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Das angebliche Grab Christi Jesus in New York

27.02.2007 ·  Ein vor 27 Jahren in Jerusalem entdecktes Grab erregt erst jetzt die Welt. Der Grund: Ein rühriger Dokumentarfilmer behauptet, es sei das Grab Jesu und seiner Familie. Nun präsentierte er seine bizarre These in New York. Jordan Mejias ist dabeigewesen.

Von Jordan Mejias, New York
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Um Viertel nach sieben klingelt das Telefon. Die Telefonstimme klingt schon sehr munter. „Gehen Sie um zehn in die New York Public Library.“ Damit wäre das erste Geheimnis gelüftet. Der Ort, an dem alle restlichen Geheimnisse gelüftet werden sollen, ist genannt. Wenig später stapft der Korrespondent, den eine Einladung zu einer Pressekonferenz noch nie derart verschwörerisch eingestimmt hat, durch den New Yorker Schneematsch.

Verschwörerisch geht es auch in den Marmorhallen der Public Library weiter, wo ein Wächter die Pforte zum Sanctum sanctorum erst öffnet, nachdem er mit dem Filzstift einen dicken Punkt auf den Handrücken jedes gründlich kontrollierten Besuchers gemalt hat. Etwas Kultisches liegt über dem Vorgang. Die vertrauten Ingredienzien des Medienrummels, die gewaltige Phalanx der Filmkameras, die Heere schwarzgewandeten Ordnungspersonals und die Hundertschaften von Berichterstattern lassen auf einen Staatsgipfel schließen. Doch es soll viel mehr sein: Von der „wichtigsten Entdeckung in der Menschheitsgeschichte“ wird gleich jemand raunen, ein anderer von „enormen historischen Konsequenzen“.

Mediales Großereignis

Punkt elf Uhr füllt sich das Podium. Die folgenden anderthalb Stunden wird erklärt, beschrieben und spekuliert, warum ein Höhlengrab, das 1980 in Jerusalem entdeckt wurde, das Familiengrab Jesu sein müsse. Anlass sind eine Fernsehdokumentation und ein Buch, die beide schon im Voraus höchst skeptische Kommentare hervorriefen. In New York haben sich nun die Protagonisten des medialen Großereignisses mit Experten aus Archäologie, Theologie, Geschichtswissenschaft und dem Fach Statistik abgesichert. Es ist kein Zufall, dass sie die Public Library, diesen hehren Hort nicht des Glaubens, sondern des Wissens, gewählt haben. Bis auf ein paar verunglückte Superlative bleibt denn auch die Atmosphäre frei vom gewohnten verbalen Bombast.

Dazu passt, dass James Cameron, der Produzent des 3,5-Millionen-Dollar-Films, seine Welterfolge als Regisseur von Megahits wie „The Terminator“ und „Titanic“ herunterspielt und sich zu seiner zweiten Liebe, der Erforschung von Geheimnissen, bekennt. Motor des Unternehmens ist aber der in Israel geborene Kanadier Simcha Jacobovici, der „The Lost Tomb of Jesus“ als Regisseur, Produzent und Drehbuchschreiber zu verantworten hat, sich jetzt der Presse als Experte vorstellt, aber dann allzu kokett einschränkt, seine Expertise sei der Enthüllungsjournalismus. Den hat er zuvor schon unter Beweis gestellt, etwa in „The Exodus Decoded“ und einem nicht minder kontroversen Dokumentarfilm über das angebliche Ossuarium (Knochenbehältnis) von Jakob, dem Bruder Jesu.

Experten aus seriösen Instituten

Unter seiner moderat feschen Strickkappe, von der er sich auch am Rednerpult nicht trennen mag, macht Jacobovici keinen üblen Eindruck. Zumal er sich eine wunderbare Taktik ausgedacht hat: Die Experten, die er jetzt auch auf dem New Yorker Podium um sich schart, sind meist in seriösen Instituten zu Hause. Sicher, ein Theologe wie James D. Tabor von der University of North Carolina kann von der Aufregung um das Familiengrab auch eine hübsche verkaufsfördernde Nebenwirkung für sein eigenes Buch über die „Jesus Dynasty“ erwarten. Aber der Archäologe Shimon Gibson, einer der Entdecker des Grabes, der Theologe James H. Charlesworth und der Statistiker Andrey Feuerverger sind nicht einfach als Scharlatane im akademischen Gewand abzutun.

Zwar lautet ihre Standardformel „Es könnte sein“. Doch sie lassen zu, dass Jacobovici Indizien, die sie ihm als wissenschaftlich gesichert bestätigen, zu einer gewagt, wenn nicht unverantwortlich zusammengebastelten Indizienkette schlingt. Wie er das anstellt, war auch in New York durchaus eindrucksvoll: Die Fülle an Details, Testergebnissen und möglichen Übereinstimmungen, die Jacobovici ausschüttet, ist so verschwenderisch, dass in ihr das große Bild schnell verschwimmt. Viel Aufhebens wurde etwa um DNS-Tests an Knochenspuren in den angeblichen Ossuarien von Jesus und Maria Magdalena gemacht. Obwohl die Testsubstanz äußerst dürftig war, soll daraus zu entnehmen sein, dass die beiden Menschen nicht leiblich verwandt waren. Grund genug für Jacobovici, sie als Eheleute zu identifizieren. Gefragt, ob auch die DNS von Jesus und seiner Mutter Maria verglichen wurde, konnte er sein Publikum nur auf einen späteren Zeitpunkt vertrösten.

Artig formulierte Skepsis

Aber er fesselt mit seinen Geschichten. Überwiegend schlug ihm und seinen Mitkämpen zwar artig formulierte Skepsis entgegen, doch eine Kollegin wollte bereits wissen, ob denn, wenn sich die DNS-Funde bestätigten, Jesus vielleicht zu klonen wäre. Auch über theologische Komplikationen wurde nachgedacht: Was bliebe von Jesu Himmelfahrt, wenn seine Gebeine in der steinernen Lade geruht hätten? Alle anwesenden Theologen und Nichttheologen waren sich einig, dass der Film keine häretischen Tendenzen aufweise und sich eine Auferstehung theologisch auch losgelöst von den sterblichen Überresten rechtfertigen ließe.

Dass solche Frage aufkamen, konnte Jacobovici als Erfolg verbuchen. Obgleich die Dokumentation noch nicht öffentlich gezeigt wurde, reden alle über sie und das Buch. Am Sonntag, wenn sie erstmals auf dem amerikanischen Discovery Channel läuft, wird man einen dokumentarischen Abenteuerfilm sehen, der vergangene Riten und zeitgenössische Laborarbeit gekonnt dramatisiert, das Pro vorteilhafter als das Kontra einbaut und einen Hauch Indiana Jones durch die Story von der Suche nach Jesu Grab wehen lässt.

Phantasie in Aufruhr

Was der Film nur andeutet, behauptet der Erzähler unumwunden: Es kann nicht anders gewesen sein. Expertenmeinung ist nicht mehr entscheidend, es reicht, dass die Phantasie in Aufruhr geraten ist. Analog Dan Browns „Sakrileg“ dürfte einer Bestellerkarriere des Buches nichts im Wege stehen, und Jacobovici stellt schon eine Fortsetzung des Films in Aussicht. Denn das Grab, wie er verheißungsvoll erklärt und zeigt, ist noch weitgehend unerforscht. Unter einem Neubaukomplex harrt es seiner Wiederentdeckung.

So fragwürdig die wissenschaftliche Verknüpfung, so meisterhaft ist jedenfalls die mediale Inszenierung. Die „Israel Antiquities Authority“ hatte keine Hemmungen, die angeblichen Ossuarien von Jesus und Maria Magdalena zu Marketingzwecken nach New York reisen zu lassen. Bewacht von bulligen Herren, standen sie in der Podiumsmitte, von schwarzem Samt bedeckt, bis Cameron fast parsifalmäßig die Order gab: Enthüllt sie! Im Scheinwerferlicht leuchtete ihr Kalkstein ockergelb rein und glatt, worauf sich prompt der nächste Zweifel einschlich. Was ist mit der Patina, die auch ein wichtiges Indiz darstellt? Hat da einer zu viel restauriert? Jedenfalls fiel niemand beim Anblick der Schreine in Ohnmacht oder auf die Knie. Aber das kann sich ändern. Wer von der DNS-Theorie überzeugt ist, wird nicht umhinkönnen, an den Besuch Jesu und seiner Frau Gattin Maria Magdalena in New York zu glauben.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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