http://www.faz.net/-gqz-75udt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 19.01.2013, 12:09 Uhr

Daniel Kehlmann im Bundestag Achtlos und niemals staatstragend

Was haben sich Politik und Literatur heute zu sagen? Daniel Kehlmann, der redliche Dichter, beantwortete im W-Forum des Bundestags Fragen.

von Katharina Teutsch
© dpa Der Schriftsteller Daniel Kehlmann im W-Forum des Bundestags

Haben sie ihm auf den Kopf gemacht oder haben sie ihm nicht auf den Kopf gemacht? Die von Thomas Bernhard einmal preisverleihungshalber aufgeworfene Frage mag sich Daniel Kehlmann, Gastredner des Deutschen Bundestags, gestellt haben. Anmerken ließ er sich während seiner Anhörung im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus am östlichen Spreeufer nichts.

Kehlmann folgte gestern in der Vortragsreihe W-Forum der Abteilung „Wissenschaftliche Dienste“ einer Reihe repräsentativer Vorredner. Jutta Limbach, Peter Frey, Andreas Voßkuhle, Bernhard Vogel diskutierten hier in den letzten Jahren über Fragen, die unmittelbar von der Politik in die zivilen Fachbereiche hineingetragen worden waren oder umgekehrt dort formuliert und den anwesenden Parlamentariern anheimgestellt wurden. Nun also war ein Schriftsteller gekommen. Nackt. Will heißen: einer, der kein Amt bekleidet, der im Grunde niemand anderes vertritt als sein lyrisches Ich und nicht etwa die Zunft der Dichter.

Ein herumgereichter Vorzeigeautor mit guten Manieren

“Achtlos und niemals staatstragend“ wolle er sein und aus dieser eventuell unbefriedigenden Position heraus argumentieren. Das unterscheidet Daniel Kehlmann, einstige Reisebegleitung von Frank-Walter Steinmeier und von kulturellen Institutionen herumgereichter Vorzeigeautor mit guten Manieren, von allen geläufigen Formen des politischen Autors. Dass man dennoch ihn und nicht den virtuos verplapperten Clemens Meyer in den Bundestag geladen hat, verdeutlicht das demokratische Arrangement von Kultur und Politik.

Was haben sich Politik und Literatur heute zu sagen? Zur Erinnerung vielleicht ein paar gängige literarisch-politische Joint Ventures: Da wäre zum einen der Typus „dilettierender Despot“ à la Stalin, Mao oder Karadzic und mit ihm das Missverständnis, ein Politiker habe strukturelle Ähnlichkeit mit einem Künstler. Andere Formen wie etwa die des „politischen Orakels“, des „Kulturdiplomaten“ oder des „politischen Gewissens“ lassen sich schnell mit Jean-Paul Sartre, André Malraux und Günter Grass abhaken.

Der aufgeklärte Poeta doctus als politischer Autor der Stunde

All das scheint auf Kehlmann in keiner Weise zuzutreffen. Er lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, beantwortet redlich alle noch so funktionärshaften Fragen nach dem Nutzen staatlicher Dichterförderung (“Natürlich kann’s davon gar nicht genug geben.“), nach der zukünftigen Netzpolitik (Urheberrecht schützen!), nach der „Vermessung der Welt“ als Schullektüre (“Ich sehe das auch als Ansporn, mich zu ändern“) und zitiert an den richtigen Stellen Heideggers Verhältnis zur Technik.

Mehr zum Thema

Gerade der politisch aufgeklärte Poeta doctus, der seine Einflussmöglichkeiten richtig, nämlich als gering einschätzende Systemschriftsteller ist der politische Autor der Stunde. In der heutigen Demokratie stecke wenig literarische Glorie, weil sie auf unattraktive Weise die Kunst des Kompromisses sei. Viele Schriftsteller träumten insgeheim davon, in einem Staatswesen zu leben, in dem man Dissident sein dürfe. Daniel Kehlmann ist kein Träumer, sondern ein Ästhet, der seine Einflusssphäre, seinen ganz und gar demokratisch erworbenen literarischen Ruhm in homöopathischen Dosen auszunutzen weiß und dem sie dafür manchmal auf den Kopf machen dürfen.

Quelle: FAZ.net

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Lobbyismus Im Dienste der Männer

Der Dachverband für Männerinteressen wird vom Familienministerium stark unterstützt – das erregt Unmut. Doch was genau ist das Problem mit dieser Organisation? Mehr Von Mona Jaeger

21.04.2016, 13:35 Uhr | Politik
Wahl des Niersbach-Nachfolgers DFB-Bundestag in Frankfurt im Livestream

In Frankfurt findet der Außerordentliche DFB-Bundestag statt. Dabei wird auch der Nachfolger des zurückgetretenen Wolfgang Niersbach gewählt. Verfolgen Sie die Veranstaltung im Livestream. Mehr

15.04.2016, 13:33 Uhr | Sport
Regierungsstil Merkels neue Kleider

Es ist Wahnsinn. Aber hat es auch Methode? Angela Merkel stützt sich auf eine Öffentlichkeit, die Sprunghaftigkeit und Kitsch hinnimmt. Anmerkungen zu einem immer befremdlicher werdenden Regierungsstil. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Wolfgang Streeck

03.05.2016, 15:22 Uhr | Feuilleton
Verfassungsgericht Linkspartei scheitert im Streit um Oppositionsrechte

Das Verfassungsgericht in Karlsruhe hat die Forderung der Linken nach mehr Rechten für die Opposition im Bundestag zurückgewiesen. Die kleinen Oppositionsfraktionen im Bundestag haben nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts keinen Anspruch auf Stärkung ihrer Rechte. Mehr

03.05.2016, 13:58 Uhr | Politik
Das Ende der Gruppe 47 Literatur? Alles läppisch

Vor fünfzig Jahren versetzte ein junger Schriftsteller, den viele für ein Mädchen hielten, der Gruppe 47 einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholte. Ein Besuch in Princeton, wo Peter Handke Furore machte. Mehr Von Jürgen Kaube

22.04.2016, 15:41 Uhr | Feuilleton
Glosse

Bayerische Gleichberechtigung

Von Patrick Bahners

Im Zuge des Neubaus des Münchner Hauptbahnhofs wird auch dessen Vorplatz neu gestaltet. Eine Frau soll dort zu sehen sein – aber ist Bayern schon soweit? Mehr 5

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“