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Das neue Opernhaus in Oslo : Unter den Marmorklippen

  • -Aktualisiert am

Der Zuschauersaal gleicht in Form, Größe und Struktur dem der Semperoper in Dresden Bild: AFP

Oslo hat ein neues Wahrzeichen. Mit seinem Opernhaus feiert sich die Stadt selbst. Was die Architekten da geschaffen haben, verdient ohne jede Übertreibung das Wort spektakulär. Das Öl der Norweger macht es möglich.

          Jetzt also Oslo. Oslo ist jetzt das, was bis vor kurzem noch Tokio war: die teuerste Stadt der Welt. (Wenigstens nach dem Ranking des "Economist".) Man sieht das auch, und zwar nicht nur an seinen Reisekostentagessätzen. Man sieht das zum Beispiel daran, dass schon der Flughafen aus Materialien besteht, mit denen man bei uns eher gehobene Eigentumswohnungen ausstatten würde. Überhaupt ist das Baugeschehen atemberaubend.

          Wo Oslo bisher zum Binnenland orientiert war, wo ja immerhin auch der Holmenkollen zu bewundern ist mit seiner Skisprungschanze, die demnächst übrigens auch durch eine noch schickere, noch zaha-hadidere als die von Innsbruck ersetzt werden soll: Da hat die Stadt nun angefangen, auch aus ihrer Lage am Wasser etwas mehr zu machen. Oslo ist damit jetzt schon das, was Hamburg erst noch werden will, nämlich eine Stadt mit nagelneuer Hafencity, wo die jungen Leute an den Sommerabenden kiloweise Krabben direkt aus den dort anlegenden Krabbenkuttern in sich hinein schaufeln und angesichts der Entwicklung von Stadt, Land und Bruttosozialprodukt vor guter Laune aus dem Häuschen geraten. Der Grund für den erfreulichen Wohlstand der Norweger ist natürlich das Öl. Das darf man aber nicht zu laut sagen, denn das Wort bedeutet in der Landessprache "Bier" und kostet einen pro Glas ungefähr zehn Euro, denn: siehe oben.

          Abu Dhabi des Nordens

          Jedenfalls ist Oslo auch ein bisschen das Abu Dhabi des Nordens - insofern nämlich auch hier nun mit großem Ehrgeiz kulturelle Leuchttürme errichtet werden, wo vorher das Image vorwiegend von der Unberührtheit der Landschaften geprägt war. Man kann das ja immer kaum glauben, dass es Norwegen als eigenständiges Land noch nicht viel mehr als hundert Jahre geben soll. Man hätte bei der Menge an interessanter Architektur, die sich allein in Oslo findet, auch nicht vermutet, dass das norwegische Architekturmuseum bis vor kurzem gar kein festes Obdach hatte. Seit einer Woche hat es nun eins. Der große Sverre Fehn hat es gebaut und ist auch der Gegenstand der ersten Ausstellung.

          Eine Halbinsel der Glückseligen
          Eine Halbinsel der Glückseligen : Bild: AFP

          Erstaunlich ist aber auch, dass die Norwegische Oper fast vierzig Jahre nach Kirsten Flagstad immer noch provisorisch in einem Theater hausen musste. Ende der neunziger Jahre wurde dann endlich beschlossen, diesem Zustand abzuhelfen. Und dass ein auffällig gestaltetes Opernhaus am Ende zum Wahrzeichen einer Stadt, eines Landes und sogar eines ganzen Kontinents werden kann, schien auch dem norwegischen Parlament bekannt gewesen zu sein, als es den 500-Millionen-Euro-Bau bewilligte. Oslo ist insofern jetzt auch noch Sydney.

          All das muss vorausgeschickt werden, bevor wir hier zu diesem Opernhaus kommen, denn in ihm kulminieren alle diese Themen: die Natur, die Architektur, der Hafen, die nachholende Kulturnationenbildung und das herrlich viele Geld.

          Als Halbinsel in den Fjord hineingebaut

          Das, was die Architekten des norwegischen Büros Snøhetta, die 1999 den Wettbewerb für sich entscheiden konnten, da geschaffen haben, verdient ohne jede Übertreibung das Wort spektakulär. Als Halbinsel in den Fjord hineingebaut, erheben sich die Baumassen wie ein majestätisches Gebirge aus Eisschollen aus dem Wasser. (Wer deshalb hiervor an Caspar David Friedrichs "Eismeer" denkt, darf freundlicherweise bitte den Untertitel - "gescheiterte Hoffnung" - weglassen; jedenfalls sollen Schiffe bereits durch eine im Hafenbecken verlegte Kette davon abgehalten werden, hier zu kentern.) Rund zwanzigtausend Quadratmeter Dachfläche, erklärt der Architekt stolz, und alles ist mit zehn bis zwanzig Zentimeter dicken Blöcken aus Carrara-Marmor bedeckt.

          In Abu Dhabi oder Dubai hätten sie vermutlich Goldbarren dafür verwendet; im geschmacklich dezenteren, an eigenem Gestein aber nicht direkt armen Norwegen läuft die Entscheidung für den italienischen Prestige-Marmor allerdings auf ein ähnlich überzeugendes Statement hinaus. Es ist eine materielle Würdeformel; es ist das, was bei den Opernhäusern des neunzehnten Jahrhunderts die Barockzitate waren. Da wir uns aber heute in der digitalen Moderne befinden, sieht das in Oslo so aus, dass jeder einzelne der 36 000 Marmorblöcke in Norwegen am Computer designt und nach den errechneten Vorgaben in Italien zugeschnitten wurde, so dass ein räumliches Puzzle zusammengesetzt werden konnte, dessen Komplexität einen sofort über die Zeitgenossenschaft aufklärt: So etwas wäre noch vor zehn Jahren gar nicht möglich gewesen.

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