21.02.2003 · Kenneth Pollack hat eine liberale Kriegserklärung geschrieben. Das in Amerika vieldiskutierte Werk liest sich wie das Drehbuch zur Irak-Krise und macht deutlich, warum Präsident Bush den Krieg nicht mehr lange hinauszögern kann.
Von Heinrich Wefing, San FranciscoKenneth Pollack hat eine liberale Kriegserklärung geschrieben. Es liest sich wie das Drehbuch zur Krise und macht deutlich, mit welchen Argumenten die amerikanische Linke in die Richtung von Präsident Bush einschwenkt und warum Präsident Bush den Krieg nicht mehr lange hinauszögern kann.
Kein Geld für Öl?
Natürlich geht es nicht ums Öl allein. Wären die Vereinigten Staaten tatsächlich nur am irakischen Öl interessiert, müßten sie nicht Zehntausende Soldaten in die Wüste schicken, Milliarden Dollar in den Sand setzen, den UN-Sicherheitsrat in die Krise stürzen und Millionen Menschen in aller Welt gegen sich aufbringen.
Wollte Amerika bloß mehr Öl, dann würde es genügen, die Förderbeschränkungen aufzuheben, die seit dem Golfkrieg die irakische Produktion drosseln. Kein G.I. müßte um sein Leben bangen, Washington hätte freie Hand im Kampf gegen den internationalen Terror, dem Nahen Osten blieben Aufruhr und Flächenbrand erspart, Millionen Autofahrer zwischen Kansas und Kalifornien könnten ihre SUVs so richtig vollaufen lassen, und auch die amerikanischen Energiegiganten dürften noch einen hübschen Gewinn machen. Ginge es nur ums Öl, wäre Kommerz allemal besser als Krieg.
Daß sich gleichwohl in den Köpfen von Friedensdemonstranten und Leitartiklern der Gedanke eingebrannt hat, Präsident Bush wolle partout Blut für Öl vergießen, hat vor allem mit dem Fehlen einer anderen Erklärung für den Aufmarsch am Golf zu tun. Zu Recht ist bemerkt worden, die Kriegsgegner beharrten auf einer plausiblen Rechtfertigung für den Waffengang im Irak. Der klassische casus belli aber ist nirgends zu entdecken. Derzeit schlachtet Saddam sein Volk nicht hin, hat auch keinen Nachbarstaat überfallen, und die amerikanischen Versuche, den irakischen Tyrannen zum Komplizen des internationalen Terrorismus zu machen, wirken hilflos. Mögen Bush, Powell, Rumsfeld auch unablässig reden - warum sie ausgerechnet jetzt so dringend nach Bagdad marschieren wollen, warum sich laut einem Bericht des „Wall Street Journal“ längst schon Experten den Kopf über das künftige Steuersystem des Irak zerbrechen, bleibt ein verstörendes Geheimnis.
Das Weiße Haus gleicht einem schwarzen Loch für Erklärungsversuche. Was Bush umtreibe, schrieb ein sichtlich frustrierter Kolumnist unlängst in der „New York Times“, sei ihm rätselhaft. Und ob dieser Rätselhaftigkeit schießen die vulgärpsychologischen Spekulationen ins Kraut, Bush junior wolle seine Vater wahlweise a) rächen oder b) übertrumpfen.
Der Krieg als geistige Auseinandersetzung
Daß die amerikanische Regierung noch keine überzeugende Begründung für ihre Kriegspläne gefunden hat, heißt freilich nicht, daß es eine solche nicht geben könnte. Im akademischen Milieu, in den politischen Salons und Redaktionen Amerikas schwirren viele Gedanken herum, die mehr Substanz versprechen als das simplizistische Denken des Präsidenten, und einige Intellektuelle fordern Bush geradezu ärgerlich auf, den drohenden Krieg endlich auch als geistige Auseinandersetzung zu begreifen.
Der Publizist Paul Berman, durchaus kein Konservativer, schimpfte jüngst, Bush wolle das Land in einen Krieg schicken ohne Amerikas wertvollste Waffen: „unsere Ideen und unsere Ideale. Bermans Beispiel ist kein Einzelfall. Am erstaunlichsten sind die Kriegsbefürworter, die selbst kaum fassen können, daß sie Argumente für einen Krieg liefern. Viele dieser „liberalen Falken“ waren ehedem Linke, Christopher Hitchens etwa, der schäumendste und derzeit meistbeschäftigte der Renegaten.
Kühler, aber nicht weniger überraschend kommen die Kommentare von Publizisten wie Leon Wieseltier, dem Literaturredakteur von „The New Republic“, oder dem Chefredakteur des „New Yorker“, David Remnick, daher (F.A.Z. vom 4. Februar). Bei allen Differenzen in Tonfall und Temperament eint sie die Überzeugung, es sei gerechtfertigt, ja sogar unausweichlich, Saddam Hussein mit Gewalt zu beseitigen.
Alle Kriege, die Amerika im vergangenen Jahrhundert geführt habe, so die These der neuen Bellizisten, habe es zur Niederwerfung der Tyrannei geführt - im Zweiten Weltkrieg, in Korea ebenso wie im Kosovo und zuletzt sogar in Afghanistan. Vietnam ist in dieser Sicht der Dinge nur ein imperialer Ausrutscher, eine ärgerliche Ausnahme.
Die Erweckung der Linken
Das Erweckungserlebnis all dieser Autoren waren die Massaker auf dem Balkan. Sie machten aus den Pazifisten von einst ungeduldige Interventionisten für die Menschenrechte. Eine Wandlung, die seinerzeit ja auch Joschka Fischer durchgemacht hat. Aber anders als ihre deutschen Gesinnungsgenossen in der SPD und bei den Grünen wollen die bekehrten Amerikaner ihre bewaffneten Wallfahrten nicht in Belgrad enden lassen. Sie wollen nach Bagdad ziehen, um den Irak von seinem grausamen Despoten zu befreien.
Zu diesen „liberalen Falken“ zählt auch Kenneth Pollack, der Autor des Buches „The Threatening Storm“ (Random House). Der ehemalige CIA-Mann diente unter Clinton und forscht heute als Fellow am freisinnigen „Council on Foreign Relations“. Ideologisch steht er den fröhlichen Erstschlägern um Donald Rumsfeld und Vizepräsident Cheney fern, aber dennoch ist sein Buch über die notwendige Konfrontation mit dem Irak ein energischer Ruf zu den Waffen der vielleicht überzeugendste bislang. Die faktensatte Untersuchung, deren Titel das Codewort des Golfkriegs „Desert Storm“ anklingen läßt, aber mehr noch auf Churchills Schrift „The Gathering Storm“ anspielt, ist nicht weniger als ein Kriegsmanifest (F.A.Z. vom 4. Februar). Pollack hält eine militärische Auseinandersetzung mit Saddam Hussein für unvermeidlich. Wenn es jetzt nicht zum Krieg komme, so seine These, dann eben später - nur mit höheren Kosten, explodierenden Risiken und weitaus mehr Opfern auf beiden Seiten.
Gewinn- und Verlustrechnung
Pollack ist kein Idealist wie die anderen liberalen Greifvögel, sondern ein Analytiker und Prognostiker. Er saldiert Kosten und Nutzen, nüchtern wie ein Kaufmann des Krieges, und wirbt für die am wenigsten schlechte Option. Ein rascher Einmarsch werde, im schlimmsten Fall, ein paar tausend Amerikaner und Zehntausende Iraker das Leben kosten. Auch Besatzung und Wiederaufbau hätten ihren Preis, aber dennoch überwögen die Vorteile einer Invasion bei weitem.
Pollack stützt sein Plädoyer für einen Angriffskrieg, das mit stupenden Kenntnissen der irakischen Geschichte und der heiklen amerikanisch-irakischen Beziehungen in den vergangenen Jahrzehnten unterfüttert ist, auf zwei Annahmen. Sollten die Anstrengungen des Diktators nicht bald unterbunden werden, dann werde es dem Saddam irgendwann zwischen 2004 und 2008 gelingen, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen. Und wenn er die einmal habe, dann werde er sie nicht zur Abschreckung einsetzen, sondern mit vollem Risiko. Das lehre alle Erfahrung im Umgang mit dem Diktator, die Pollack detailreich nachzeichnet. Ein nuklear gerüsteter Hasardeur am Golf aber sei unerträglich für die ganze Welt.
Korrekte Prognosen
Selbstredend haben Pollacks Prognosen etwas Spekulatives. Immerhin jedoch darf der Autor für sich in Anspruch nehmen, schon einmal mit einer Vorhersage richtig gelegen zu haben. Mitte Juli 1990 fiel ihm, damals noch beim amerikanischen Geheimdienst angestellt, ein massiver irakischer Truppenaufmarsch an der Grenze zu Kuweit auf. Er schrieb ein alarmiertes Memorandum, das der herrschenden Meinung in Washington widersprach, Saddam werde nicht so dumm sein, einen Überfall zu riskieren. Bis der Bericht den Dienstweg durchlaufen hatte, vergingen Wochen. Am Nachmittag des 1. August wurde die Lageanalyse des jungen CIA-Mannes im Weißen Haus vorgetragen. Ein paar Stunden später rollten irakische Panzer über die kuweitische Grenze.
Pollack ist beileibe nicht kriegslüstern. Ein Gutteil seines Buches widmet er der Frage nach Alternativen. Die Antwort fällt düster aus. Alle „Mittelwege“ („middle options“) zwischen Tatenlosigkeit und einem großen Landkrieg seien versperrt oder gescheitert. Einen Staatsstreich im Irak hält er für unwahrscheinlich, solange nicht amerikanische Truppen in den Vororten Bagdads stünden, und Luftschläge mit noch so intelligenten Bomben allein genügten nicht, um Saddams Macht zu erschüttern.
Nützen Sanktionen und Inspektionen?
Auch von einer Verschärfung der Wirtschaftssanktionen und der Rückkehr der Waffeninspektoren verspricht sich Pollack nichts. Zu viele Staaten unterliefen die Handelsbeschränkungen, zu wenige würden die Inspektionen auf Dauer unterstützen. Saddam müsse, schreibt Pollack, nur auf Zeit spielen „und warten, bis wir gezwungen sind, unsere Truppen zu reduzieren“, sei es aus Kostengründen, sei es, weil die massive Militärpräsenz Ressentiments im Nahen Osten schüren würde. „Sofort danach würde Saddam wieder Katz und Maus mit den Inspektoren spielen.“ Wie noch stets seit 1991.
Es gehört zu den unvermeidlichen Schwächen von Büchern über tagesaktuelle Debatten, daß sie mitunter rascher welken als Herbstlaub. Auch Pollack bleibt dieses Schicksal nicht erspart. „The Threatening Storm“ ist vor der Rückkehr der Inspektoren in den Irak erschienen. Das hat dem Erfolg des Textes keinen Abbruch getan, der zu den meistdiskutierten der Saison zählt, schwächt aber ein wenig seine Überzeugungskraft. Denn Pollacks These, die Weltgemeinschaft werde sich nicht aufraffen können, das Inspektionsregime im Irak wiederzubeleben, hat sich als falsch erwiesen, und natürlich stellt diese Fehleinschätzung auch alle anderen Annahmen in Frage.
Doch dieser Haarriß in der Argumentationskette wird überdeckt von der Präzision anderer Vorhersagen. Bisweilen macht es frösteln, wie akkurat Pollack die Eskalationslinien auszuziehen weiß. „The Threatening Storm“ liest sich streckenweise wie ein Drehbuch der Krise, die wir seit Wochen durchleben.
Bereitschaft zur Rauferei
Drei bis fünf Monate werde der Aufmarsch am Golf dauern, schätzte der Autor, lange bevor die ersten Truppentransporter ausliefen. Die amerikanische Regierung müsse sich um die Unterstützung einiger Golfstaaten und der Türkei bemühen, riet er, und sie müsse rasch handeln. Nicht der drohenden Sommerhitze auf den Schlachtfeldern wegen, vielmehr um den Vorteil zu nutzen, der sich aus Saddams gegenwärtiger Schwäche ergebe. Mehr noch aber sei Eile mit Rücksicht auf die Heimatfront geboten.
Man dürfe nicht vergessen, schreibt Pollack unbekümmert, daß ein vorbeugender Angriff auf den Irak überhaupt nur denkbar sei wegen des „Schocks“ nach dem 11. September und der daraus erwachsenden „öffentlichen Bereitschaft, Gewalt anzuwenden, um neuerliche Bedrohungen auszuschließen“. Nirgends versucht Pollack, Saddam und Bin Ladin zu verbandeln. Ihm genügt der Zustand der posttraumatischen Erregung Amerikas nach den Attentaten, um den Schlag zu führen, den er für notwendig hält. Und er warnt, die Bereitschaft zur Rauferei werde nicht ewig anhalten. Wenn es noch eine Erklärung für Bushs Ungeduld bräuchte: Hier ist sie.
Lieber nichts tun?
Gleichwohl wäre es ein Irrtum zu glauben, die amerikanische Regierung folge blindlings Pollacks Empfehlungen wie einem fein ausgearbeiteten Schlachtplan. Zumindest zwei Ratschläge hat sie schon ignoriert, und ebendas könnte sich als verhängnisvoll erweisen. Pollack wirbt energisch dafür, möglichst viele Verbündete für den Krieg im Irak zu gewinnen. Und er warnt dringend davor, den Einmarsch zu befehlen, ehe der Kampf gegen den Terror geführt sei. So bedrohlich der Irak und sein Diktator seien, Al Qaida stelle die weitaus akutere Gefahr dar. Erst wenn nicht mehr jede Woche Terrorwarnungen in Washington ausgegeben würden, sei die Zeit reif für einen Angriff auf den Irak. „Vorher loszuschlagen ist riskanter als Nichtstun.“