Die Mutter aller seiner Verbrechen war der Inzest. In Österreich wird ein Vater, „möge sein Kind nur ein oder zwei Jahre alt sein“, bloß mit drei Jahren Gefängnis bestraft. Das behauptet der Autor Régis Jauffret in „Libération“. Die Zeitung hatte über die österreichische Kritik an seinem Fritzl-Roman „Claustria“ berichtet. Der Schriftsteller führt sie auf seine Forderung nach einer Verschärfung des Inzest-Paragraphen zurück: Weil Josef Fritzl nur eine kurze Freiheitsstrafe riskierte, habe seine Frau es nicht gewagt, ihn anzuzeigen. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.
Für Jauffret verweist es auf die Wahrheit des österreichischen Faschismus schlechthin: Wehret den Anfängen! Auch die Kirche, kaum sind die pädophilen Priester und das schuldige Schweigen der Hierarchie etwas in Vergessenheit geraten, kämpft lautstark vehement gegen den Inzest. Und zwar gegen die Homosexuellen-Ehe, die unweigerlich dazu führe, wie die Kleriker bestimmt wissen. Ein Kardinal hat dies gesagt, hohe Würdenträger und Politiker wiederholen es täglich. Verurteilt wurde ein Geschichtslehrer, der die Blutschande als Spezialität der Juden bezeichnet hatte.
Ein Verbrechen des Ancien Régime
Schlagzeilen macht ein Fall in der Familie des erzkonservativen Politikers Philippe de Villiers. Homosexuelle, Österreicher, Juden: Um Inzest geht es in Gesellschaft und Literatur. Zehn Jahre nach ihrem Buch mit dem expliziten Titel beschreibt Christine Angot in „Une semaine de vacances“ eine sexuelle Handlung an ihrem Vater auf fünfzig Seiten. „Libération“ hat den Roman zum Meisterwerk gekürt. „Wer nicht mit mir schreit, macht sich mitschuldig“, klagt Jauffret in derselben Zeitung die neuen Schweinehunde („ordures“) und ihre schweigenden Komplizen an. Leider beschränkt er seinen Kreuzzug auf den Inzest in Österreich, denn nur dort wird er kritisiert.
In Frankreich scheiterte 2009 das Ansinnen, den Begriff wieder ins Gesetzbuch zu bringen. Inzest war ein Verbrechen des Ancien Régime. Die Revolution erklärte ihn für straffrei - wie es die Dichter und Philosophen der Aufklärung gefordert hatten. Keineswegs nur der Marquis de Sade. Der Preis, der seinem Ansehen gewidmet ist, wird an Christine Angot vergeben. Sie hat ihn nicht abgelehnt. Und auch Régis Jauffret hat nicht gegen die Verhöhnung des Opfers protestiert.