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Das Vermächtnis eines Senators Habe Humor und zeige ihn auch!

30.04.2009 ·  Thilo Sarrazin, Berlins scheidender Finanzsenator, hat die Haltung der Stadt zum Sparen verändert. Bevor er zur Bundesbank geht, wollte er uns ein Interview zum Thema Schulden geben. Es scheiterte - und erwies sich doch als fruchtbar.

Von Marcus Jauer
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Wer keine Vorstellung hatte von der Stadt, in der Thilo Sarrazin Finanzsenator geworden war, dem erzählte er gern die Geschichte, wie einer seiner Vorgänger, nachdem der Haushalt vom Parlament verabschiedet worden war, mit einer großen Torte vor die Journalisten hintrat und an jeden ein Stück verteilte. Das war Berlin.

Wenn Thilo Sarrazin der Stadt jetzt den Rücken kehrt, um in den Vorstand der Bundesbank zu wechseln, wäre niemand überrascht gewesen, wenn er zur letzten Pressekonferenz ein Schwarzbrot dabeigehabt hätte oder die Presse die Torte. Sieben Jahre lang hat Thilo Sarrazin für Berlin gearbeitet. Er verlässt eine veränderte Stadt.

Vom ersten Tag als Finanzsenator an schien er davon überzeugt zu sein, dass jede Zahl, und sei sie noch so groß, begriffen werden kann, wenn man sie mit einer Erzählung verbindet. Er erstellte Folien, auf denen Kurven steil abfielen oder anstiegen. Er zog Vergleiche zu anderen Bundesländern, was für eine Stadt, die sich immer für besonders gehalten hatte, an sich schon eine Zumutung war. Er rechnete bis auf das Würstchen genau einen Speiseplan für Hartz- IV-Empfänger durch. Jedesmal gab es einen Aufschrei, jedesmal blieb er ruhig. So hat er die Stimmung gedreht.

Eine Perspektive für Berlin

Thilo Sarrazin hat Berlin beigebracht, dass es nicht arm war; es gab nur zu viel aus. Er hat ihm die Einsicht abverlangt, dass es ums Sparen nicht herumkam, was allerdings nicht bedeutete, dass es deshalb schon die Kraft dafür aufbringen wollte. Es gab eine Zeit, da hätte man für fünf Jahre den gesamten Kulturetat streichen können - Museen, Opern, Theater, Bibliotheken - und doch nur für ein Jahr einen ausgeglichenen Haushalt erreicht.

Es ist die Schwierigkeit jedes Finanzministers, der eine Gemeinschaft zum Sparen anhalten will, dass er eine Perspektive aufzeigen muss, die seinem Handeln Sinn verleiht. Gerät diese Perspektive aus den Augen, dann verflüchtigt sich der Sinn, und es kann passieren, dass die Gemeinschaft nicht mehr einsehen will, weshalb der Preis für die Zukunft bereits in der Gegenwart zu entrichten ist. Thilo Sarrazin hat das in Berlin geschafft. Es ist aber sehr gut möglich, dass sich, wenn die Konjunkturpakete aufgegessen sind, dieses Problem bald einem ganzen Staat und nicht nur einem Stadtstaat stellt.

Aus diesem Grund hatten wir den Finanzsenator vor kurzem um ein Gespräch gebeten. Am Ende seiner Amtszeit wollten wir nach dem Wert der Schulden fragen, danach, ob sie inzwischen eine der letzten Größen sind, die eine Gesellschaft an ihre Zukunft erinnern, die letzte Instanz, die noch langfristiges Handeln erzwingen kann. Wir wollten wissen, ob wir statt einer Ideologie heute eben Schulden haben. Darum hätte es gehen sollen in dem Interview. Aber das ging schief.

Schulden sind kein Problem

Es war nicht so, dass Thilo Sarrazin schlecht aufgelegt war. Er wollte sich eine Stunde Zeit nehmen für das Thema. Aber nach fünfzehn Minuten sagte er, an sich seien Schulden gar kein Problem. Damit könne jede Gemeinschaft leben. Sie müsse nur darauf achten, nicht mehr Geld auszugeben, als sie einnehme. Dieser Grundsatz sei allerdings derart banal, dass er darin keine Philosophie erkennen könne. Er stand auf und holte eines seiner Diagramme, als sei darin für jeden, der sehen kann, die ganze Wahrheit zu finden. Zwanzig weitere Minuten trat das Gespräch dann noch auf der Stelle. Jede Frage nahm einen neuen Anlauf, jede Antwort landete auf einem Allgemeinplatz. Nach einer halben Stunde wurde das Interview abgebrochen, nicht ohne dass beide Parteien einander ihr wechselseitiges Bedauern darüber versicherten. Auch die Ratlosigkeit war wechselseitig.

Zwei Tage darauf schickte Thilo Sarrazin eine E-Mail. Im Gespräch, so schrieb er, habe er versucht, die Prinzipien seiner Arbeit zu erläutern. Vielleicht seien sie zu einfach. Also füge er sie in einer Liste nochmals bei:

„- Mache Dir ein Bild vom Problem und der Lösung, entwickle einen Zukunftspfad, den Du regelmäßig analysierst

- Teile das Problem sachgerecht in Unterprobleme, entwickle dafür konkrete Lösungsansätze

- Denke mittel- und langfristig, schließe von daher rück auf den kurzfristigen Handlungsbedarf

- Gewinne die öffentliche Meinungsmacht

- Baue Druck auf, aber bleibe flexibel.

Handle immer so, dass Deine Kontrahenten mehr Angst haben, sich mit Dir zu streiten, als nachzugeben

- Achte darauf, den Gesichtsverlust Deiner Gegner zu begrenzen

- Lass Dich durch Niederlagen nicht bekümmern

- Verfolge unerbittlich Deine Ziele

- Nutze die Waffe des Wortes

- Sei stets zuverlässig und berechenbar

- Habe Humor und zeige ihn auch.“

Dies sei, schrieb Thilo Sarrazin, der Werkzeugkasten seiner Prinzipien. Je nach Bedarf habe er sich daraus bedient. Man kann für Berlin nur hoffen, dass er ihn hierlässt.

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