihre oft weit aufgerissenen Augen.

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