14.06.2002 · Hard boiled sind die Krimis des Österreichers Jürgen Benvenuti. In „Eine Chance zuviel“ lässt der Autor seine Heimat hinter sich.
Von Franz SchuhIn jener Zeit, da ich noch Lektor war, schwappte nach Wien das Gerücht über, dass in Vorarlberg, dem, wie man sagt „westlichsten“ Bundesland Österreichs, ein junger Mann lebt, der in der Lage wäre, Kriminalromane zu schreiben: Jürgen Benvenuti. Ich lernte Jürgen Benvenuti kennen und stellte gleich fest, der junge, hagere Mann war ein außerordentlicher Kenner amerikanischer Krimis - ein besserer als ich; er zitierte Autoren und Bücher mit einer Leidenschaft, ja, mit einem eleganten Fanatismus, der mich darauf neugierig machte, ob seine eigenen Bücher nur im Geringsten mit seinen erlesenen Ansprüchen mithalten würden.
Ich behaupte, es gehört zu den klammheimlichen Freuden eines Lektors, die allzu Belesenen unter seinen Klienten anhand ihrer Werke blamiert zu sehen. Darauf kann man auch leicht hoffen: Fanatiker oder schlicht „Fans“, die gewöhnlich alles andere als einen Sinn für Eleganz haben, sind in der Praxis zumeist entsetzliche Amateure oder Furcht erregende Dilettanten. Die Ehrfurcht vor dem, was sie bewundern, macht sie geschwätzig, aber dann sprachlos, wenn sie auf ihrem scheinbar ureigensten Gebiet selber etwas sagen sollen, geschweige denn Eigenständiges.
Sex, Drugs, Rock'n'Roll und Schulden
Aber siehe da, Jürgen Benvenuti haftete schon am Beginn seiner Laufbahn etwas Professionelles an. Im Sinne der Erkenntnis von Oswald Wiener, Stil sei die Strafe für Persönlichkeit, vermute ich, dass Benvenuti nicht bloß die Vorbilder des Pulp-Fiction-Profi schriftlich realisiert hat; er hat sich vielmehr in diesen Professionalismus eingelebt, und zwar durch einen Lebensstil, der ihm Situationen bescherte, wie sie im Buche standen: Sex, Drugs, Rock'n'Roll und Schulden.
Das könnte aber auch eine Legende sein, die ein so ordentlich lebender Mensch wie ich, der davon nur die Schulden hat, gerne knüpft. Jedenfalls hat der reiche Verlag, bei dem ich damals für einen Bettel angestellt war, stolz auf dem Klappentext von Benvenutis „Harter Stoff“ vermerkt: „Geboren 1972 in Bregenz, aufgewachsen in Lustenau, lebt seit 1993 in Wien, wo er sich mit Zettelverteilen und anderen Gelegenheitsarbeiten durchschlug.“ Durchschlagende Gelegenheitsarbeiten. „Harter Stoff“ war Benvenutis Debütroman, und hard boiled sind seine Krimis bis heute, da er, wie ich hoffe, als einzige Gelegenheitsarbeit das Romaneschreiben, also die höhere Art des Zettelverteilens, betreibt. Der Witz seiner ersten Bücher lag für mich darin, dass er den österreichischen Verhältnissen die amerikanische Perspektive des Kriminalromans überstülpte.
Gier als entscheidende Triebkraft
Aus dieser Perspektive verwandelt sich zum Beispiel die Großstadt Wien in ein synthetisches Los Angeles mit schlechtem Wetter, und die Stadt bleibt zugleich als Wien, das nach der kommunalen Propaganda und auch tatsächlich „anders“ ist, kenntlich: eine kalte Stadt der Schläger, der Dealer, des Rotlichtmilieus und der zwielichtigen Sozialarbeiter; eine Stadt des schlechten Essens, der verkommenen Wohnungen, der Hotelzimmer mit den allzu weichen Betten, durch die die Wirbelsäulen sich sogar über das landesübliche Maß hinaus krümmen müssen.
Es hat nicht lange gedauert, und Jürgen Benvenuti hat den Verlag gewechselt, und seine Bücher kamen bei Lübbe heraus. Frisch erschienen ist dort jetzt der Roman „Eine Chance zu viel“ (Lübbe, 6,90 ¬). Das ist ein Titel, der mir gefällt: Gewöhnlich hat man ja keine Chance, dann hin und wieder eine, aber dass es eine zu viel sein könnte, darauf kommt man nicht ohne weiteres. Benvenuti kommt darauf, weil er ganze Romane von den menschlichen Triebkräften erzählt, und die Gier ist bekanntlich eine entscheidende Triebkraft; sie macht es bei Gelegenheit, dass die Chance, die man gerade ergriffen hat, eine zu viel ist und dass alles, was man sich davon versprochen hat, nein, nicht den Bach hinuntergeht, sondern vom reißenden Fluss der Ereignisse mitgerissen wird.
Augebleichte Figuren: mit allen Wassern gewaschen
Und siehe da, da ist er wieder, der alte amerikanische Kriminalroman. Von ihm hat Benvenuti so eine Art Reinkultur angelegt. In Reinkultur sind es nicht mehr überstülpte österreichische Verhältnisse, also kein Zwiespalt mehr zwischen Ort und Perspektive, sondern alle Handlung spielt sich in keiner Stadt, auf keinem Land, sondern nirgendwo anders als im strengen Schema der literarischen Gattung ab. Die Personen der Handlung sind deutlich voneinander abgegrenzt, ihre Typisierung ist perfekt, und ihre Interaktion folgt dem genauen Muster der Pulp Fiction: Der Held Gio arbeitet mit den Händen, und die macht er sich oft schmutzig, denn er verprügelt dienstlich Schuldner, die nicht zahlen wollen.
Der Bursche, naturgemäß ein Ex-Bulle, ist hart, und nachdem er einmal im Gefängnis gelandet war, beruhigt er die besorgte Nachfrage mit den Worten: „Ich bin ein Ex-Bulle und alle hassten mich, aber ich bin groß und wenn es sein muss, kann ich ein ziemliches Arschloch sein. Nach ein, zwei blutigen Kämpfen ließen sie mich in Ruhe.“ Das einschlägige Personal, vom Autor professionell am Gängelband vorgeführt, scheint vollständig versammelt: der Casino-Besitzer, ein schwacher Mann, der allzu geil auf eine Schöne ist, die beim Spielen unaufhörlich verliert.
Aber wessen Kreditrahmen könnte im Casino größer sein als der des Chefs? Ein Geschäftsmann mit Eheproblemen und der obligaten Geliebten, vor allem aber mit dem gewissen Finanzierungsdruck, der sich immer zur selben Zeit einstellt, nämlich stets, wenn man glaubt, bald ausgesorgt zu haben ... Ach, diese Figuren sind etwas ausgebleicht, weil sie so oft mit allen Wassern gewaschen worden sind. Aber ich lese immer wieder gerne das Alte von ihnen, am liebsten freilich, allein schon früherer Lektorate wegen, in der aktualisierten Fassung von Jürgen Benvenuti.