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Das kreative Prekariat Es lohnt sich nicht, fleißig und gebildet zu sein

Deutschland braucht die kreativen Köpfe - bezahlt sie aber zu schlecht: Die Journalistin Katja Kullmann widerlegt in ihrem Buch „Echtleben“ das Märchen, dass gute Ideen und Arbeitsdisziplin zu einem guten Auskommen führen.

© dpa Vergrößern Merkte in einer Talkshow, dass sie keine Expertin für ihre Generation ist: Katja Kullmann

Am Anfang ist Hans-Olaf Henkel. Der BDI-Vorsitzende der Herzen und beliebte Kapitalistendarsteller gehört zu jenem Set von Medienprominenten, zu dem die Protagonistin des Buches zeitweise Zugang hat, einen Abend lang, genau genommen. Es ist eine Talkshow, und unsere Heldin ist als Expertin für ihre Generation eingeladen, was so lange gut geht, bis sie feststellt, dass sie ihre Generation gar nicht besonders gut kennt und das, was sie weiß, nicht auf den rundentauglichen Reim bringen kann, ihr also jener Hang zum kessen Spruch fehlt, den Hans-Olaf so routiniert zu Markte trägt. Dann gibt es ein gutes Essen, und sie steht mit Henkel vor der Tür des Restaurants, denn beide verbindet das Hobby des Rauchens. Etwas ganz anderes trennt sie: Kullmann überlegt, während sie ein Best-of der Henkelschen „Kapitalisten-Kalauer“ erduldet, ob die 210 Euro, über die sie noch verfügt, bis in den kommenden Monat reichen.

Nils Minkmar Folgen:  

Der Untertitel von „Echtleben“ ist irreführend: Es geht nicht darum, die richtige Haltung zu finden, sondern um Geld. Die soziale Ökonomie einer freien Journalistin und Schriftstellerin, die die Autorin mit poetischer Genauigkeit schildert, ist dabei symptomatisch für die Sorgen einer ganzen gesellschaftlichen Schicht und einer Altersgruppe. In den New-Economy-Jahren sah es so aus, als würden kreative Berufe mit aller theoretischen Wertschätzung auch eine nie zuvor gekannte Leichtigkeit des Lebensstils ermöglichen können. Doch nach mehreren Wirtschaftskrisen gestalten sich Arbeitsmarkt, Preisentwicklung und Reichtumsverteilung so ungünstig, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Obwohl sie alles richtig gemacht haben - gut in der Schule, fleißig im Beruf, fix im Kopf -, haben die Medienarbeiter kaum Sicherheiten, geringe Rücklagen und oft genug Mühe, über den Monat zu kommen. Die Bildungsrepublik Deutschland, in der die Städte angeblich um die kreativen Köpfe buhlen, zahlt einfach zu schlecht.

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Gesellschaftlich gilt die Henkel-Denke

Als gelernte Soziologin vermag Kullmann immer wieder, die Fülle der Einzelgeschichten auf einen sozioökonomischen Nenner zu bringen: „Man muss heute etwa dreißig Prozent mehr arbeiten, um etwa dasselbe herauszubekommen wie vor einem Jahrzehnt.“ Und das muss man erst mal hinkriegen; denn: „So viele Redakteure sind inzwischen in die ,Not-Selbstständigkeit' gestolpert, dass es verflucht eng geworden ist auf dem sogenannten freien Markt.“ Und das ist in anderen Branchen nicht anders; es passt zur Nachricht aus der vergangenen Woche, wonach zu Beginn dieses Jahres 118.000 Selbständige Hartz IV bezogen haben, mit steigender Tendenz. In „Echtleben“ wird anschaulich, auch humorvoll, beschrieben, wie sich der Gang zum Amt gestaltet und welche Demütigungen damit verbunden sind. Vor allem aber erfährt man, welche Mühen es kostet, die soziale Fassade zu wahren.

Henkel: Zu wenige Wirtschaftsleute für Ai Weiwei © dpa Vergrößern Mit ihm verbindet Kullmann wohl nur das Rauchen: Hans-Olaf Henkel, ehemaliger BDI-Präsident

Wie man es schafft, aus einer Packung Toastbrot möglichst viele Mahlzeiten zu gestalten, so dass nach einigen Tagen die dreißig Euro eingespart sind, die frau braucht, um einmal auszugehen, mit Freunden oder potentiell nützlichen Kontakten. Denn zugeben, dass man finanziell am Ende ist oder sich Sorgen macht, das tut man nur im privatesten Rahmen. Gesellschaftlich gilt die Henkel-Denke, nach der jeder, der etwas kann und will, auch zu etwas kommt. Dass große gesellschaftliche und schlicht politische Verschiebungen diese ungünstigen individuellen Bedingungen geschaffen haben, diese Einsicht ist weit weniger verbreitet.

Sie hatte Glück

Diese Art von fluktuierender Armut ist immer ein Einzelphänomen: Durch Arbeit an sich, Disziplinierung und Einfallsreichtum soll der und die Kreative aus der Misere alleine hinausfinden, denn, so Henkel, wenn jeder für sich selber sorgt, geht es allen gut. Dabei sind die Ausrichtung der Wirtschaft auf den Export und die Niedrighaltung der Löhne, die Vernachlässigung der Binnenkonjunktur reine politische Entscheidungen, die sich bis in die Personalabteilungen der Medienkonzerne auswirken. Auch diese Zeitung durchlebte Anzeigenflauten und Entlassungswellen, sah sich genötigt, Honorare zu kürzen.

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