Wie über Afrika erzählen? Wie sich des nicht abstreifbaren, eigenen, europäischen Blicks bewusst werden und wie mit ihm umgehen? Hubert Fichte hatte es neben der Karibik in Afrika als Ethnograph versucht, der Menschen möglichst unbeteiligt über sich selbst zu Wort kommen lässt. Hans Christoph Buch hat Afrika als politischer Journalist aufgesucht, der literarische Bildung und Herkunft nicht verschweigt - das macht ihn zum Exoten innerhalb der flüchtigen Tagesjournalistik ebenso wie in den Zirkeln der über das journalistische Handwerk die Nase rümpfenden Ästheten. Das Fazit seiner Reportagen von den "Fronten des Weltbürgerkriegs" kam bereits 2001 in der Anderen Bibliothek heraus ("Blut im Schuh") - Recherchen nach Ursprüngen und Voraussetzungen von Gewalt und Bürgerkrieg an den Rändern der eurozentristischen Perspektive, aber auch Spurensuche nach dem literarischen Umgang mit Zivilisationsbrüchen. Der "postkoloniale Blick", von dem der amerikanische Germanist Paul Michael Lützeler spricht, hat mit Buch seinen prominentesten Vertreter und Fürsprecher in Deutschland.
Durch biographische Verbindungen hat Buchs Lebensthema Haiti diesen Blick auf und für das Fremde eben nicht nur außerhalb, sondern innerhalb von Europa immer wieder provoziert, und so ist auch sein neues, Afrika gewidmetes Werk nicht nur Albtraumpfad zu Kollateralschäden der Zivilisation, sondern ebenso Reise in Abgründe des eigenen Ich. Die literarische Reminiszenz wird im Alternativtitel "Schiffbruch mit Zuschauern" deutlich: Hans Blumenberg hatte 1979 eine schöne Analyse der auf Homers Odyssee zurückgehenden "Daseinsmetapher" vom Schiffbruch mit Zuschauer herausgebracht, und mit einer klassischen Schiffbruchsschilderung vor der Westküste Afrikas beginnt auch Buch seine Recherchen. Die französische Fregatte "Medusa" war 1816 gekentert, nur wenige überlebten den Untergang - auch durch Kannibalismus. Géricaults berühmtes Gemälde inspirierte Peter Weiss zur "Ästhetik des Widerstands"; der buchstäbliche Überlebenshunger der Gekenterten wird anders als für Weiss bei Buch jedoch nicht zum Symbol letzter Hoffnung in der Aussichtslosigkeit, sondern zur Parabel eines beunruhigenden Frontentauschs von Europäern und Afrikanern. Aus der Perspektive der Gegenwart wird der Untergang der "Medusa" zum Spiegel dessen, was Afrika tagtäglich widerfährt.
Buch hat keine einfachen Antworten, wohl aber eine Reihe von Fragen und verschiedene Perspektiven auf das afrikanische Labyrinth zu bieten. In seinem "Romanessay" arbeitet Buch mit den ästhetischen Mitteln der Collage, der Travestie und der Karikatur - Letztere etwa in der Charakteristik einer Bundestagsdelegation ("Blauhelm im Grünen"), die Afrika nur durch die Scheiben der Hotellobby, über die entblößte Haut von Animierdamen oder das bestellte Schulklassenlächeln von Empfangskomitees wahrzunehmen vermag - um das zu erfahren, was man dabei erfährt, hätten sich die Abgeordneten kaum dorthin begeben müssen. Das wird der Realität nahe kommen, interessant aber ist es erst dadurch, dass Vertreter des Journalismus einbezogen sind in die Kritik, zum einen der Fernsehmann "Bachmeyer", zum anderen der Schriftsteller "Buchmeyer", die sich mehr in ihrem sexuellen Wagemut voneinander unterscheiden als in ihren austauschba-
ren generationsspezifischen Intellektuellenbiographien. Was sieht der Schriftsteller, was dem Fernsehjournalisten verborgen bleibt?
Beide bleiben sich selbst fremd, wobei der Schreibende, der "Buchmeyer", selbstkritisches Alter Ego des Autors, in wechselnden Verkleidungen mal "er" und mal "ich", durch die Partien des Buchs zu eilen scheint - immer von seiner journalistischen Passion für die Leiden des Schwarzen Kontinents gepackt, ob in "Monrovia, mon amour" in den Gemetzeln um die liberianische Hauptstadt mit Fotoreportern und US-Marines zwischen undurchsichtigen Fronten lavierend oder in "Elefantenfriedhof" im Bürgerkriegsgebiet zwischen Ruanda und Kongo ausgesetzt.
Rational lässt sich der Reiz wiederholter Augenzeugenschaft an Völkermorden kaum erklären, nicht allein jedenfalls mit dem Ethos des Berichterstatters und Aufklärers. Ein mit Befremden bemerkter Voyeurismus bis hin zum Aufflackern sadistischer Emotionen einerseits und die Suche nach Heil im Fiebertraum vom gekreuzigten schwarzen Jesus andrerseits sind eher beiläufige Motive dieser Rastlosigkeit. Stärker wird die Aura afrikanischer Frauen umkreist, und wenn irgendwo, dann scheint für den Erzähler hier der Kardinalpunkt der Faszination am fremden Kontinent zu liegen. Mit der Geschichte der "Hottentotten-Venus" schildert "Apokalypse Afrika" eines der unterbelichteten Kapitel der Kolonialkultur des neunzehnten Jahrhunderts - die schwarze Frau als Objekt männlich-europäischer Begierden. Auch in der Collage von Bismarcks Kongo-Konferenz 1884/85 bleibt die Projektion des inneren Afrika als Umschlagraum überschüssiger Energien präsent, sei es in der doppelbödigen Vision einer "Freihandelszone" für internationale Mächte und Märkte, sei es in der Opulenz der Bankette, die sich die fürstlichen Teilnehmer als Vorgeschmack der vom Äquator zu erwartenden Gewinne gönnen. Mit dem leider zu kurz geratenen Porträt einer im letzten Jahr in Deutschland gestorbenen schwarzen Ausnahmefrau ("Aurelia") und dem Abdruck eines offenen Briefs an Ex-Bundespräsident Köhler, in dessen Afrikapolitik Buch Gründe für den Rücktritt entdecken will, schließt diese Polyphonie aus Splittern einer alles andere als fröhlichen Geschichte.JAN RÖHNERT
Hans Christoph Buch: "Apokalypse Afrika oder Schiffbruch mit Zuschauern".
Hrsg. von Christian Döring. Die Andere Bibliothek im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2011. 272 S., geb., 29,- [Euro].