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Historikerstudie „Das Amt“ : Das Ende aller Vertuschung

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Auswärtiges Amt, Wilhelmstraße 76: Nächtliche Szene aus dem Jahr 1939 Bild: ullstein bild

Das Auswärtige Amt hat an der Verfolgung der Juden mitgewirkt - in welchem Maße, das zeigt erst der Kommissionsbericht „Das Amt“. Trotz mancher Pauschalisierung leistet er einen gewichtigen Beitrag zur Forschung. Dafür sollten wir dankbar sein, urteilt der amerikanische Historiker Christopher R. Browning.

          Historiker, die sich für das Verhältnis des deutschen Auswärtigen Amtes zur „Judenpolitik“ des Dritten Reichs interessieren, können seit langem schon auf drei (in drei verschiedenen Sprachen verfasste) Bücher zurückgreifen: Eliahu Ben Elissars „La diplomatie du IIIe Reich et les Juifs 1933–1939“ (1969), mein eigenes, „The Final Solution and the German Foreign Office“ (1978), und Hans-Jürgen Döschers „Das Auswärtige Amt im Dritten Reich. Diplomatie im Schatten der ,Endlösung‘“ (1987). Zusammengenommen vermittelten diese Bücher einige zentrale Erkenntnisse.

          Erstens, das Auswärtige Amt wurde sehr schnell zu einem glühenden Verfechter der nationalsozialistischen Judenpolitik der dreißiger Jahre, und zwar vor allem, weil man gleichsam reflexartig das Bild Deutschlands im Ausland zu schützen versuchte, verbunden mit der allgemeinen Abneigung gegen deutsche Juden, die so typisch für die in diplomatischen Kreisen verbreitete nationalkonservative Mentalität war. Zweitens, die Nazifizierung des Personals kam im Auswärtigen Amt rasch voran, vor allem nach 1937, und zwar nicht nur durch die „Einschleusung“ und Aufnahme von Partei- und SS-Mitgliedern in das Amt, sondern auch, weil bereits dort arbeitende Beamte in die Partei oder die SS eintraten – welches Gemisch aus ideologischer Überzeugung, Karriereopportunismus und fatalistischer Resignation sie auch immer dazu bewegt haben mochte.

          Drittens, das Auswärtige Amt war tief in die „Endlösung“ verstrickt, zunächst indem es den Madagaskar-Plan einer vollständigen „ethnischen Säuberung“ Europas von den Juden propagierte (der in der Praxis zahllose Menschenleben gefordert hätte), und dann, indem es die Zahl der ermordeten Juden in die Höhe trieb, weil es die Verbündeten und Satelliten Deutschlands zwang, ähnliche Maßnahmen gegen die Juden zu ergreifen wie in Deutschland und schließlich ihre Juden der Deportation auszuliefern. Außerdem hat Döscher in zwei weiteren Büchern die umstrittene Rückkehr zahlreicher Beamter und Diplomaten – der sogenannten Ehemaligen – in den Auswärtigen Dienst der Adenauerzeit Anfang der fünfziger Jahre untersucht.

          Trotz mancher Pauschalisierung ein wichtiges und notwendiges Buch: die Historikerstudie „Das Amt”

          Endgültige Zerstörung eines Mythos

          Als Autor eines dieser früheren Bücher, deren wissenschaftliche Zuverlässigkeit von der durch Joschka Fischer eingesetzten Historiker-Kommission natürlich geprüft wurde, als sie das Archivmaterial nochmals sichtete und „Das Amt“ schrieb, bin ich sehr zufrieden, dass alle diese grundlegenden Befunde in vollem Umfang bestätigt wurden. Zugleich macht das Buch diese Befunde einer sehr viel breiteren Öffentlichkeit zugänglich. Wie es erst der Wehrmachtsausstellung in den neunziger Jahren bedurfte, um den Mythos der „sauberen“ Wehrmacht zu zerstören, obwohl zahlreiche wissenschaftliche Studien die Komplizenschaft der Wehrmacht seit Jahrzehnten dokumentiert hatten, bedurfte es dieses mit großer öffentlicher Aufmerksamkeit bedachten Kommissionsberichts, um den Mythos zu zerstören, wonach das Auswärtige Amt nicht an den Verbrechen des Dritten Reichs beteiligt, sondern ein Zentrum des Widerstands gegen die Nationalsozialisten gewesen sei – ein Mythos, der sich hauptsächlich wegen der Selbstdarstellung des Amtes und trotz gegenteiliger wissenschaftlicher Befunde bis in unsere Tage halten konnte.

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