17.07.2008 · Der Philosoph Paul Virilio prophezeit den Untergang des Automobils wegen Brennstoffmangels und fehlenden Raums. Für ihn kein Grund zur Klage: Im Auto verengte sich schon immer die Sicht auf die Welt.
Von Hansgeorg HermannRatlosigkeit herrscht in der französischen Provinz: Am Morgen nach dem alljährlichen Sommer-Musikfest verbrennen schwer angetrunkene Jugendliche in Coutances in der Normandie einen alten, ordentlich auf einem Parkplatz vor dem Bahnhof abgestellten Renault 4. Er war verrostet, die Farbe beige-undefinierbar. Sie selbst könnten sich ein Auto nicht leisten, selbst solch eine alte Karre nicht, erklären sie später den erstaunten Gendarmen. Das Benzin sei einfach zu teuer. Da sollen andere auch nichts haben.
Neid auf Autobesitzer? Zehn Kilometer weiter, im schönen Montmartin-sur-Mer, lässt die Verwaltung des Regierungsbezirks Manche lokale Verbindungsstraßen begradigen und verbreitern. Um sie „verkehrssicherer“ zu machen, wie es heißt. Welch ein Irrtum! Die Regionalzeitung „La Manche Libre“ meldet - nur eine Woche nach der Brandstiftung von Coutances -, dass sich immer mehr Verkehrsanfänger auf den neuen Straßen totfahren - betrunken am Steuer. Junge Fahrer halten es selbst nach dem soundsovielten Calvados für wenig heikel, über die inzwischen zwölf Meter breiten Trassen (plus Parkstreifen und frei von lästigem Baumbesatz) mit Karacho zurück zum heimischen Gehöft zu brettern.
Kein Raum mehr für das Auto
In der Hauptstadt Frankreichs verhält es sich anders. Seit einigen Jahren lässt Bürgermeister Bertrand Delanoë die Boulevards im Zentrum von Paris enger machen: zugunsten der Stadtbusse, aber auch Taxis und Radfahrer sollen von seiner restriktiven Verkehrspolitik profitieren. Sie verfolgt ähnliche Ziele wie die der Städte London und Zürich. Der Individualverkehr und der ungezügelte Warentransport mit Kraftfahrzeugen soll verdrängt, der öffentliche Nahverkehr gestärkt werden, um eine Verbesserung der Atemluft und die Senkung des Lärmpegels zu erreichen. Eine Gleichung, deren gewünschtes Ergebnis sich am einfachsten mit dem Wort „Lebensqualität“ beschreiben ließe. Ein Segen also?
„Unsinn“ sei das eine - nämlich die breiten Straßen der Manche -, „Kosmetik und Zeitverschwendung“ das andere, sagt Paul Virilio. Der Architekt, Philosoph und Universalkünstler, der Hochgeschwindigkeitsgegner in den vergangenen Jahrzehnten mit Buchtiteln wie „Rasender Stillstand“ oder „Fahren, fahren, fahren . . .“ entzückt hat, prophezeit in diesen bösen benzinknappen Tagen das schnelle und völlige Verschwinden des individuellen Automobils. „Das Privatauto“, erklärt der Sechsundsiebzigjährige, „ist am Ende. Schon einfach deshalb, weil wir keine räumliche Kapazität mehr dafür haben. Nicht zu sprechen davon, was der Hunger nach Kraftstoff dem Planeten antut.“
Der Biokraftstoff löst die Probleme nicht
Nicht nur des ästhetisch-medizinischen Moments wegen wird der Mensch nach Virilios Überzeugung das gute alte Kraftfahrzeug zwangsläufig aus dem Verkehr ziehen, sondern vor allem wegen des Energiemangels. Die Produktion sogenannter Biotreibstoffe werde die genannten Probleme der Weltbevölkerung nicht lösen, sondern sie verschärfen. Schon jetzt, meldete neulich die internationale Hilfsorganisation Oxfam in ihrem Jahresbericht, verursacht die Subventionierung der Agrarkraftstoffe rund dreißig Prozent des weltweiten Anstiegs der Nahrungsmittelpreise, schon jetzt hat sie dreißig Millionen Menschen in die Armut getrieben. „Eine zynische Rechnung, die nicht aufgeht“, sagt Virilio.
Die philosophische Komponente in Virilios Automobil-Kritik ist die, dass sich der Mensch - im Fahrzeug sitzend - die Sicht auf die Welt verbaut, darauf, wie sie wirklich ist. Mit dem Fuß auf dem Gaspedal konzentriert sich sein Blick durch die Windschutzscheibe auf einen Punkt in der Ferne. Was links und rechts an den Fenstern vorbeifliegt, sieht der Kraftfahrer nicht. Virilio nennt dies die „Derealisation“ oder auch einfach den „Verlust der weiten Aussicht“. Das sei eigentlich ein Fall für technisch versierte Psychoanalytiker, meint er. Ebenso wie vor dem Fernseher, wo der Bildschirm das Fenster ersetzt, blickt der Mensch in einen Tunnel, an dessen Ende das Licht nicht heller, sondern immer trüber werde. Die Frage, die sich Virilio nebenbei stellt, lautet: Baut der Mensch sich womöglich deshalb Hochgeschwindigkeitstrassen, damit er während seiner rasenden Fahrt nicht mehr erkennen kann, was er seinem Lebensraum antut?
Im Nicht-Ort unterwegs
Ein Abstecher führt zu Marc Augé. Die Thesen des Pariser Anthropologen werden von Virilio fast vorbehaltlos unterstützt. Augé hat den Begriff des „Nicht-Orts“ geprägt. Nicht-Orte sind - unter anderem - „fliehende Pole, mobile Behausungen“. Das Auto ist nach Augés Definition ein Nicht-Ort, der vor allem der Stadt zu schaffen macht, diesem Prototyp des vom Menschen entworfenen und bewohnten Orts. Die millionenfache Verbreitung von Nicht-Orten, sprich Autos, nehme der Stadt ihre „poetische Verführung und Identifikation“, lehrt Augé.
Virilios abschätziges Urteil über die Verkehrspolitik der großen europäischen Städte - Kosmetik und Zeitverschwendung - bestätigt sich den Bürgern seines Anschauungsobjekts Paris täglich. Die neuen Busspuren werden in fast allen Stadtvierteln regelmäßig von anliefernden Lastwagen verstellt, der Individualverkehr quillt wie eh und je aus engen Wohnstraßen in die großen Boulevards und verstopft nicht nur die Fahrbahnen, sondern mit Abgasen und Lärm auch die Sinnesorgane der Hauptstädter. Die Klage der Zeitung „La Manche Libre“ über den Unfalltod der jungen Autofahrer auf neuen breiten Straßen scheint zudem Virilios andere These zu bestätigen - dass Rasen den Blickwinkel des Menschen in jeder Beziehung dramatisch verengt.
Wie bekommt man Bodenhaftung?
Das ließe sich freilich leicht ändern, indem man einfach die Bewegung des Individuums wieder zurückbremste, Privatverkehr durch öffentlichen Verkehr ersetzte. Doch wohin führen solche Überlegungen? „Zu Großtransportern“, fürchtet Virilio, also zu enormen, ja ungeheuren Nicht-Orten zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Einen Vorgeschmack darauf geben die neuen Airbus-Modelle, in denen fast schon tausend Passagiere pro Maschine von Kontinent zu Kontinent eilen.
„Wollen Sie da einsteigen? Ich jedenfalls will es nicht“, sagt Virilio, der sich auch als „Dromologen“ bezeichnet, was in diesem Fall getrost mit „Wegekundiger“ übersetzt werden darf. Unfälle mit vielen hundert Toten seien vorprogrammiert und auch längst einkalkuliert. Das ist das neue, bislang nicht diskutierte Problem. Will und wird die Gesellschaft einen Unfall mit tausend Todesopfern auf einen Schlag ertragen? „Jeder technische Erfolg ist im selben Moment ein Fehlschlag“, sagt Virilio. „Wir sind dabei, mit jedem Erfolg diese unsere Welt zu verlieren.“ Und deshalb, so glaubt er, wird der Mensch zurückmüssen „zu Bodenhaftung und Erdgebundenheit“. Um es mit Marc Augé ein bisschen griffiger zu sagen: „Erst die Fußgänger verwandeln die von der Stadtplanung als 'Ort' definierte Straße in einen Raum.“ Autos können das nicht.