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Das Kriminal Henning Mankells unfreiwillige Komik

26.11.2002 ·  Verriss eines Bestsellers: Hennig Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ wartet auf mit lächerlichen Nazi-Zombies und schürt Angst vor Computern.

Von Franz Schuh
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Hier an dieser Stelle habe ich bereits getobt, geschrieen und gekratzt, geflucht, verdammt und verurteilt. Ich bin auf und ab gesprungen, zuerst im Stehen und dann auf allen vieren. Für diese vielfältige Verhaltenspalette gab es immer nur einen Grund: Klappentexte, die bei Kriminalromanen sofort verraten, was der Leser erst später erfahren kann.

Jetzt bin ich es müde, meine Gesundheit ist auch nicht mehr die beste, und ich rate nur sanft, den Klappentext von Henning Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ (Zsolnay, 24,90 Euro) nicht zu lesen: Was dort in der zwanzigsten Zeile steht, ist im Buch erst auf Seite 137 zu erfahren, vielleicht sogar erst auf Seite 174, und bis man das alles weiß, hat sich ein krebskranker Polizist bei seinen Ermittlungen nicht wenig Mühe geben müssen.

Mankell ohne Spannung

Aber halt! In einem illustrierten Nachrichtenmagazin war ein Artikel über „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ zu lesen, der alles verriet; sogar etwas, das erst auf Seite 468 spruchreif wird. Dieser Spruchreife ging ein Tarnen und Täuschen voran, sprich: der Aufbau einer Fassade, hinter der man höchstens vermuten konnte, was in Wahrheit los ist. Wenn man nichts mehr vermuten kann, weil man alles weiß, dann fällt bei der Lektüre der banale Grund weg, aus dem man sie bei Kriminalromanen auf sich nimmt: Spannung, Suspense. 503 Seiten Mankell ohne Spannung - was bleibt da?

Leute, die bei illustrierten Nachrichtenmagazinen ihr belegtes Brot verdienen, sind nicht einfach dumm. Dass sie nicht wissen, was sie tun, kommt bei ihnen selten vor; sie sind auf ihre Art überaus bewusste Menschen. Dagegen ist meine simple, mit Seitenzahlen hantierende
Logik gewiss weltfremd. Mir könnte nämlich so etwas wie die Ökonomie des Bestsellers entgangen sein: Bei einem Seller liegt der Akzent nicht darauf, dass er gelesen wird, sondern darauf, dass man ihn kauft.

Ausverkauf des Inhalts

Die „freundliche Isolation“, die nach Robert Walser das Lesen ist, zählt beim Seller wenig: Hier kommt es darauf an, dass möglichst viele Leute in die Pseudodiskussion darüber eingebunden sind, was der Autor uns sagen wollte. Deshalb müssen die Leute „informiert“ werden, und die Reklamemaschine vom Klappentext bis zum Illustriertenartikel betreibt den Ausverkauf des Inhalts bis zur letzten Zeile.

Mankells „Die Rückkehr des Tanzlehrers“ kommt dieser Tendenz entgegen: Das Buch hat nämlich ein großes Thema. Wir müssen ja unbedingt diskutieren, ob der Nationalsozialismus veraltet ist oder ob wir nicht besser annehmen, dass er bald wieder kommt. Das führt im Text zu merkwürdig papierenen Sätzen, die armen Figuren (sie verarmen mit jedem ihrer Worte) in den Mund gelegt werden: „Dieses Land, oder Europa, ist im Begriff, von innen heraus zerrissen zu werden durch seine Verachtung von Schwäche, die Überfälle auf Flüchtlinge, den Rassismus. Ich sehe es überall. Und ich frage mich, ob wir wirklich fähig sind, entschieden genug Widerstand zu leisten.“

Nazis zum Lachen

Ich selbst leiste Widerstand, indem ich die Umwandlung von Vergangenheitspolitik in Belletristik bekämpfe. Mein Widerstand ist aber nicht entschieden genug. Denkt man zum Beispiel an die Studentenbewegung, dann könnte man behaupten, ihre legendäre Radikalität sei auch dadurch entschärft worden, dass bald in jeder trivialen Fernsehserie die Figur des rigorosen Trottels vom SDS auftreten durfte. Aus dieser Sicht könnte man auch Mankells politisch-belletristische Traktate wohlwollend betrachten: Mankells Nazi-Zombies sind zum Lachen und verfehlen zum Glück auch so das Pathos, mit dem der entschieden genug Widerstand leistende Autor auf sie hinweist.

Dabei kommt es gelegentlich zur allerbesten unfreiwilligen Komik: Nachdem eine alte Nazifrau wortreich ihr klassisches Innenleben vom „Judenimport“ bis zur „Bedrohung durch den Kommunismus“ nach außen gekehrt hat, sagt ein Polizist, was er schon sagen muss: „Ich muß schon sagen, Ihre Ansichten grenzen ans Unerträgliche.“

Kleingeistige Angst

Mankells in diesem Roman verankerte Ansichten über den Computer sind von einer kleinbürgerlich-kleingeistigen Angst getragen. So denken Leute, die sich lieber fürchten, als dass sie sich im „Cyberspace“ zu orientieren lernen. Die Theorie dahinter ist entwaffnend: Der neue zukunftsreiche Nationalsozialismus, der völlig unabhängig von den vordergründig lärmenden Skinheads agiert, sei nichts als der alte - plus Computer; es sind „die internationalen Netzwerke“, ein Wort, geeignet wie kein anderes für eine Verschwörungstheorie.

Moralisierende Kriminalromane bringen einen dazu, die Moral der Geschichte ernst zu nehmen und anzuzweifeln: Wenn da jemand - unter dem Beifall der Erzählung - mit einer Mordtat davonkommt, bloß weil die Rache, die er nimmt, aus historischen Gründen plausibel erscheint, dann ist das nicht der Rechtsstaat, den ich meine. Ohne Ansehen der Person und Rasse zu ermitteln und vor Gericht zu stellen, ist eine Errungenschaft, die man nicht durch Sympathien ersetzen kann.

In diesem Buch haben Mankells große Stärken etwas seltsam Routiniertes. Dennoch möchte ich sie nicht missen: Der Tango, den zuerst das Opfer mit einer Tanzpuppe und dann der Mörder mit dem Opfer aufführt, ist eine grandiose Gewaltphantasie. Wunderbar, fast schon ein Mythos, das Bild vom Geiger im Wald: „Manchmal nehme ich meine Geige mit hinaus in den Wald. Stelle mich zwischen die Bäume, wo sie ganz dicht stehen. Da hat die Geige einen besonderen Klang...“

Diesen Beitrag entnehmen wir der Kolumne „Das Kriminal“ der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen“, dem redaktionellen Partner von FAZ.NET.

Quelle: @jöt
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