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Das Erdbeben auf Twitter Erdbebenmeldung

14.01.2010 ·  Zynisches Warten auf den Rekord: Das Erdbeben von Haiti soll Twitter das bislang höchste Verkehrsaufkommen bescheren. Das liegt daran, dass diese Technologie die Frage, ob einer etwas zu sagen, zurückstellt. Sie transportiert lieber allseitige Betroffenheit.

Von Jürgen Kaube
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Jede Kommunikationstechnik wird von einem Kommunikationsgefühl begleitet. Seit es beispielsweise Filme gibt, kann man sagen: „Das lief ab wie im Film.“ Filmmusik wiederum existierte lange nur im Zusammenhang mit Filmen. Seit es aber Walkmen und inzwischen iPods gibt, haben wir es auch außerhalb von Kinos mit Filmmusik zu tun, genauer: mit Wie-im-Film-Musik, die im Kopf erklingt, während draußen manches dann noch mehr wie im Film, nämlich eben mit Musik, abläuft.

Für jedes Medium gilt so, dass es nicht nur Mitteilungen verfügbar macht, sondern auch ein Gefühl der Verbundenheit mit etwas anderem als ihm selbst erzeugt. Von Büchern hieß es im achtzehnten Jahrhundert, sie seien in der Einsamkeit, die mit dem leisen Lesen einhergeht, Freunde. Vom Fernsehen hingegen wurde, als es nur ein paar Sender gab, gesagt, es vermittele der Nation und in manchen Momenten (Mondlandung, 11. September) sogar der Welt das Gefühl, eine Gemeinschaft zu sein, weil nicht nur viele zur selben Zeit dasselbe anschauen, sondern jeder weiß, dass es die anderen gerade auch tun.

Zigtausendfache Stoßseufzer

Welches Kommunikationsgefühl geht nun mit dem letzten Schrei der Verständigungstechnik einher? Soeben hat der Chef von „Twitter“, Evan Williams, mitgeteilt, das Erdbeben von Haiti werde wohl einen neuen Rekord beim „Twitter-Traffic“ bedeuten. Durch Twitters 140-Zeichen-Elektrotelegramm-Technik, mit der sich private Eindrücke und Informationen unter weltweiten Vernetzungsgemeinschaften verbreiten, könne man sich, so Williams, „mehr verbunden“ und „in touch“ fühlen. Also weniger allein mit dem, was einem gerade durchs Herz oder den Kopf geht. Erdbebenmeldungen und Hilferufe werden auf diese Weise ebenso verbreitet wie zigtausendfache Stoßseufzer des Typs „Schlimm, dieses Erdbeben!“.

Vom Gesichtspunkt des Betreibers aus, das macht die fast befriedigte und zynisch formulierte Rekorderwartung deutlich, ist da kein großer Unterschied. Obwohl es selbstverständlich einen großen Unterschied machen könnte, worüber man informiert wird und ob man überhaupt informiert wird, ob es einen angeht oder nicht, ob man helfen kann oder nicht, ob man etwas zu sagen hat oder nicht. Das Kommunikationsgefühl der neuesten Technologien stellt solche Fragen zurück. Es ist das Gefühl einer vor aller Erfahrung gegebenen Allbetroffenheit. Die Welt bestünde, so gesehen, im Idealfall ihres „In touch“-Seins aus knapp sieben Milliarden Bewusstseinen, gleichzeitig und zeitgleich sendend wie empfangend. Und ihr oberster Grundsatz hieße, dass jeder etwas zu sagen hat, auch wenn es fast immer dasselbe wäre wie alle anderen.

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Jahrgang 1962, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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