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NS-Verstrickung des Auswärtigen Amtes : Die Zielmarke „Endlösung“ war sehr früh erkennbar

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Der Brief Ernst von Weizsäckers vom Mai 1936, der die Ausbürgerung Thomas Manns in die Wege leitet. Bild: Auswärtiges Amt

Das schiere Ausmaß, in dem die angeblich sauber gebliebenen Diplomaten beim Völkermord kollaborierten, ist schockierend: Ein Gespräch mit den Historikern Eckart Conze und Thomas Karlauf über den Bericht der Historikerkommission zum Auswärtigen Amt.

          In Ihrem Buch „Das Amt“ legen Sie offen, wie sehr das Auswärtige Amt von der nationalsozialistischen Mission durchdrungen war und die Gewaltpolitik des Dritten Reiches mit getragen und ausgeführt hat. Muss man im Auswärtigen Amt Angst vor dem Buch haben?

          Conze: Im Gegenteil. Das Auswärtige Amt hat allen Anlass, das Buch zu begrüßen. Das Amt selbst hat diese Untersuchung in Auftrag gegeben, weil man erkannt hatte, dass sein über Jahrzehnte gepflegtes Geschichtsbild ein Mythos war, der mit den tatsächlichen Entwicklungen nichts zu tun hatte. Sicher, die Geschichte, die das Buch erzählt, ist schwerlich geeignet zur positiven Traditionsbildung. Aber darum geht es auch nicht. Es geht um ein Geschichtsbild, das dem heutigen Selbstverständnis des Auswärtigen Amtes als zentrale politische Institution in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen entspricht.

          Das Auswärtige Amt hielt bisher erfolgreich am Bild einer Institution fest, die sich vom Nationalsozialismus abschirmte und vom Widerstand geprägt war. Jetzt wissen wir, es war ganz anders. Worüber sind Sie am meisten erschüttert?

          Conze: Das schiere Ausmaß, in dem die nationalkonservative Oberschicht kooperierte und kollaborierte. Wie sie nach 1945, im Bewusstsein der historischen Schuld, mit allen Mitteln versuchte, sich reinzuwaschen – publizistisch, vor Gericht und politisch. Das ist in dieser Gesamtschau tatsächlich schockierend. Das alles in einem großen Zusammenhang zu sehen, die Zeit vor 1945, nach 1945 und nach 1951, nach der Wiedergründung des Amtes, und die Systematik der Mittäterschaft sowohl an einzelnen Figuren als auch an ganzen Netzwerken zu erkennen, ist in seinem Ergebnis erschreckend, selbst für erfahrene Historiker, die sich mit dem Nationalsozialismus und dem Holocaust beschäftigt haben.

          Jeder Diplomat wusste von der Existenz der Vernichtungslager. Ein Reiseformular von Franz Rademacher, der das Judenrreferat im Auswärtigen Amt leitete, nennt „Liquidation von Juden” als Zweck einer Dienstreise
          Jeder Diplomat wusste von der Existenz der Vernichtungslager. Ein Reiseformular von Franz Rademacher, der das Judenrreferat im Auswärtigen Amt leitete, nennt „Liquidation von Juden” als Zweck einer Dienstreise : „Liquidation von Juden” Bild: Auswärtiges Amt

          Bezeichnenderweise fand sich im Archiv des Auswärtigen Amtes 1947 die einzige Kopie des Protokolls der Wannsee-Konferenz, auf der die sogenannte Endlösung der Judenfrage koordiniert wurde. Im Licht der jetzt zutage geförderten Erkenntnisse erscheint dieser Fund geradezu gespenstisch.

          Conze: Das Auswärtige Amt war an allen Maßnahmen der Verfolgung, Entrechtung, Vertreibung und Vernichtung der Juden von Anfang an aktiv beteiligt. Ehemalige Diplomaten wiesen die alleinige Schuld später gern den Ribbentrop-Leuten zu, insbesondere dem „Judenreferat“, das als eine Art Schaltstelle zwischen Auswärtigem Amt und Reichssicherheitshauptamt fungierte und die Maßnahmen zur „Endlösung“ in die entsprechenden diplomatischen Kanäle leitete. Dass die Vernichtung der Juden das große Projekt erst von 1941/42 an war, stimmt aber nicht. Schon seit dem 30. Januar 1933 gab es eine unglaubliche Dynamik antisemitischer Politik, die sich beschleunigte, radikalisierte – ein Prozess, den kluge Beobachter und Akteure deutlich erkannten und an dem sie sich dennoch beteiligten. Das gilt besonders für die Spitzendiplomaten. Die Zielmarke „Endlösung“ war schon sehr früh erkennbar. Auch wenn das zunächst nicht notwendigerweise physische Vernichtung bedeutete, sondern bis 1940/41 noch genauso gut Vertreibung nach Madagaskar meinen konnte.

          Regte sich gegen diesen Automatismus der sich fortwährend radikalisierenden „Judenfrage“ innerhalb des Auswärtigen Amtes kein Widerstand?

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