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Daryl Hannah Es ist ein Vergnügen, böse zu sein

25.04.2004 ·  Daryl Hannah hat eigentlich immer drei, vier Filme gedreht pro Jahr - und trotzdem ist „Kill Bill“ fast ein Comeback für sie. Ein Interview mit ihr über die guten Rollen und das gute Leben jenseits des vierzigsten Geburtstags.

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Ein bißchen irre, nicht ganz von dieser Welt war sie schon damals, in den frühen achtziger Jahren, als ihre Schauspielkarriere begann. Sie spielte eine Replikantin im "Blade Runner" und eine Meerjungfrau in "Splash", und daß sich nicht besonders viel geändert hat, das bewies sie in der vergangenen Woche, als sie, bei der deutschen Premiere von Quentin Tarantinos "Kill Bill, Vol. 2", so fies in alle Kameras guckte, als wäre die Killerin Elle Driver keine Rolle gewesen, sondern bloß ihre wahre Natur. Daryl Hannah ist 43 Jahre alt, sie hat eigentlich immer drei, vier Filme gedreht pro Jahr - und trotzdem ist "Kill Bill" fast ein Comeback. Tarantino hat sie zurück ins Zentrum des Betriebs geholt.

Mrs. Hannah, Sie mußten, um sich auf Ihre Rolle in "Kill Bill" vorzubereiten, lauter kindische Dinge tun. Sie haben sich Kung-Fu-Filme und schwedische Pornos angeguckt, Sie haben sich mit Comics beschäftigt. Würden Sie so etwas auch zu Ihrem eigenen Vergnügen tun?

Es ist ein Vergnügen, wenn Quentin Tarantino dabei ist. Mit ihm ist es wie Filmhochschule. Er weiß alles über diese Filme, ich glaube, er kennt jeden Film, der je gemacht wurde, und er kennt die Geschichten dazu. Man lernt verdammt viel, wenn man mit Quentin Tarantino diese Filme guckt.

Entschuldigung, aber Quentin Tarantino ist auch schon vierzig. Vielleicht könnte der langsam mal erwachsen werden.

Wird er aber nicht.

Ist es nicht ein bißchen kindisch, wenn Leute über vierzig von Kung-Fu und Comics und Popmusik besessen sind?

Es ist noch viel schlimmer. Er hat auch während der Dreharbeiten nichts als Unsinn im Kopf. Er ärgert mich, er macht bescheuerte Bilder von uns, er bringt den ganzen Set durcheinander. Er ist ein großes Kind. Und das muß er auch sein, weil er sich seinen Enthusiasmus, seine Liebe, seine Offenheit anders gar nicht erhalten könnte. Außerdem: Wer ein Kind ist, kann wenigstens noch wachsen.

Oder er entscheidet sich mal langsam fürs Erwachsensein.

Ich glaube, man kann sich nicht dafür oder dagegen entscheiden. Es ist eine Frage des Charakters.

Sie meinen, Tarantino kann so alt sein, wie er will - er wird für immer das Wunderkind bleiben?

Er hat erst vier Filme gedreht, vielleicht liegt es daran. Er ist aber die Ausnahme. Er hat die Kontrolle über seine Filme, er kriegt den Final cut. Er kann es sich leisten, gegen alle Regeln einen Actionfilm mit Frauen in den Hauptrollen zu inszenieren. Das ist wirklich eine Seltenheit. Damit kommt eigentlich nur Quentin Tarantino davon.

Vor ein paar Wochen war in einer konservativen amerikanischen Zeitschrift ein wütendes Pamphlet gegen solche ewigen Jugendlichen zu lesen. Die Baby-Boomer, hieß es da, hätten es verlernt, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Sie seien die Opfer von Jugendwahn und Popkultur.

Mein Freund ist neulich nach Hause zu einem Klassentreffen gefahren, und er hat dabei eine seltsame Entdeckung gemacht. Manche von den Leuten, mit denen er auf der Schule war, sahen uralt aus, sie waren kaum wiederzuerkennen. Und andere sahen fast so aus wie vor zwanzig Jahren. Der Unterschied war der: Die, die ihren Platz genau kannten, die sich in ihrem Leben fest eingerichtet hatten, die waren unglaublich gealtert. Und die, die noch immer auf der Suche waren, die noch lernten und neugierig waren, das waren die, die sehr jung aussahen. Es waren die, die sich begeistern konnten, die sich wundern konnten und die sich noch fürchten konnten.

Ein populärer Vorwurf heißt: Wer ewig jung bleiben will, hat Angst vor Entscheidungen, Angst vor Verantwortung.

Das ist doch keine Frage des Alters. Das ist eine Frage des Charakters.

Sie sind ...

... älter als Quentin Tarantino, ich weiß.

Was ist Ihr Geheimnis? Das kann doch nicht nur darin bestehen, daß Sie nicht aufhören, sich zu wundern.

Doch. Ich richte mich nicht ein. Ich frage mich immer: Was kommt als nächstes? Es ist eine Frage der inneren Einstellung.

Und das ist alles? Geht es nicht darum, Mineralwasser zu trinken und Sport zu treiben und auf Drogen aller Art tapfer zu verzichten? Und sehr bald ins Bett zu gehen?

Oh, Boy. Das müßte man mal ausprobieren, gesund zu leben. Ich bin sicher, daß es helfen würde.

Sie spielen heute junge Frauen. Und Sie haben vor zwanzig Jahren junge Frauen gespielt. Das ist etwas ganz Neuartiges: Zwanzig Jahre Erfahrung im Jungsein. Gibt Ihnen das einen Vorteil gegenüber den fünfundzwanzigjährigen Schauspielerinnen, denen, die mit dem Jungsein gerade erst angefangen haben?

Ich weiß nicht, ob ich cooler bin als sie. Ich bin nicht der Typ, der mit den anderen konkurriert.

Aber Sie haben ihnen etwas voraus. Erfahrung zum Beispiel.

Als ich zwanzig war, hatte ich ständig Angst. Ich fürchtete mich vor so vielen Dingen. Heute weiß ich, daß ich dafür überhaupt keine Zeit mehr habe. Klar wird man stärker mit der Zeit.

Stark genug, die widerlichste Person in dem Film "Kill Bill" zu spielen. Alle anderen haben irgend etwas Gutes. Aber die Killerin, die Sie da spielen, die ist einfach nur böse. Durch und durch verdorben. Sie sieht gut aus, das ist das Beste, was man über sie sagen kann.

Und sie genießt es, daß sie so ist, wie sie ist. Sie hat Spaß daran, böse zu sein. Um eine Rolle zu spielen, muß man irgend etwas finden, das man an ihr liebt. Das hat mich tatsächlich einige Zeit gekostet. Es ist der Feinsinn, mit dem sie ihre eigene Bosheit zelebriert. Das mag ich an ihr. Ich mußte komischerweise an Tim Curry in der "Rocky Horror Show" denken. Man braucht einen gewissen Humor, um diese arrogante, verdorbene Person zu spielen und dabei Spaß zu haben.

Vor ein paar Jahren hat sich die Schauspielerin Sharon Stone darüber beschwert, daß Frauen über vierzig keine guten Rollen mehr bekämen. Es gibt sogar Drehbuchautoren, die sagen, wer älter als vierzig ist, bekommt keine anständigen Aufträge mehr, weil die Studios ihm nicht zutrauen, daß er noch etwas von Liebe und Sex und dem ganzen Rest versteht. Offenbar hat sich das geändert, wenn eine Dreiundvierzigjährige die sexy Killerin spielen kann.

Nein, es ist noch immer so. Mein Onkel Haskell Wexler war Kameramann bei Blake Edwards, Norman Jewison, Dennis Hopper und hat großartige Dokumentarfilme gedreht. Heute ist er 78, aber kerngesund. Es geht ihm gut. Er ist motiviert. Er will arbeiten, aber es wird immer schwieriger für ihn.

Ich dachte mehr an Menschen in ihren Vierzigern.

Ja, in Hollywood sind alle nur heiß auf das Neue. Das zwanzig Jahre junge Wunderkind von MTV, das ist es, was die Studios wollen.

Immerhin, "Kill Bill" ist da - und jeder kann sehen, daß Sharon Stone nicht recht hatte. Es gibt Rollen für Frauen über vierzig, interessante Rollen.

Aber das ist die absolute Ausnahme. Ein Glücksfall.

Haben Sie denn Angst davor, wie es weitergeht für Sie, Angst davor, in Hollywood und irgendwann fünfzig zu sein?

Nein. Wenn gar nichts mehr geht, dann mache ich eben selber Filme.

Interview Claudius Seidl

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.04.2004, Nr. 17 / Seite 29
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