Das Chaos schien programmiert. Denn was sonst sollte es geben, wenn auf der A 40, der Autobahn mit dem euphemistischsten Namen in Deutschland, wenn auf diesem „Ruhrschnellweg“, der sechzig Kilometer von Duisburg nach Dortmund führt und fünf Großstädte - auch Mülheim, Essen, Bochum - verknüpft, ein etwa zwei Kilometer langer Abschnitt, nämlich von Essen-Zentrum nach Essen-Huttrop, für drei Monate gesperrt wird?
Schon die Ankündigung des Landesbetriebs Straßenbau Nordrhein-Westfalen, die Erneuerung eines Tunnels und von drei Brücken in einem Modellprojekt erstmals nicht Schritt für Schritt, was zwei Jahre gedauert hätte, sondern in einem Stück durchzuführen, war geeignet, die Navis der 92.000 Fahrzeuge in Alarmbereitschaft zu versetzen, die hier täglich - es können, wenn Schalke oder die Borussia am Freitagabend spielen, auch hunderttausend sein - unterwegs sind.
Die Menschen richteten sich darauf ein
Der Verkehr werde zum Erliegen kommen, Zehntausende Pendler im Stau steckenbleiben, das einstige industrielle Herz des Landes noch schwächer und, spätestens nach Ende der Sommerferien, gar nicht mehr schlagen, waren sich die Experten einig und errechneten einen volkswirtschaftlichen Schaden in Millionenhöhe. Als „stümperhaft und verantwortungslos“ kritisierte der Autopapst Ferdinand Dudenhöffer, eine Art Guido Knopp der Verkehrswelt, die Planungen, und der Stauforscher Michael Schreckenberg sagte, ganz fachmännisch, „große Probleme“ voraus.
Doch es kam ganz anders. Denn die Professoren hatten ihre Prognosen ohne die Menschen gemacht, die hier schon dickere Bretter gebohrt und kniffligere Logistikaufgaben gelöst haben: Sie richteten sich auf die Baustelle ein, stiegen aufs Rad oder auf Bus und Bahn um, stimmten Betriebs- und Familienferien ab, bildeten Fahrgemeinschaften, veränderten Ampelschaltungen, beschilderten weiträumige Umgehungen und kundschafteten Schleichwege aus.
Wie ein Körper, der, wenn eine Hauptader sich verschließt, einen Umgehungskreislauf bildet. Und siehe da, was die Verkehrsleitplanung nicht so ohne weiteres hinbekommt, die paradoxe Intervention machte es möglich: Auf der A 40 gab es keine nennenswerten Staus mehr, auch der Beginn des Schuljahrs hat daran nichts geändert. Das Chaos fiel aus, und die Verkehrsforscher haben jetzt eine harte Nuss zu knacken: Was sagt das aus über unser Mobilitätsverhalten? Pünktlich am 1. Oktober um fünf Uhr wird der „Ruhrschnellweg“, denn das Vorhaben ist im Zeitplan geblieben, wieder durchgängig befahrbar sein. Und alles wird sein, wie es war: „Ruhrschleichweg“.
In der Tat: die sogenannten Experten irren einmal mehr…
Aldo Cordoba (apothekentest)
- 27.09.2012, 23:31 Uhr