http://www.faz.net/-gqz-6kvhs

Internationale Reaktionen auf „Das Amt“ : Der lange Schatten der Verbrecher-Mumien

  • Aktualisiert am

Aus dem Archiv des AA: Seite aus dem Protokoll der Wannsee-Konferenz (1942) Bild: Reuters

Die Veröffentlichung der Studie „Das Amt“ ist international weithin beachtet worden. Unsere Korrespondenten berichten über die ersten Reaktionen auf die Erkenntnisse der Historikerkommission.

          Vereinigte Staaten

          Eric Westervelt hat im National Public Radio die Studie eine „bestürzende Anklage gegen Deutschlands diplomatisches Corps der Kriegsjahre“ genannt. Die meisten amerikanischen Zeitungen berichten über die neuen Fakten. Vanessa Fuhrmans vom „Wall Street Journal“ aber betrachtet das Buch im Zusammenhang: Die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit sei für Deutschland ein Prozess, in dem moralische Schuld immer weiteren Kreisen der Gesellschaft zugeschrieben wurde. Einen „wichtigen neuen Schritt“ sieht Jacob Heilbrunn in der Studie. Auf der Website des „National Interest“, der angesehenen Zeitschrift für Außenpolitik, schreibt er: „Heute stellt sich Deutschland seinen Nazi-Traditionen und gibt zu, dass eine ganze Nation in den Schmutz eines völkermörderischen Nationalismus gezogen wurde, in der Tat das aber auch bereitwillig unternahm.“ Fischer verdiene großes Lob dafür, dass er die Studie in Auftrag gab.

          Heilbrunn verweist zudem auf die Rolle der Vereinigten Staaten: „Amerika half, den Übergang in die Bundesrepublik zu ebnen, indem es viele Nazis begnadigte. So ließ sich im Januar 1951 Hochkommissar John McCloy von Realpolitik leiten, als er den Wünschen von Bundeskanzler Adenauer nachkam und das Strafmaß für den Industriellen Alfried Krupp und mehrere Dutzend anderer Verbrecher reduzierte.“ Viel zitiert wird auch die Reaktion des „American Gathering of Holocaust Survivors and their Descendants“: Deutschland habe Licht auf ein Kapitel geworfen, das mehr als sechs Jahrzehnte lang von Geheimnissen überwuchert worden sei: „Frühere Versuche, das Auswärtige Amt und seine Diplomaten von den Verbrechen des Holocausts reinzuwaschen, sind nun widerlegt. Dieser Bericht erinnert daran, dass ein Querschnitt der deutschen Gesellschaft und ihrer Institutionen in den Holocaust und die Brutalität des Regimes verwickelt waren.“ (J.M.)

          China

          In China hat die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua über die Veröffentlichung der Historikerkommission zur nationalsozialistischen Verstrickung des Auswärtigen Amts berichtet. Holocaust-Überlebende werden mit dem anerkennenden Satz zitiert: „Deutschland hat einen ehrlichen und schmerzvollen Blick auf seine Vergangenheit geworfen.“ Viele Zeitungen haben die Meldung in abgewandelter Form meist unkommentiert übernommen. Die Tageszeitung „Guangzhou Ribao“ aus Kanton schrieb: „Wir loben die Ehrlichkeit, den Mut und die Intelligenz der Deutschen. Wir bewundern, wie sich ihr selbstkritischer Geist als roter Faden durch die Nachkriegsgeschichte zieht. Wenn ein Land die begangenen Fehler nicht zugeben will, wie könnte dieses Land dann den Respekt von anderen Ländern gewinnen?“ Die deutsche Vergangenheitsbewältigung wird in China oft gelobt und mit Kritik an Japan verbunden, das solche Ehrlichkeit vermissen lasse. (Si.)

          Russland

          Die russischen Medien berichten über die Studie verhalten. Unter der Schlagzeile „Verbrecher-Mumien“ schildert die Tageszeitung „Wremja nowostej“, wie Fischer die Historikerkommission einberief, nachdem er als Außenminister in seiner Behörde auf Nachrufe für ehemalige Mitarbeiter stieß, die ihre nationalsozialistische Vergangenheit vertuscht hatten. Die Befunde der Kommission hätten das politische Establishment Deutschlands erschüttert, schreibt „Wremja nowostej“. Sie druckt außerdem ein Interview mit dem Kommissionsleiter Eckhart Conze. Aus der „Prawda“ erfährt man, die deutschen Historiker streuten sich weiter Asche aufs Haupt, um für die Sünden der Väter zu büßen. Die liberalistischen Anwandlungen, die dem Außenministerium keine Ruhe gäben, könnten zum Verlust der Traditionen deutscher Diplomatie führen, resümiert das kommunistische Parteiblatt seinen ausführlichen Bericht. Zu den Organisationen, die im Sinn des Nürnberger Tribunals als verbrecherisch anzusehen seien, könne man, wenn nicht de jure, so de facto, nun auch das Außenministerium hinzuzählen. (kho)

          Weitere Themen

          Großbritanniens Fischer und der Brexit Video-Seite öffnen

          Ungewisse Zukunft : Großbritanniens Fischer und der Brexit

          Für die britischen Fischer ist der Brexit eine große Hoffnung. Sie wollen die Fischgründe 12 Seemeilen vor der britischen Küste wieder exklusiv für sich haben. Die holländischen Kollegen warnen dagegen vor einem Kampf um den Fisch.

          Topmeldungen

          Roy Moore : Missbrauchsvorwürfe? Und wenn schon!

          Roy Moore will heute gegen den Willen des republikanischen Establishments Senator von Alabama werden. Der Missbrauchsskandal hat ihm geschadet, trotzdem hat er gute Chancen die Wahl zu gewinnen – auch weil eine Wählergruppe zu ihm hält, von der man es nicht erwartet hätte.

          Netflix veralbert seine Nutzer : Guckloch

          „Wer hat euch verletzt?“: Das Streamingportal Netflix forscht seine Nutzer aus und macht auf Twitter auch noch Witzchen darüber. Das kommt gar nicht gut an.
          Nicht nur Julia Klöckner lehnt ein Kooperationsmodell ab, auch andere führende Unionspolitiker haben für den Vorschlag wenig Begeisterung übrig.

          Kooperationsmodell : Union lehnt „KoKo“ ab

          Bei den Genossen wird der Vorstoß vom linken Parteiflügel intensiv diskutiert. Was der SPD wie eine echte Alternative scheint, stößt bei der Union jedoch auf wenig Begeisterung.
          Hemmungslose Bereicherung? Grasser und Plech im Gerichtssaal

          FPÖ-Schmiergeldaffäre : Wo woar mei Leistung?

          Einst galt Karl-Heinz Grasser als schillernde Gestalt der FPÖ. Nun wird dem Politiker vorgeworfen, systematisch an der Einwerbung von Schmiergeldern beteiligt gewesen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.