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Das Einfamilienhaus der Wulffs Durchschnitt

14.12.2011 ·  Jeder hat gern ein hübsches Dach über dem Kopf. Nur sehen sie in Deutschland alle gleich aus. Ein durchschnittliches Einfamilienhaus scheint beliebt zu sein, auch beim Bundespräsidenten.

Von Dieter Bartetzko
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Wie viele Kampagnen mag die Bundesstiftung Baukultur wohl schon gegen den gestalterischen Einheitsbrei des deutschen Einfamilienhauses geführt haben? Sie könnte pausenlos wider die Kasten- plus Satteldachtristesse trommeln und hätte doch so viel Erfolg wie der Fisch, der Fahrrad fahren will.

Eine harmonisch lebendige Optik

Wer sich mit eigenen Augen davon überzeugen will, schlendere durch die äußeren Wohnbezirke einer x-beliebigen Groß- oder Kleinstadt. Burgwedel zum Beispiel. Straßauf, straßab die gleichen Kästen, mal mehr, mal weniger steile Satteldächer, mal mit, mal ohne Balkon, teils mit durchlaufenden, teils mit einzelnen Gauben, aber fast immer mit niedersächsischem Backstein verkleidet und mit Garage - pardon: Carport - kombiniert.

Fassen wir eines näher ins Auge: Beigefarbener Backstein mit roten Einschüssen, ebenerdig mit einem über Erdniveau ragenden Kellergeschoss, beschönigend Tiefparterre oder Souterrain genannt. Dazu ein ausgebautes Dachgeschoss, erkennbar an einer überdimensionierten, auf Mitte gesetzten Gaube. Satteldach mit niedersächsisch breitem Krüppelwalm, gedeckt mit roten „Harzer Pfannen“, denen laut Hersteller „eine harmonisch lebendige Optik“ eignet, die sie „besonders auf großen Dachflächen schön zur Geltung kommen lässt“. Die Haustür aus rötlichem Edelholz sitzt kess nach rechts verschoben in einem ziemlich kahlen Wandfeld am linken Eck.

Etwas mehr Geschmack hätte man schon erwartet

Von den vier mit apart hellgrauem Anstrich und Fensterkreuz dezent auf historisch getrimmten Fenstern sind zwei auf Mitte gezogen. Links außen das leicht zurückgesetzte Carport. Rechts entspricht ihm eine grazile Pergola, seit dem Wirtschaftswunder selbst in unseren nördlichsten Landstrichen unentbehrliches Utensil häuslicher Freizeit. Nur die diskret angebrachten Überwachungskameras und Scheinwerfer verraten, dass hier nicht ein einigermaßen begüterter Max Mustermann wohnte, sondern Christian Wulff, seinerzeit Ministerpräsident von Niedersachsen, derzeit Bundespräsident.

So über die Maßen durchschnittlich, so durch und durch standardisiert? Worüber soll man sich mehr wundern? Dass dieses pseudotraditionalistische Niedersachsenhaus von der Stange 415000 Euro kostete? Dass ein führender Politiker unseres Landes für dessen Erwerb Ruf und Amt riskierte? Oder dass jemand so Weitgereister derart genügsam in puncto Baukultur ist? Etwas mehr als solchen Durchschnittsgeschmack hätte man schon von einem Amtsträger erwartet, der Vorbild für alle Deutschen sein soll.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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