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Das neue Jahrzehnt Danke, wir verzichten

27.12.2009 ·  So, wie es war, geht es nicht weiter. Zumindest das hat uns der Klimagipfel von Kopenhagen, pünktlich zum Ausklang der sogenannten Nullerjahre, gezeigt. Und wie geht es stattdessen weiter in dem Jahrzehnt, das in der Nacht zum Freitag beginnt? Die F.A.S. blickt nach vorne.

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So, wie es war, geht es nicht weiter. Zumindest das hat uns der Klimagipfel von Kopenhagen, pünktlich zum Ausklang der sogenannten Nullerjahre, gezeigt. Und wie geht es stattdessen weiter in dem Jahrzehnt, das in der Nacht zum Freitag beginnt?

Auch das ist in Kopenhagen nun leider unangenehm deutlich geworden: Unsere Politiker werden die Erde sicher nicht retten. Das müssen wir schon selbst erledigen. Wir werden uns erheblich einschränken müssen, sagen die Experten. Das Stichwort, unter dem die nächsten Jahre stehen, lautet aller Voraussicht nach: Verzicht.

1. Wachstum

Die Zeit, als Wachstum noch geholfen hat, ist lange vorbei, bildet aber gerade deshalb heute mehr denn je den Sehnsuchtsort des Politischen: Der letzte Augenblick, in dem die Leitideen der westlichen Kultur - Wachstum, Fortschritt, Wettbewerb, Entwicklung, Wohlstand - noch mit der Wirklichkeit übereinstimmten, war 1989. Danach ist dem Westen die Zukunft abhandengekommen. Wie schön hätte damals alles werden sollen, nach dem Ende der Geschichte und dem Sieg des Westens, endlich angekommen in der besten aller Welten, dem finalen System des Wachstums und der immerwährenden Wohlstandsmehrung.

Aber die Staaten der Welt bilden ein Gefüge wechselseitiger Abhängigkeiten, und da war es naiv zu glauben, die eigene Position bliebe dieselbe, wenn eine komplette politische und wirtschaftliche Hemisphäre verschwindet. Flugs hatte man die osteuropäischen Länder zu Transformationsgesellschaften erklärt und übersehen, dass man selber Teil einer großen Transformation geworden war. Im Blick auf die gigantischen Absatzmärkte, die sich im Osten auftaten, und all die schönen Möglichkeiten zur Verbreitung von Demokratie und Marktwirtschaft übersah man allzu gern, dass sich auch andernorts Revolutionen vollzogen. Staaten stiegen mit einer Geschwindigkeit auf, die man zuvor für unmöglich gehalten hatte, und sie etablierten neue Formen der Staatlichkeit: Kapitalismus geht, wie das chinesische Beispiel zeigt, auch ohne Demokratie, und wie! Und aus Russland wurde in einer Kombination aus Reichtum an fossilen Energien und routiniertem Autoritarismus ein postkommunistisches Großscheichtum, mit dem in dieser Form auch niemand gerechnet hätte.

Das alles heißt Globalisierung und funktioniert nach der Formel, dass relativer Machtzuwachs auf der einen Seite relativen Machtverlust auf der anderen bedeutet, und das gilt wirtschaftlich, klimapolitisch, geostrategisch genauso wie hinsichtlich der Frage, welches System denn langfristig das Erfolgsmodell in Zeiten wachsender Bevölkerungen, schwindender Ressourcen und gigantischer ökologischer Probleme darstellen wird.

Was hat der Westen zu all dem zu sagen? So etwas wie: „Wir werden es der Wirklichkeit schon zeigen!“, nämlich mit einer illusionären Politik, die souverän ignoriert, dass man in jeder Hinsicht über die Verhältnisse seiner Bewältigungsmöglichkeiten lebt. Als Problemlösung anzubieten hat man nur das, was die Probleme erzeugt hat: Wachstum. Aber das schafft, wie mehr als dreißig Jahre Massenarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik bei kontinuierlichem Wirtschaftswachstum zeigen, weder Arbeitsplätze, noch beseitigt es im weltweiten Maßstab die Armut. Und um allein die Kosten des bizarren Wachstumsbeschleunigungsgesetzes zu kompensieren, wäre ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent nötig, die reine Fiktion.

Der Sachverständigenrat hat der neuen Regierung „Tagträumerei“ attestiert, als wäre deren Illusionismus eine Verschrobenheit und nicht der Ausverkauf der Zukunftschancen der kommenden Generationen. Aber in diesem Tagtraum treffen sich Politiker und Bürger, endlich einmal, und beglaubigen sich wechselseitig die Bundesrepublik als eine, in der die Rezepte der Nachkriegszeit noch funktionieren, wie damals, als es immer aufwärtsging.

Die Simulation des in Wahrheit lange schon erodierten Status quo erfordert so viel Mittel, dass für die Bewältigung der Gegenwarts- und Zukunftsprobleme keine übrig sind. Die Politik ist, von den Grünen bis zur FDP, an der Welt geformt, in der sie entstanden ist, und das ist die Welt der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, die Welt des ökonomischen und technologischen Siegeszugs des Westens. In einer multipolaren Welt, in der sich die Umwelt-, Kriegs- und Klimasystemrisiken längst in Gefahren verwandelt haben, taugen diese Programme nichts mehr. Sie passen nur zu einer Wirklichkeit, in der die Zukunft immer als besser als die Gegenwart erschien, nicht zu einer, in der das umgekehrt ist. Dazu hat man nichts zu sagen, das kann man nicht mal denken, und genau deshalb entwickelt die Vergangenheit diese fatale Attraktivität, die zu jener Kaskade illusionärer Entscheidungen führt, die die Probleme immer nur weiter vertieft.

Jared Diamond hat in seinem Buch „Kollaps“ darauf hingewiesen, dass Gesellschaften immer dann gescheitert sind, wenn sie unter veränderten Bedingungen die Strategien intensiviert haben, denen sie ursprünglich ihren Erfolg verdankten, und dass sie genau damit ihren Untergang beschleunigten. Die erste Dekade des 21. Jahrhunderts wird inzwischen das verlorene Jahrzehnt genannt. Verlorengegangen sind dem Westen in den letzten zehn Jahren nicht nur seine Erfolgsgeschichten, sondern vor allem seine Fühlung mit der Wirklichkeit. Seine Zukunft hat er schon hinter sich. Man muss auch loslassen können.

Harald Welzer

* * *

2. Geld

Demokratie, habt ihr uns immer erzählt, sei die beste aller Regierungsformen - wenn das Volk sich selbst regiere, dann werde es sich auch gut regieren; die Weisheit sei, auf Dauer, bei der Mehrheit, die Vernunft, wenn man nur checks and balances einbaue, werde die meisten freien Wahlen gewinnen. Das Volk, so haben wir in diesem Herbst gelernt, hat aber manchmal keine Lust, vernünftig zu sein, das Volk ist bestechlich, es tut sehr gerne das Unvernünftige, solange die, die davon einen Schaden haben, nicht wählen dürfen oder in der Minderheit sind.

Unsere Kinder und Enkel haben kein Wahlrecht und keine Lobby, jene, die noch nicht geboren sind, haben keine Stimme, keine Interessenvertretung - und so hat die Mehrheit beschlossen, jene Parteien zu wählen, die versprachen, das Geld der Enkel und der Ungeborenen unter den Erwachsenen zu verteilen. Wir versprechen euch Steuersenkungen, sagten die FDP und die CSU, und natürlich wussten sie, dass das Geld, das sie da zu verteilen versprachen, weder ihnen gehörte noch dem Volk. Das Volk wusste es auch und wählte trotzdem diese Parteien. Und die Linkspartei, die sich darüber so schrecklich erregte, den Betrug einen Betrug nannte und die Betrüger Betrüger, versprach das gleiche Geld, das auch sie nicht hatte, nur eben ihrer Klientel.

Dass wir alle unser Einkommen von den Enkeln nur geliehen haben, dass wir ihnen außer einer ramponierten Weltkugel auch noch unsere Schulden vererben würden: Das wissen wir ja, und es bedrückt uns seit langem, und weil Schulden aber so suchterregend sind und weil Geld das allerschlechteste Gewissen betäubt, haben wir, jahrelang, zwar jeden Finanzminister, der zu sparen und die Haushaltskassen zu sanieren versprach, unbedingt sympathisch gefunden, ihm aber großherzig verziehen, wenn er, weil die Wirtschaft schrumpfte oder irgendeine Blase platzte, es dann doch nicht schaffte. Neu ist die Offenheit, mit welcher jetzt eine Regierung das Volk belügt, neu ist der Zynismus des Volkes, das sich sehr gern belügen lässt, solange es von der Lüge profitiert. Jeder, wirklich jeder, weiß, dass die Steuergeschenke sich nicht selbst finanzieren werden. Sie sind nichts anderes als Raub an unseren Enkeln.

Claudius Seidl

* * *

3. Kühlschrank

Nach reiflicher Überlegung rief ich Frau und Kinder zusammen. „Alle mal herhören“, sagte ich, „wir schaffen unseren Kühlschrank ab.“
Empörung. Sie riefen so Zeug wie: „Kannst du vergessen.“ - „Nicht mit uns.“ - „Jetzt übertreibt er total.“ Dann machten sie einen Kreis und wisperten. Danach teilte man mir mit, dass wir unseren Kühlschrank nicht abschaffen würden.
„Ihr seid toll“, sagte ich.

Erstens: Eine Familie ist keine Ökodiktatur. Klimaschutz und Kühlschrankverzicht kann man in demokratischen Post-68er-Familien nicht plötzlich topdown anordnen. Aber man kann die Menschen „mitnehmen“, also einen anstrengenden, demokratischen Diskussions- und Bewusstseinsprozess organisieren, bis sie am Ende ihre Biogurken auf die Fensterbank legen.
Zweitens: Ich habe hohen Respekt vor Menschen mit Klimahochkultur, die einen unhysterischen, urbanen Lebensstil ohne Kühlschrank hinkriegen. Wenn es dann auch noch identitäre Klimapolitiker sind wie der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer: umso besser. Aber: Wir haben einen A++. Er ist mit energetischem Aufwand produziert und technologisch modern, also mit hohem Effizienzgrad. Was sollen wir den wegschmeißen?

Grundsätzlich: Der singuläre Verzicht auf den Kühlschrank bringt nichts, und schon gar nichts, wenn er mit großem Zetern einhergeht. Was es dagegen bringt, ist der Verzicht auf Strom von Kohle- und Atomstromkonzernen zum Betrieb des Kühlschranks. Stattdessen: echter Ökostrom. Wer seine Energie auch noch selbst mit Hilfe von Wind oder Sonne produziert, ist aus der fehlgeleiteten Verzicht- und Moraldebatte und der Ausredengesellschaft raus. Seinen Strom selbst produzieren ist das große Ding des kommenden Jahrzehnts.

Das gilt für Individuen, Bürgerzusammenschlüsse und Kommunen. Dafür haben einige kluge Politiker von Rot-Grün das Erneuerbare-Energien-Gesetz geschaffen, das sich inzwischen in über vierzig Länder ausgebreitet hat. Steht in keinem Kyoto- oder anderen Weltklimagipfel-Protokoll. Logisch: Sonst existierte es ja nicht. Gottes (also Hermann Scheers) Erstes Gebot lautet: „Wer beschleunigen will, kann nicht auf globalen Konsens warten.“

Wer sich mit 5000 Euro Einlage an einem Bürgerwindkraftwerk beteiligt, produziert damit 2010 laut meinem Geschäftsführer 14 919 Kilowattstunden Strom. Der Durchschnittsverbrauch einer Familie für Strom, Heizung und Auto beträgt etwa 36 000 Kilowattstunden. Unserer beträgt 2500 + 14 000 + 3500 = 20 000. Das heißt: Wir produzieren nicht so viel, wie wir verbrauchen. Aber mit unserem Windstrom kann unser A++ (202 Kilowattstunden im Jahr) den Grauburgunder vom Kaiserstuhl lange und prächtig temperieren.

Und nun zum Verzicht. Mein Bruder Martin Unfried, Sänger der Band „Ökosex“, und ich verzichten auf Klimagipfel, populistisches Politikerbashing und den Gebrauch des Wortes „Klimakanzlerin“. Unsere Klimakultur-Philosophie lautet: Wenn alles nun mal so blockiert ist, lösen wir die Blockade, indem die Gesellschaft die Politik unter Druck setzt. Naiv? Abwarten. Nicht nur der Politikwissenschaftler Claus Leggewie sieht das Positive an Kopenhagen in der Konstituierung eines „Weltbürgertums“ als wirklichem Akteur.
Grundlage für Handlungsfähigkeit ist ein neues Denken, in dem die Angst vor Klimakultur nicht mehr größer ist als die Angst vor dem Klimawandel. Es geht zunächst nicht um die anderen. Es geht speziell auch für Kulturkreative darum, die eigenen emotionalen und kulturellen Blockaden zu erkennen, zu überwinden und damit Teil einer Avantgarde zu werden, die Lebensstilverantwortung übernimmt und professionell und progressiv vorangeht.
„Lebensstilverantwortung“ ist übrigens der neue Harald Schmidt.
Ein einfacher Einstieg ist unser Fünfzig-Prozent-Club. Der Plan sieht vor, dass wir (mein Bruder, ich und Sie) uns auf drei zentrale Bereiche konzentrieren. Strom, Wärme, Benzin. Binnen zwei Jahren senken wir unseren individuellen Energieverbrauch in diesen Bereichen um fünfzig Prozent. Im neuen Denken heißt es: Wir erreichen fünfzig Prozent Dekarbonisierungswachstum. Dekarbonisierungswachstum ist das neue große Ding in Gesellschaft und Wirtschaft und ein künftiger Treiber von westlichem Lebensglück.

Konkret: Ich habe ein Drei-Liter-Auto. Ich brauche also bis Ende 2011 ein 1,5-Liter-Auto, oder ich muss nur noch die Hälfte der bisherigen Zeit im Auto verbringen. Es ist egal, ob die Verbesserung durch eine Lebensstiländerung erreicht wird (auch mal zu Fuß gehen), durch Technologie (modernes Auto) oder Transformation vom Konsumenten zum Stromproduzenten. Sicher ist nur: Durch Leitartikel, Sozialismusphantasien, Verweis auf Inder und Chinesen und sonstiges Nichtstun wird der Energieverbrauch nicht besser und die Vermeidung von untergehenden Küstenregionen und Klimakriegen nicht wahrscheinlicher.

Das neue Jahrzehnt ist das Jahrzehnt der freien Entscheidung eines jeden okayverdienenden Bürgers in den wohlhabenden Industrienationen. Mein Bruder. Ich. Sie. Wir entscheiden uns: für Lebensstilverantwortung. Für Klimakultur. Für Klimapolitik. Für Aktion.
Oder ganz bewusst dagegen.

Peter Unfried
(Der Verfasser ist Chefreporter der „taz“ und Autor von „Öko: Al Gore, der neue Kühlschrank und ich“.)

Die vollständige Verzichtliste mit 32 Einträgen finden Sie im Feuilleton der F.A.S. vom 27. Dezember 2009.

Quelle: F.A.S.
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