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Eine „Mumie“ berichtet : Das Amt und der Friedhof

  • -Aktualisiert am

Manfred Steinkühler Bild: Georg Moritz

Ein deutscher Generalkonsul schied im Dissens aus dem Auswärtigen Amt. Er hatte sich geweigert, auf dem Soldatenfriedhof Costermano NS-Verbrecher zu ehren. Nach der Veröffentlichung von „Das Amt“ erzählt er seine Geschichte.

          Manfred Steinkühler ist 81 Jahre alt und, wie man im Auswärtigen Amt sagt, eine Mumie. Schon äußerlich entspricht er dem Bild, das man sich von diesen Ehemaligen des Außenministeriums macht: silbernes, zurückgekämmtes Haar, schnurgerade Haltung, eine durch ein Nicken angedeutete Verbeugung beim Händeschütteln, Krawatte und Tweed. Ein Herr. Den speziellen Anforderungen des Auswärtigen Amtes hat Steinkühler dennoch nicht genügt. Er ist im Jahr 1991 frühzeitig aus dem Dienst geschieden – im Dissens über den Umgang des Ministeriums mit der deutschen Vergangenheit.

          Vergangene Woche hat die Historikerkommission ihren Bericht über die Rolle des Auswärtigen Amtes im „Dritten Reich“ veröffentlicht. Vielleicht am schockierendsten war darin der Nachweis der Beflissenheit, mit der das Ministerium nach seiner Neugründung über die nationalsozialistische Vergangenheit vieler Beamter hinweggegangen ist. Joschka Fischer empörte in seiner Rede zu den Befunden der Kommission am vergangenen Donnerstag vor allem, dass dieses Thema auch in seiner Amtszeit noch marginalisiert wurde — sechzig Jahre nach Kriegsende. Wie diese Marginalisierung aussah, kann Manfred Steinkühler erzählen.

          Er schlug dem Ministerium eine Umbettung vor

          Steinkühler war vor seinem Ausscheiden Generalkonsul in Mailand. Zu seinen Aufgaben zählte es, am Volkstrauertag im November nach Costermano zu fahren, einem deutschen Soldatenfriedhof am Gardasee. Das hatten über Jahrzehnte schon seine Vorgänger getan. Im Jahr 1987 war er das erste Mal an der Reihe. In Costermano hielt er im Namen der Bundesregierung eine Rede vor den Familien der Gefallenen, dann verlas er eine vorformulierte Totenehrung. Ein italienisches Regiment schoss Salut.

          2007: Kranzniederlegung in Costermano, endlich ohne Erinnerungen an die Gräber von SS-Kriegsverbrechern

          Ein Jahr später sah sich Steinkühler außerstande, wieder nach Costermano zu reisen. Er hatte im Frühjahr 1988 erfahren, dass auf dem Friedhof auch der SS-Sturmbannführer Christian Wirth lag, ein Mann, dessen Konterfei im Haus der Wannseekonferenz ausgestellt ist, weil er mehrere Konzentrationslager geleitet hat und als einer der Erfinder der Gaskammer gilt. Die „Aktion Reinhardt“, in der er eine leitende Funktion innegehabt hatte, war für den Tod von zwei Millionen Juden und 50.000 Sinti und Roma verantwortlich.

          „Es war so ungeheuerlich: die Mörder dort zu finden, wo der deutsche Vertreter jährlich die Toten ehrt, während die Opfer nicht einmal ein Grab haben“, sagt Steinkühler. Er schlug dem Ministerium eine Umbettung Wirths vor. „Ich konnte keine Ehrung auf einem Friedhof halten, auf dem neben den Soldaten Verbrecher liegen.“

          Von seinem eigenen Milieu verraten

          Was nach Steinkühlers Hinweis an die Zentrale geschah, bezeichnet dieser noch immer als den „großen Skandal“. „Ich hatte mit einer direkten, bestätigenden Antwort des Amtes gerechnet: dass der Zustand unhaltbar sei“, sagt Steinkühler. Wenn das Amt auf seine Vorschläge reagiert hätte, ist Steinkühler überzeugt, hätte die Bundesrepublik zügig handeln und danach „glänzend dastehen“ können. Doch obwohl bis zum November noch Monate Zeit für eine Lösung gewesen wären, teilte ihm das Amt mit, er solle sich nicht weiter um Wirth kümmern und wie gehabt vorgehen.

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