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Das Gema-Elend Wehrt euch endlich!

Wann verkehrt sich eine gerechte Idee ins Gegenteil? Und wann wurde aus der Gema ein Monolith, der Ungerechtigkeit auf zwei Seiten produziert? Heute herrscht jedenfalls Unzufriedenheit bei Urhebern und Nutzern der Musik.

© dapd Vergrößern Schlechte Miene: Das Icon, mit dem Youtube Videos ohne Gema-Freigabe kennzeichnet.

Als 1903 der Gema-Vorgänger Afma von den berühmten Komponisten Engelbert Humperdinck, Georg Schumann und Richard Strauss aus der Taufe gehoben wurde, war die Intention ehrenwerter Natur. Niemand wollte es den Komponisten verwehren, Gewinnbeteiligungen für die Aufführung ihrer Werke zu fordern. So kannte die Zeitrechnung vor Schellack und Volksempfänger nur den Verkauf von Musiknoten als Geschäftsmodell für Kompositionen.

Der Notendruck mag sicher einträglicher gewesen sein als heutzutage, nicht zuletzt, weil häusliche Konzertaufführungen des Bürgertums hoch im Kurs standen. Doch verglichen mit dem Publikumserfolg der großen Musikbühnen, auf denen Humperdincks Opern und Singspiele höchst erfolgreich waren, fielen diese Lizenzen eher gering aus. Mit der Forderung der Komponisten nach einem Zins der Eintrittsgelder zur Vergütung ihrer urheberischen Leistung begann die grundlegende Verbindung des Urheber- und des Wahrnehmungsrechtes.

Heute kennt die lückenlose, nach Sparten getrennte Auswertung sämtlicher Nutzungsarten keine Grenzen. Es fallen Gema-Gebühren im Rundfunk, Fernsehen und Kino, bei der Herstellung von Tonträgern, der digitalen Distribution, bei Livekonzerten, für die Privatkopie und die Vermietung, im Kino und in der Sexkabine, auf Trauungen und Beerdigungen, für jeden USB-Stick, für Smartphone, Computer, Drucker, Scanner und jede nur denkbare Musiknutzung an.

Noch nie mehr Geld gesammelt

Würde man das stetige Wachstum der Gema-Umsätze als Indikator für die Musikbranche heranziehen - im Jahre 2000 waren es 801 Millionen Euro, 2010 gar 863 Millionen Euro -, müsste man nicht nur die Musikindustrie Lügen strafen, sondern auch ihrem ständigen Wehklagen und Getöse um Kontrolle und Sanktionen von Kopien eine überzogene Selbstinszenierung attestieren. Dennoch: Noch nie wurde im Namen der Urheber und ihrer Rechte mehr Geld von der Gema eingesammelt als heute.

Doch halt - die Verwerter selbst sollten der Ursprungsidee nach weder an den Urheberrechtstantiemen noch an den verwandten Schutzrechten, kurz Leistungsschutzrecht - beteiligt werden. Diese werden von der GVL (Gesellschaft für Vervielfältigungs- und Leistungsschutzrechte) erhoben und kommissarisch von der Gema eingesammelt. In der Tat hat sich so jede Berufsgruppe der Kreativindustrie im Laufe der Zeit selbst ein Stück der allumfassenden Verwertungserlöse gesichert. Besonders die Verleger haben als eigene Berufsgruppe innerhalb der Gema klammheimlich die Satzung und Verteilungsstrukturen mitbestimmt.

„Musik ist uns etwas wert“

Jene Verleger, denen einst nur die Vermarktung von Musiknoten oblag, haben sich ein lukratives Tätigkeitsfeld zwischen Repertoirepflege, Talentscouting, Promotion und Gewinnmaximierung eröffnet. Sie lassen sich das häufig mit fürstlichen vierzig Prozent der Gema-Einnahmen honorieren und verdienen dabei mehr als der einzelne Komponist. Das Motto der Gema, „Musik ist uns etwas wert“, bekommt eine bittere Note, denn die Höhe der Einnahmen eines „ordentlichen“ Verlegers verleihen ihm durchaus ein überragendes Stimmgewicht gegenüber dem „angeschlossenen“ Urheber, der am Rande des Prekariats seine Songs komponiert und dichtet.

Der besagte Verlagskaufmann gehört damit nur wegen seiner höheren Umsätze zu jener Minderheit der fünf Prozent „ordentlichen“ Mitglieder, die in nichtöffentlichen Sitzungen die Gema von innen regieren, ihre Satzung verändern, Verteilungsschlüssel bestimmen und sich neue Tarife für neue Nutzungsarten ausdenken.

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