Vielleicht war die Blamage der privaten Sicherheitsfirma G4S bloß ein raffinierter Trick, um das Militär mit dem Schutz der Öffentlichkeit bei den Olympischen Spielen betrauen zu können. Schließlich hat die Armee einen besonderen Platz im Herzen der britischen Nation, und die Soldaten, die jetzt im Olympia-Park patrouillieren, werden schon jetzt wie Helden gefeiert. Sie fertigen die Besucher an der Sicherheitskontrolle nicht nur zügig und effizient ab, sondern mit einer Freundlichkeit, wie sie die grimmigen Flughafenbeamten in London nie aufzubringen vermögen, so dass der triumphierende Bürgermeister Boris Johnson frotzelte, ob das Ganze nicht ein brillantes Manöver des Verteidigungsministeriums gegen die bevorstehenden Etatkürzungen sei.
Überhaupt herrscht auf dem Olympiagelände eine vom gedrillten Personal ausgestrahlte Heiterkeit, als hinge am Eingang das Schild: „Lasst, die ihr eintretet, alle Sorgen fahren.“
Hat man sich seinen Weg gebahnt durch das Gewühl der Menschen, die vom Olympiagelände in das gigantische Einkaufszentrum am Rande überquellen, betritt man eine seltsame Parallelwelt mit futuristisch anmutenden Bauten, umringt von Wasserwegen und blühenden Weiden, die diese Insel der Seligen abschirmen von der Realität der sich dahinter türmenden Hochhäuser.
Die inszenierte Natur
In Danny Boyles anspielungsreichem Eröffnungsspektakel vom Freitag war das arkadische England der grünen Felder und Bauerngehöfte brutal vernichtet worden durch die industrielle Revolution. Auf dem Olympiagelände ist das Gegenteil angestrebt worden: Eine menschengemachte Landschaft hat sich eine Brache zurückerobert.
Diese inszenierte Natur ist genauso künstlich, wie es das Bild der vorindustriellen Idylle am Anfang des sonderbaren olympischen Marschs durch zweihundert Jahre britischer Geschichte war. Wie die Märchenwelt, die Boyle mit seiner verklärten Vision des staatlichen Gesundheitsdienstes verwob, verlangt auch der Olympiapark eine willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit.
Als London 1908 erstmals die Olympischen Spiele ausrichtete, ahnte die Nation noch nichts von der bevorstehenden Katastrophe, die ihre alte Ordnung zerstören und das Ende der imperialen Macht Großbritanniens einläuten würde. Eduard VII. herrschte über ein Reich, in dem die Sonne niemals unterging.
Bei den zweiten Londoner Spielen, 1948, inmitten der Trümmer des Zweiten Weltkriegs, wog sich die Nation noch im Glauben, dass sie als Siegermacht weiterhin eine führende Weltrolle spielen werde, obgleich sie Indien bereits in die Unabhängigkeit entlassen hatte.
Aus dem Ruß der industriellen Revolution
In den nachfolgenden Jahrzehnten haderte Großbritannien mit seiner Degradierung zur Mittelmacht am Rande Europas - ein Land, das sein Empire verloren, aber noch keine Rolle gefunden habe, wie es der amerikanische Politiker Dean Acheson 1950 auf den wunden Punkt brachte.
Danny Boyle, der Sohn eines Heizers und einer Mutter, die in der Schule Mittagessen austeilte, hat am Freitag für „London 2012“ einen anderen Nationenbegriff definiert, der geprägt ist vom Wohlfahrtsstaat, in dem Boyle aufwuchs. Sein Großbritannien ist aus dem Ruß der industriellen Revolution geschmiedet worden - von einer Gemeinschaft, die stets für Toleranz und politische Gerechtigkeit einsteht, die den Dissens pflegt, schlagfertig ist und sogar eine Königin hat, die über sich selbst lachen kann, wie sie mit ihrer Teilnahme an dem wunderbaren Bond-Sketch bewies.
Statt Kolonien zu unterwerfen, erobert dieses Großbritannien die Welt mit Witz, Kreativität und der Erfüllung jener „weißen Glut der technologischen Revolution“, die der Labour-Politiker Harold Wilson 1963 beschwor, aber nie realisieren konnte, weil die Gewerkschaften seine Vision einer staatlich gelenkten wirtschaftlichen Erneuerung durch ihre maßlosen Forderungen verhinderten und somit Margaret Thatchers individualistischer Gesellschaft den Weg ebneten.
Der Gesundheitsminister als Lord Voldemort
Manche meinten sogar, Boyle habe den Kinderfänger aus dem Film „Tschitti Tschitti Bäng Bäng“, der mit anderen erschreckenden Märchenfiguren in den Träumen der Kinder spukte, als Sinnbild für Margaret Thatcher gemeint, zumal sich der Spitzname „milk snatcher“, den sie als Bildungsministerin durch die Streichung der kostenlosen Milch für Schulkinder bekam, auf „child catcher“ reimt.
Andere waren sich sicher, dass die achtzehn Meter hohe Puppe von Harry Potters finstrem Widersacher Lord Voldemort aus J. K. Rowlings Zauberabenteuer den Gesundheitsminister Andrew Landsley darstelle, der wegen seiner umstrittenen Reform des Gesundheitswesens als Voldemort-Figur verteufelt wird.
Genial jedenfalls, wie Boyle mit seiner Hymne auf das Gesundheitswesen und die Einbeziehung des Dampfschiffes „Empire Windrush“ eine Brücke zu den Olympischen Spielen von 1948 geschlagen hat: Der National Health Service wurde in jenem Jahr aus der Wiege gehoben, und im selben Jahr legt die „Windrush“ in Tilbury mit den ersten Einwanderern aus der Karibik an, die als Arbeitskräfte für den neuen Wohlfahrtstaat rekrutiert worden waren.
Ein süffisantes Grinsen
Meisterhaft keck auch, wie sich der Regisseur über alle Regeln hinwegsetzte und die poetischen Zeilen von Shakespeares grobem Naturmenschen Caliban pathetisch vortragen ließ von dem Schauspieler und Regisseur Kenneth Branagh, der in der Gestalt Isambard Kingdom Brunels, des Inbegriffs viktorianischen Unternehmergeistes und Kreativität, süffisant grinste über die Dynamik, die er mit seinen Erfindungen im Land entfesselt hatte.
Calibans Beschwörung „Sei nicht in Angst! Die Insel ist voll Lärm, voll Tön und süßer Lieder, die ergötzen und niemand Schaden tun“ konnte auch als beruhigende Ansprache Danny Boyles an seine konservativen Auftraggeber verstanden werden. Mit subversivem Witz und jenem Geist des Dissenses, den er unter anderem durch die Suffragetten und den sogenannten Kreuzzug der Arbeitslosen aus Jarrow während der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre veranschaulichen ließ, hat er ihnen ein Gesellschaftsbild untergejubelt, das mit seinem aufsässigen Sechziger-Jahre-Gefühl in krassem Widerspruch steht zu ihren politischen Vorstellungen.
Während Labour-Aktivisten jubeln, die Eröffnungsfeier sei die beste Wahlkampfwerbung für ihre Partei, die sie sich denken könnten, zog ein ungeschickter konservativer Abgeordneter, der schimpfte, die Inszenierung sei linker gewesen als das Pekinger Spektakel vor vier Jahren, auch aus den eigenen Reihen Zorn auf sich. David Cameron hat begriffen, dass schmallippige Missbilligung der Regierung nur schaden kann. Dafür war Danny Boyles ausgeklügelter Spagat zwischen traditionellem England-Bild und idealisiertem Sozialstaat einfach zu gewandt.
Gina Thomas
Jan Grensemann (Grensemann)
- 31.07.2012, 11:30 Uhr