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Das Ende des Flaneurs Masse find' ich klasse

13.01.2010 ·  Die jüngste Institution der bürgerlichen Kultur ist der Trupp: Der Anmarsch auf die Sehenswürdigkeiten ist heute nicht mehr die Sache einzelner Kunstliebhaber - es rücken in zwangloser Formation Gruppen aus zehn bis dreißig Mitgliedern an.

Von Hannelore Schlaffer
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Sehenswürdigkeiten wollen gesehen, also besucht werden. Der Anmarsch aber auf die Schönheit ist heutzutage nicht mehr die Sache einzelner Kunstliebhaber oder Geschichtskenner, es rücken in zwangloser Formation Gruppen aus zehn bis dreißig Mitgliedern an: Trupps. Dem Trupp geht ein Führer voraus, er hält die Fahne in die Höhe, die auch ein Regenschirm, ein Teleskopstock oder sonst ein Wimpel sein kann. Der Auftritt von Touristen in solcher Gruppenordnung wäre so auffällig nicht - wie sonst sollten Reisende sich, gerade dem Bus entstiegen, vom Schiff ausgeladen, durch Rothenburg oder Dubrovnik bewegen? Inzwischen aber ist der Trupp zur festen gesellschaftlichen Einrichtung geworden, am Heimat- wie am Ferienort. Kaum ein Platz in der Stadt, der nicht von Trupps durchstreift würde.

Museen und Denkmäler werden im Kollektiv besucht, Kunstvermittler bieten das geführte „Galerie-Hopping“ an, in Bibliotheken folgen ältere Damen andächtig und Schüler unaufmerksam den fachkundigen Unterweisungen über das Katalogsystem und die technische Ausstattung der Institution. In Rathäusern lassen sich die Bürger gruppenweise die städtischen Einrichtungen vorführen, selbst das Spazierengehen wird im Trupp praktiziert, wenn die Winzergenossenschaft damit ein Rebenseminar verbinden kann. Wer es in der Stadt eilig hat, wird oft genug durch Trupps aufgehalten, die durch Einkaufszentren pendeln, einen bestimmten Typ von neuen Straßenlaternen studieren oder über das Bewässerungssystem unterrichtet werden. Nicht nur bildende Veranstaltungen werden für den Trupp angeboten, die Leute lassen sich auch auf Vergnügungen heute lieber mit einem verantwortlichen Führer ein und besuchen mit ihm Weihnachtsmärkte oder Fastnachtsumzüge.

Pädagogisch geführte Streifzüge

Selbst zentrale, leicht erreichbare und bekannte Orte in einer Stadt werden noch einmal im Trupp besichtigt, wie etwa die „Fünf Höfe“ in München, die vor allem Schüler-Trupps durchstreifen, und zwar nicht einmal solche aus fremden Städten. Jugendliche erkunden heute nicht mehr die Stadt allein, auch Eltern fühlen sich kaum dafür verantwortlich, sie ihren Kindern auf Spaziergängen bekannt zu machen. Goethe beschreibt in seiner Autobiographie und Gottfried Keller im „Grünen Heinrich“ die Exploration der Stadt als Abenteuer des Kindes. Nun also erleben Schüler das Abenteuer Stadt als pädagogisch geführten Streifzug durch die City.

Gerade der Übergang vom sitzenden Lernen der Schüler im Klassenzimmer zum bewegten im Trupp zeigt die Verbindlichkeit der neuen Gesellschaftsform, einer Kommunikation in ständiger Bewegung. Das Lernen auf der Schulbank, vor Heft und Buch, isoliert; solche Einsamkeit soll heute nach Möglichkeit vermieden werden. Auch wenn die Geselligkeit auf Kosten der Konzentration gehen sollte, so ist das soziale Spiel, das eingeübt wird, wichtiger als das zu erwerbende Wissen, das vorgeblich den Anlass bildet.

Angst vor der Vereinsamung

Die Angst vor der Einsamkeit in der Masse war die panische Furcht des zwanzigsten Jahrhunderts, die Soziologen und Philosophen beunruhigte, von Ortega y Gasset bis zu David Riesman. Heute richtet sich die Angst weniger auf die Masse - Massenveranstaltungen wie Umzüge, Sportveranstaltungen, Stadtfeste, Popkonzerte ziehen Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung an. Unbehagen bereitet heute der Gedanke an die Vereinsamung zu Hause. Der Trupp ersetzt den nachbarschaftlichen Kontakt. Die Bewohner eines Viertels treffen sich nicht mehr zum Schwatz vor der Haustüre, sondern die Stadtführer versammeln sie dazu vor einem Denkmal. So hat das didaktische Konzept zwischen den beiden Ängsten, der vor der Masse und der vor der Einsamkeit, einen Ausgleich gefunden.

Der Zustrom zu dieser Art von geselliger Welterfahrung beweist, dass sie andererseits sogar ein Versprechen auf Befreiung von sozialer Bindung enthält. Als kompakte, aber vorübergehende, also folgenlose Einheit für wenige Stunden bietet der Trupp dem Einzelnen die Möglichkeit, autonom, aber nicht allein zu sein, den Zwangsgruppierungen von Familie und Beruf in die Unverbindlichkeit zu entkommen, ohne alle soziale Beziehung zu verlieren. Sogar junge Mütter befreien sich aus der Familienbindung und gehen an einen öffentlichen Ort, um andere Mütter zu treffen, etwa in ein Café, wo sie eine Wagenburg aufbauen und sich und die Kinder im Kollektiv nähren. Bereits Kleinkinder werden auf die Existenz im Trupp vorbereitet: Fünf oder sechs von ihnen schiebt die Kindergärtnerin in einem neuen Gefährt, dem Kinderbus, durch die Straßen.

Sonderlinge müssen draußen warten

Im Trupp darf es keinen Sonderling, keinen Liebhaber geben. Briefmarkensammler, Zigarrenraucher, Angler, Bibliophile pflegen ihren Spleen allein und sind hier ausgeschlossen. Die zerstreute Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Gegenstand, bei dem keiner der Teilnehmer einen Wissensvorsprung besitzen, für den keiner eine übertriebene Leidenschaft zeigen sollte. Die temporäre Geschlossenheit des Trupps setzt ein ungefähr gleiches Alter voraus. Im Allgemeinen besteht er aus Bürgern vor oder nach der Zeit der Berufstätigkeit und bietet so die Chance einer autoritätsfreien Kommunikation zwischen gerade diesen Altersgruppen: Die kollektive Unterweisung beschäftigt den Pensionär, als wäre er ein neugieriger Jüngling; junge Leute, Studenten oder Praktikanten, wiederum übernehmen die Führung der Trupps, so, als wären sie erfahrene Kenner. Die eigentliche Kultur der Jugend übrigens, Sport, Popmusik, Kino, kommt im Programm der Truppenführungen nicht vor. Sie allein zu besuchen, behält sich die Jugend vor.

Die Teilnahme am Trupp ist ein Konsumgut, für das bezahlt werden muss. Reiseunternehmen haben zuerst diese Geldquelle entdeckt, alle kulturellen und städtischen Einrichtungen versuchen nun aus ihr zu schöpfen. Wie einst die ersten Reiseunternehmer zehren nun auch die Kulturvermittler von Erfahrungen, die einmal der Einzelreisende gemacht hatte. Die Ziele der Avantgarde, der Künstler und Intellektuellen, die Rom und Paris, Capri und Taormina entdeckten, waren die ersten Reiseziele, die kommerzielle Veranstalter anboten. Auch in der Heimatstadt führt die Kurzreise im Trupp dorthin, wo sich früher der Kunstliebhaber und der Flaneur aufhielten, in Museen, Bibliotheken, Passagen, in die traditionellen Cafés der Avantgarde, in alte Markthallen, an Orte, die einst eine exotische Entdeckung des romantischen Sozialismus waren.

Friedliche Revolution

Jeder Ausflug des Trupps endet mit einer kleinen Belohnung. Am Schluss gibt es ein Fest im Stil des alten Bonvivants, weshalb sich die Trupps gern durch Delikatessenläden schieben, durch Dallmayr in München oder Feinkost-Böhm in Stuttgart. Die Führung durch die Weinberge endet mit einer Verkostung, die durch die Markthalle bei Hummer und Sekt, die Belehrung über das Abwässersystem bei Kaffee und Kuchen, die das Rathaus stiftet. Die lukullische Ausschweifung wird, wie alles zuvor, in lockerer Anordnung zelebriert, nicht selten, weil heute schick, an Stehtischen.

Bonvivant, Flaneur und Intellektueller - falls es sie noch geben sollte - beklagen am neuen Kulturerlebnis im Trupp die Besetzung ihrer Lieblingsorte. Demokraten erkennen darin eine gerechte Verteilung von Bildungsgütern, Geschäftstüchtige einen finanziellen Vorteil, Stadtväter erhoffen einen Gewinn an Publicity für ihre Stadt. Die Demokratisierung von Bildung darf in der Tat als Vorzug der geführten Unterrichtseinheiten gelten. Der Intellektuelle und sein dandyhaftes Pendant, der Flaneur, diese Einzelgänger, nutzten einst die Stadt und die kulturellen Orte dazu, Bildung als Statussymbol zur Schau zu stellen. Das Ausschwärmen der Trupps ist eine friedliche Revolution, die noch einmal Besitz enteignet und gleichmäßig verteilt.

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