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Foucault im Gefängnis : Und Strafen

Wen kümmern schon die Zustände im Gefängnis? Der Philosoph Michel Foucault scheint heute einflussreicher denn je – den Wärtern und Direktoren dieser besagten „Unterbringungsanstalten“ wird die Lektüre von „Überwachen und Strafen“ empfohlen.

          Es war die Zeit des großen Aufbruchs. Der Einfluss der Existentialisten und Marxisten nahm ab, und am Horizont der Intellektuellen ging die Sonne der Strukturalisten auf. Das antihumanistische Denken von Jacques Lacan, Claude Lévi-Strauss und Roland Barthes prägte den Zeitgeist. Und das von Michel Foucault, der den Menschen als „beiläufige Episode in der Geschichte des Wissens“ bezeichnete. Die Achtundsechziger hielten die Polizisten, die auf sie einknüppelten, für faschistische Ordnungshüter: CRS=SS.

          Geistiges Rüstzeug gegen die Islamisten

          Sartre, der Klassenkampf und die Fabriken wurden ein bisschen vernachlässigt, jetzt begann der militante Einsatz für die Minderheiten, die Einwanderer wie die Homosexuellen. Michel Foucault bezeichnete die Gefängnisse als Avantgarde der gesellschaftlichen Entwicklung und einer großen Einschließung, die mit den Armen und Verrückten begonnen hatte und die er 1975 in seiner Studie „Überwachen und Strafen“ beschrieb. Foucault engagierte sich für die sowjetischen Dissidenten und die Insassen in den französischen Gefängnissen. Der sicher etwas gewagte Kurzschluss war zumindest als Hinweis auf die erschreckenden Zustände in den französischen Strafanstalten zulässig. Von Robert Badinter, der unter Mitterrand die Todesstrafe abschaffte und ein gemaltes Porträt von Foucault in seinem Büro hatte, bis zur gegenwärtigen Justizministerin Christine Taubira blieben alle Bemühungen für eine Verbesserung erfolglos.

          Filme klagten an. Auf eine Welle von Suiziden in den Gefängnissen reagierte die Öffentlichkeit mit Gleichgültigkeit. Inzwischen hat man allerdings gemerkt, dass in den übervölkerten Strafanstalten mehr Probleme geschaffen als gelöst werden. Wohl auch als geistiges Rüstzeug gegen die Islamisten wird den angehenden Gefängniswärtern und -direktoren fortan die Lektüre von „Überwachen und Strafen“ ans Herz gelegt. „Foucault kritisiert die Institution, er ist als Autor kein Feind“, erklärt der Präsident des Berufsverbands. Seine Zeitschrift widmet ihm ihre jüngste Ausgabe. In der für das Gefängnispersonal zuständigen Zweigstelle der staatlichen Eliteschule Ena hat sich ein Jahrgang für Foucault als Namenspatron entschieden. Vierzig Jahre nach dem Erscheinen von „Überwachen und Strafen“ scheint die Rezeption des Buches die Wirklichkeit zu erreichen. Foucaults Standardwerk folgte am Ende seines Lebens die Trilogie über die Sexualität und den Zwang zum Geständnis, dem die Zeitgenossen inzwischen genauso zwanghaft freiwillig frönen. Foucault ist gegenwärtig der einflussreichste Denker der sechziger und siebziger Jahre.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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