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Marga Henseler und das Auswärtige Amt : Sie brachte das Lügengebäude ins Wanken

Keine verbitterte alte Frau: Marga Henseler Bild: Frank Röth

Im Mai 2003 schrieb Marga Henseler einen Brief an den damaligen Außenminister Joschka Fischer. Sie brachte damit die Lawine ins Rollen, an deren Ende die Einsicht in die tiefe Verstrickung des Auswärtigen Amts in die NS-Vernichtungspolitik steht. Ein Besuch in Bad Godesberg.

          Das Auswärtige Amt verdankt seine größte Krise einer zierlichen, bald zweiundneunzig Jahre alten Frau. Marga Henseler trat mit ihrem vom 11. Mai 2003 datierten Brief an den damaligen Bundesaußenminister Joschka Fischer, in dem sie sich darüber beschwerte, dass der belastete Diplomat Franz Nüßlein im amtsinternen Mitteilungsblatt einen ehrenden Nachruf bekommen hatte, eine Lawine los, an deren Ende das Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ steht, das die tiefe Verstrickung des Amts in die NS-Vernichtungspolitik aufdeckt und Marga Henseler in ihrem Misstrauen gegen die diplomatische Klasse auf traurige Weise bestätigt.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Man sollte, wenn man sich ein Bild von dieser Person machen will, vielleicht vorausschicken, dass Marga Henseler mit Politik gewissermaßen nichts am Hut hatte und bis heute nicht hat. Wer mit ihr spricht, merkt sofort, dass man ihr mit einer gleichsam metaphysischen Geschichtsphilosophie, in die deutsche Schuld einzupassen wäre, nicht zu kommen braucht. Man merkt aber auch, dass man es nicht mit einer 4711-Oma zu tun hat, die nie aus ihrer Heimat herausgekommen ist. Marga Henseler ist eine auffällig lebenslustige Frau, die viel gesehen hat von der Welt und im Übrigen immer großen Wert darauf gelegt hat, dass auch sie Zugang zu den von Diplomaten geschmissenen Cocktailpartys bekam, obwohl Schreibkräfte und Dolmetscherinnen dazu normalerweise nicht eingeladen wurden.

          Dies und manches andere an ihrem Wesen, beispielsweise ihr, wie sie selbst andauernd betont, „freches Kölner Mundwerk“, könnten dazu verleiten, sie für eine Querulantin zu halten, die aus nichtigem Anlass Briefe an höchste Stellen schreibt. Die Frage ist nur, wer ein Querulant ist: eine alte Frau, die über einen ehrenden Nachruf auf einen Mann, der als Staatsanwalt in Böhmen und Mähren Hunderte von Gnadengesuchen von zum Tode verurteilten tschechischen Bürgern abgelehnt hat, ehrlich entrüstet ist - oder nicht doch vielmehr jene längst im Ruhestand befindlichen, sich in schauriger Selbstironie „Mumien“ nennenden Diplomaten, die im Falle des ein Jahr nach Nüßlein gestorbenen und ebenfalls stark belasteten Franz Krapf sogleich gefragt haben: Wo bleibt der Nachruf?

          Die 91 Jahre alte Marga Henseler in ihrer Wohnung in Bad Godesberg

          Ungeliebter Besuch von Dr. Nüßlein

          Da aber hatte Marga Henseler ihr Ziel schon erreicht, denn ihr Brief an Joschka Fischer hatte zur Folge, dass NS-belastete Diplomaten keinen Nachruf mehr erhalten. Marga Henseler hat ihren Sieg über ein ganzes Heer von „Mumien“ ohne jede weitere Hilfe errungen, indem sie zufällig auf einen Außenseiter im Auswärtigen Amt stieß, der Joschka Fischer ja war, während die „Mumien“ auf der anderen Seite bis heute ihre Strippen ziehen. Als Gipfel der Infamie wurde dieser Tage die Information gestreut, dass Marga Henseler 1960 bei ihrem eigenen Eintritt ins Auswärtige Amt ausgerechnet Nüßlein um ein Empfehlungsschreiben gebeten und dieses auch erhalten hat.

          Wer ist die Frau, die ein jahrzehntelang bestens funktionierendes Getriebe aus Vertuschungen, Intrigen, Heuchelei und Lügen ins Stocken brachte? Wir läuten an einem sonnigen, fast noch warmen Herbsttag um 14 Uhr an dem gelben Eckhaus der Arbeiter-Wohlfahrt in Bonn-Bad Godesberg. Eine extrem zierliche, aber für ihr Alter fast gar nicht gebückte Frau in Jeans und lila Wollpullover macht auf: „Ich hatte doch gesagt: keine Blumen. Wenn ich welche haben will, kauf ich mir sie selber.“ Sie ist ein „kölsches Mädchen“, wie sie bestätigt, wobei sie ihre Fäuste kess wie ein Funkenmariechen in die Seiten stemmt. Noch bevor wir im Wohnzimmer Platz nehmen, kommt sie auf Joschka Fischer zu sprechen: „ein toller Mann“.

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