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: Darauf einen Eierlikör

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Dass er seine Schienen vor sich hinauswerfe, hat Robert Musil einmal über den Zug der Zeit geschrieben, und derart schnell darauf entlang rase, dass die Passagiere nicht mehr abspringen könnten. Eine fatale Sache manchmal mit den Zügen, vor allem, wenn man nicht merkt, dass sie abgefahren sind.

          Dass er seine Schienen vor sich hinauswerfe, hat Robert Musil einmal über den Zug der Zeit geschrieben, und derart schnell darauf entlang rase, dass die Passagiere nicht mehr abspringen könnten. Eine fatale Sache manchmal mit den Zügen, vor allem, wenn man nicht merkt, dass sie abgefahren sind. Der "Sonderzug nach Pankow", mit dem Udo Lindenberg Anfang der achtziger Jahre gegen sein Auftrittsverbot in der DDR ansang, hat längst auf dem Abstellgleis deutsch-deutscher Geschichte seine wohlverdiente Ruhe gefunden.

          Es konnte also schwerlich anders als museal werden, als Lindenberg am Vorabend des 9. November zur "Bunten Republik Deutschland" geladen hatte. Zwar nicht in die Nikolaikirche nach Leipzig, dafür in die Schinkelkirche des Schlosses Neuhardenberg, knapp fünfzig Kilometer nordöstlich von Berlin. In der dritten Reihe, zwischen Brandenburger Politikprominenz und Kai Diekmann: Bundespräsident Christian Wulff, der zarte Bande zu dem vierundsechzigjährigen Altrocker geknüpft hatte, als er im Sommer in seiner Antrittsrede die "bunte Republik Deutschland" ausgegeben hatte - ein Albumtitel Lindenbergs aus dem Jahr 1989.

          Musealität hat ihre emotionalen Qualitäten. Die Endvierzigerinnen, die sich auf der Empore drängten, durchfuhr es heiß und kalt, als Lindenberg und seine Drei-Mann-Besetzung zu "Mädchen aus Ostberlin" anhoben. Derweil schien Wulff noch darüber zu sinnieren, ob es ein bisschen viel des Guten gewesen sein mochte, dass er Lindenberg in seinen Grußworten als Wegbereiter der Einheit gepriesen hatte. Lindenberg jedenfalls gefiel das, genauso wenig wie es ihn störte, dass vor der Kirche, im Dunkel des nebelverhangenen Schlossplatzes, alle paar Meter ein dick gepolsterter Polizist stand, was unweigerlich die Assoziation "Grenzgebiet" aufdrängte.

          Aber Lindenberg war auch schon in seinen guten Zeiten stets Emphatiker der einfachen Schlüsse. Deshalb brachte er zwischen den alten Hits wie "Cello" oder "Alles klar auf der Andrea Doria" ein ums andere Mal einen Toast auf die neue deutsche Protestkultur aus, die der Friedensbewegung allemal das Wasser reichen könne, und vergaß auch nicht, sich beim Bundespräsidenten für die Lage im Lande zu bedanken.

          Wenn alles so gut läuft, spricht natürlich nichts dagegen, den Abend zur bunten Republik in einen bunten Abend umzuwandeln: So zauberte Lindenberg als Überraschungsgast die DDR-Kult-Band "Silly" aus dem Hut, die mit ihrer neuen Sängerin, der Schauspielerin Anna Loos, den hübsch doppeldeutigen Refrain "In mir drin ist alles rot" ins Gewölbe und den Damen auf der Empore die Tränen in die Augen rockte. Wulff indes konnte sich an dieser Stelle nicht recht zum Mitklatschen durchringen. Beim Lindenberg-Best-of-Medley schließlich ging aber auch durch ihn ein Ruck.

          "Ich schwör euch", nuschelte Udo am Ende und gurgelte einen Schluck Eierlikör, "wenn es drauf ankommt, sind wir am Start mit der bunten Republik Deutschland!" Irre gern wäre man gespannt darauf. Aber als das Licht ausging und nur noch die zwei Kerzen auf dem Altar brannten, beschlich einen das Gefühl, soeben einer, wenngleich ungewöhnlich fidelen, Einmausolisierung beigewohnt zu haben. Die ging dann in den Ausstellungsräumen des Schlosses noch weiter, zwischen Lindenbergs Bildern und Reliquien seiner Karriere.

          Und während Christian Wulff einmal über die Saiten der Gitarre streichen durfte, die Lindenberg einst Honecker zusammen mit der legendären Lederjacke geschenkt hatte, zog Lindenberg "den Christian", der sich immer noch ein wenig hüftsteif gab, ganz dicht an sich und mag ihm seinen großen Plan ins Ohr geflüstert haben: die Panik-Akademie in Neuhardenberg. Udo-Wallfahrtsort und Eierlikör für alle. Möglicherweise dann auch für den Rest der bunten Republik, der auf dem Schlossplatz fror und die Nase an die Fensterscheiben drückte. WIEBKE POROMBKA

          Quelle: F.A.Z.

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