Home
http://www.faz.net/-gqz-u9gr
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Daniel Radcliffe Harry Potter im Pferdestall

27.02.2007 ·  Mit seinem ersten richtigen Bühnenauftritt will der Harry-Potter-Darsteller Daniel Radcliffe beweisen, dass er ein seriöser Schauspieler ist. Die Reaktionen sind hysterisch - weil Radcliffe auf der Bühne die Kleider ablegt.

Von Gina Thomas, London
Artikel Bilder (8) Lesermeinungen (1)

Das U-Bahn-Fahren ist für viele Londoner Kinder neuerdings ein anderes Erlebnis geworden. Dort starrt ihnen auf den Werbeplakaten für die neue Inszenierung von „Equus“ überall der sich in einen Pferdekopf mutierende Torso des Harry-Potter-Stars Daniel Radcliffe entgegen. Vom ersten Anwehen der Sexualität erfasste Teenager sind verzückt, Vorpubertäre jedoch eher entsetzt über die Wandlung ihres Helden vom unschuldigen Zauberlehrling zum verstörten, stoppelbärtigen Stalljungen mit einer erotisch-mystischen Besessenheit für Pferde, deren Augen er aussticht.

Mit seinem ersten richtigen Bühnenauftritt will der inzwischen siebzehn Jahre alte Radcliffe beweisen, dass er nicht Harry Potter ist, sondern ein seriöser Schauspieler. Bevor er die Rolle des pferdevernarrten Alan Strang erhielt, musste er den Dramatiker Peter Schaffer überzeugen, der nicht nur seinen Segen gab, sondern in enger Zusammenarbeit mit der jungen Regisseurin Thea Sharrock auch einige Aktualisierungen seines vor mehr als dreißig Jahren uraufgeführten Psychothrillers über das Anderssein und die Kluft zwischen Erwachsenen und sich missverstanden fühlenden Halberwachsenen vornahm.

Reaktionen von hysterischem Ausmaß

Damals machte das Stück Furore. Heute scheint sich der Rummel aus anderen, banaleren Gründen zu wiederholen. Bei seinem Theaterdebüt legt Radcliffe nämlich nicht nur das Image des Kindstars, sondern auch seine Kleider ab, eine Nachricht, die mit Reaktionen von geradezu hysterischem Ausmaß wahrgenommen worden ist. Es fragt sich allerdings, was mehr Empörung hervorruft: Daniel Radcliffe nackt - oder Daniel Radcliffe mit Zigarette. Beides ist in den Bühnenanweisungen vorgesehen, und zu beidem haben sich die Puritaner missbilligend zu Wort gemeldet. Radcliffe wirkt gelassen. Früh geschult im Umgang mit den Medien, weiß er sich keine Blöße zu geben.

Als ein Freund den minderjährigen Star unlängst bat, sein Bierglas kurz zu halten, winkte dieser ab. Den Paparazzo-Schnappschuss mit der Schlagzeile „Harry betrunken“ wollte er nicht provozieren. Der andere Harry aus dem Hause Windsor könnte sich eine Scheibe von ihm abscheiden. Der als Einzelkind in London Aufgewachsene, der sich als schlechter Schüler bezeichnet, fand in der Schauspielerei einen Ausgleich für den mangelnden akademischen Erfolg. Als Besetzungsregisseurin wusste die Mutter die Karriere des Sohnes zu lancieren. Nachdem Radcliffe die Harry-Potter-Rolle erhielt, gab der Vater, ein literarischer Agent, seinen Beruf auf, um den Sohn zu betreuen. Zwischendurch musste er immer wieder auf die Schulbank zurück. Doch nach dem vorzeitigen Abgang von einer angesehenen Londoner Privatschule hat er keine weiteren Studienabsichten. Bei den Dreharbeiten lässt er sich allerdings Unterricht in englischer Literatur geben. Ansonsten sind Film und Bühne seine Universität.

Quelle: F.A.Z., 27.02.2007, Nr. 49 / Seite 38
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3