Home
http://www.faz.net/-gqz-3fm2
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Das Kriminal Der Luftgeist unter den Detektiven - Driss Chraïbis Inspektor Ali

17.07.2002 ·  Humor in Krimis? Funktioniert nicht. Driss Chraïbis neuestes Buch „Inspektor Ali im Trinity College“ widerlegt diese These.

Von Franz Schuh
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Kriminalromane haben vieles, aber eines haben sie kaum: „Humor“. Ironie, Sarkasmus ja - das passt zum Verbrechen und zur grundsätzlichen Unaufklärbarkeit der menschlichen Natur, bei der - so gut kann sie gar nicht durchschaut sein - immer ein Rest bleibt, der zur Quelle des nächsten Rätsels wird. „Humor“ ist aber auch entsetzlich. Man denke nur an die Humoristen und an ihr Publikum, das es unaufhörlich danach verlangt zu „schmunzeln“. Die können nicht einmal mehr lachen! Aus dieser Perspektive erscheint der Humor als schwächere Dosis für den Amüsiertrieb.

Es gibt aber eine andere Definition: Wer Humor hat, ist in der Lage, sich bei allen Katastrophen, die in der Außenwelt passieren, auf seine Innenwelt zurückzuziehen. Er lässt sich von keiner Katastrophe „auffressen“; er kann noch lachen, wenn ihm das Lachen vergeht. Aber diese Definition zeigt erst recht, wie zweischneidig der Humor ist: Einerseits darf ihn der Spießer für sich beanspruchen, er trägt das Lächeln im Gesicht, egal, was (anderen) passiert; andererseits steckt im Humor die Freiheit, sich den Untergang nicht von außen diktieren zu lassen. Mit dem Rest an Eigensinn, den der Humor bewahrt, kann man von neuem anfangen. „Inspektor Ali im Trinity College“ von Driss Chraïbi (Unionsverlag, 7,90 ¬) ist ein Kriminalroman, obwohl das Buch Humor hat.

Prinzessinen-Mord

Der Humor des Buches ist eine ernste Sache, und das - damit ich auch einmal diese Phrase verwende - „besonders seit dem 11. September 2001“. Inspektor Ali ist Marokkaner, er wird nach Cambridge ins Trinity College, ins Nonplusultra britischer Geistigkeit, abberufen. Dort ist nämlich ein Mord an einer schönen marokkanischen Prinzessin verübt worden. Ali seinerseits verübt am Anfang des Buches einen Geschlechtsverkehr mit seiner schönen Gattin.

Gewöhnlich muss man das für einen Trick halten, mit dem ein Autor schnell zur Intimität mit seiner Figur überredet. Und das ist es ja auch - ein Trick, der nach herrlich vollbrachter Tat zu einem satten biblischen Vergleich führt: „Er begutachtete sein Glied, das nicht mehr konnte, mit einer Art von Hoffnungslosigkeit, die des Predigers Salomo würdig war.“

Wahrheit und Lüge

Die salomonische Szene - und das ist der Witz - spielte sich ab, während der Polizeipräfekt von Casablanca am Telefon zugeschaltet war. Die frisch Angetraute hatte im Liebestaumel den Chef des Gatten am Telefon vergessen. „Was sind das für animalische Geräusche?“, fragt der Präfekt schließlich den ans Telefon keineswegs geeilten Inspektor. Ali gibt bereitwillig die falsche Auskunft, die zugleich auch eine richtige ist: „Ich habe nur mein Morgengebet vollzogen. Sie wissen ja, wie das ist, Chef.“ Der Inspektor ist ein Lügner von hohen Graden. Den frommen Ali hält Allah schon gar nicht vom Lügen ab.

Allah würde die Seinen ohnedies erkennen - an einer Lüge von Inspektor Ali wird die Anerkennung dieser Zugehörigkeit keinesfalls scheitern. Das weiß Ali, der so gut zu lügen versteht, nach der Strategie: auf eine Tonne Wahrheit eine Unze Lüge. Traktiert ihn jemand mit der Floskel „Sie scherzen“, dann kann er ehrlich mit einer doppelt gemoppelten Wendung reagieren: „Meine Art zu scherzen ist es, die Wahrheit zu sagen. Und ich scherze immerzu.“

Bibliotheksstaub in leeren Schädeln

Inspektor Ali aus Casablanca ist ein Luftgeist unter den Detektiven. Seine Herkunft freilich ist erdenschwer: Sohn eines Backstubenaufsehers, geboren im Niemandsland vor der Stadt, schlimmer als im Treppenhaus. Diese lupenreine Herkunft verwendet der Autor, um die intellektuelle Welt überdeutlich zu kontrastieren. Professoren als klug schwätzende Idioten zu präsentieren, bringe sogar ich fertig. Aber Driss Chraïbi findet dabei eine wunderbar abschätzige Definition für „Bildung“: „der Bibliotheksstaub, der sich in leeren Schädeln sammelt“. Gott helfe mir, ich muss an einen berühmten deutschen Anglistik-Professor denken, einen Abstauber in Bildungsfragen.

Die luftige Geistigkeit erhält Ali als Lügner im Dienste der Wahrheit - und damit im bekannten Zusammenhang, als Poet und rezitierender Verehrer der Poesie. Ich schwöre, dass ich mich an dieser Stelle vertippt habe und statt Poesie „Moesie“ schrieb. Auch davon schwärmt der Poet: „Langsam, liebevoll, zärtlich spreizte Alis Blick die kleinen Lippen, breitete sie über die großen Lippen, feurige Blütenblätter, in denen nach und nach Tauperlen glänzten“.

Unnachgiebiges Schlusswort

Es ist kein Beiwerk, dass dieser Luftgeist ein hingebungsvoller Liebhaber ist. Ehe man es sich versieht, weiß man, wie sehr diese Fähigkeit die Lösung des Falls ermöglicht. Inspektor Ali ist unnachgiebig, aber er, der Poet, hat Reserven gegenüber seiner eigenen Unnachgiebigkeit, die sein Schlusswort diktieren werden. Ali, der große Lügner vor dem Herrn, hat im Trinity College ein Szenario geschaffen, eine Illusion, die die Wahrheit erzwingt.

Auch das Buch selber ist ein Spiegelkabinett, das mit Hilfe der Fiktionen des englischen Kriminalromans und der Fantasien des europäischen „Orientalismus“ etwas Wahres über Europäer und Araber gesagt haben möchte. Was immer es ist, der „Humor“ macht es fast erträglich.

Diesen Beitrag entnehmen wir der Kolumne „Das Kriminal“ der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Literaturen. Das Journal für Bücher und Themen“, dem redaktionellen Partner von FAZ.NET.

Quelle: @msch
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3