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Das Los der Wanderarbeiter Die nächste chinesische Revolution

Wenn ein Kaiser von China die Gunst des Himmels verloren hatte, brachte ein Bauernaufstand seinen Sturz. Um dieses Schicksal abzuwenden, leitet die Kommunistische Partei eine Reform des Wanderarbeiterdaseins ein. Und die ganze Welt wird davon betroffen sein.

© picture-alliance/ dpa Vergrößern Die Regierung fürchtet eine Landflucht, sollte sie das Stadtrecht auf die Bauern ausweiten

Das „Dokument Nr. 1“ des neuen chinesischen Jahres befasst sich mit den Auswirkungen der globalen Finanzkrise auf die Bauern - doch die Umstände, unter denen die Regierung in Peking das Papier vorstellte, lassen keinen Zweifel daran, dass sie dieses Thema nicht bloß für ein ökonomisches hält. Das gemeinsam vom Staatsrat und vom Zentralkomitee der Kommunistischen Partei herausgegebene Achtundzwanzig-Punkte-Programm verknüpft die geschätzten zwanzig Millionen Wanderarbeiter, die infolge der verminderten Auslandsnachfrage arbeitslos geworden und jetzt in ihre Dörfer zurückgekehrt sind, direkt mit der Sicherheit des Staates. Die lokalen Verwaltungen wurden angewiesen, nach Möglichkeit auf Deeskalation zu setzen. Am selben Tag mahnte Staatspräsident Hu Jintao die Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee, angesichts möglicher militärischer Auseinandersetzungen die Disziplin zu wahren und sich über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten.

Offensichtlich steht der Regierung ein Szenario vor Augen, das noch gewaltiger und bedrohlicher ist als die jährlich achtzigtausend „Zwischenfälle“, die die amtlichen Statistiken ohnehin schon vermelden. Die Unruhen waren bislang lokal begrenzt und hatten meist die Willkürherrschaft örtlicher Funktionäre zum Anlass, vor allem, was Umsiedlungen und ausbleibende Entschädigungen betraf.

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Einen umfassenden Armuts- und Verzweiflungsaufstand hat es bisher nicht gegeben, doch anscheinend hält ihn die Regierung mittlerweile für möglich. Das rührt an historische Traumata.

A staff member wearing military uniforms stands in front of a portrait of the late Chairman Mao Zedong at a Mao Zedong memorial in Changzhi © REUTERS Vergrößern Mao nutzte die Bauern für seine Kulturrevolution

Die Macht der Bauern

Schon der alten kaiserlichen Geschichtsschreibung erschien die Zufriedenheit der Bauern als das entscheidende Kriterium politischer Legitimität. Dass eine Dynastie das Mandat des Himmels, ihr Recht zu herrschen, verloren hatte, erkannte man daran, dass Bauernaufstände, ausgelöst durch Hunger und untragbare Steuerlasten, sie zu Fall brachten.

Den Konfuzianern galten die Bauern als eine der beiden Stützen des Staats: Die Regierung regiert, und die Bauern produzieren. Für die Kommunisten waren sie im Bürgerkrieg der Motor der Revolution: „Die Städte vom Land her einkreisen“, hieß Maos Devise. In früheren Rebellionen waren es oft krude Heilsprediger, die sich an die Spitze der empörten Massen stellten, am fatalsten in der Taiping-Bewegung, die im neunzehnten Jahrhundert einen Bürgerkrieg mit dreißig Millionen Toten entfesselte.

Solche kollektiven Erinnerungen schwingen wohl mit, wenn das „Dokument Nr. 1“ die Anmerkung macht: „Wir müssen feindliche Kräfte daran hindern, die Religion zu benutzen, um unsere Dorfgemeinden zu infiltrieren.“

Kein Land, keine Sicherheiten, keine Arbeit

Jedenfalls ist offensichtlich, dass es sich im Fall der Wanderarbeiter nicht um eine Arbeitslosenstatistik wie jede andere handelt. Laut einer Schätzung des Staatlichen Forschungszentrums für Landwirtschaft stammen vierzig Prozent der Einkünfte auf dem Land von dieser Gruppe, die sich in den Städten auf Baustellen und in Fabriken verdingt.

Das jährliche Pro-Kopf-Einkommen auf dem Land ist in den letzten Jahren dank solcher Tätigkeiten auf 4700 Yuan, umgerechnet etwa 500 Euro, gestiegen. Zugleich verfügen viele der Bauern und der jetzt zurückgekehrten Wanderarbeiter nicht mehr über die ursprüngliche Quelle ihrer Selbsterhaltung, das eigene Land, das sie an Immobilieninvestoren mehr oder weniger freiwillig und oft ohne genügende Kompensation veräußert haben.

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