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Daniel Cohn-Bendit und Slavoj Žižek : Wir Europäer haben die Ressource der Aufklärung

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Dietmar Dath, Slavoj Žižek und Daniel Cohn-Bendit (von links) im Gespräch Bild: F.A.Z.- Frank Röth

Wie reagieren wir auf die vielfältigen politischen und kulturellen Herausforderungen der Zukunft? Dietmar Dath, Slavoj Žižek und Daniel Cohn-Bendit stecken die Richtung ab.

          Der zu Beginn so strahlende Nachmittag, an dem wir uns im Frankfurter Verlagshaus von S. Fischer treffen, wird immer dunkler: Was der Winter naturbedingt leistet, wirkt wie eine Allegorie auf das europäische Projekt. Der slowenische Philosoph Slavoj Žižek tritt ein, erspäht die mehr oder minder zufällig bestückte Buchschauwand am anderen Ende des Raums und extemporiert aus dem Stegreif zu jedem Titel ein kleines Privatissimum – über chinesische Dissidenz, Krimi-Literatur oder Erotik. Nur das eigene neue Buch, „Die bösen Geister des himmlischen Bereichs“, eine Studie über das, was vom Kommunismus geblieben ist, wird bescheiden übergangen.

          Daniel Cohn-Bendit, Europaparlamentsabgeordneter der Grünen und Legende der Achtundsechziger-Bewegung, kommt gerade aus Brüssel. Er hat Žižek noch nie getroffen, doch beide gehen miteinander um wie alte Freunde: Žižek bittet um Anekdoten über prominente französische Politiker, Cohn-Bendit erkundigt sich nach gemeinsamen Bekannten.

          Zu ihnen stößt als Vertreter einer jüngeren links engagierten Generation Dietmar Dath, Schriftsteller und Redakteur dieser Zeitung. Gerade hat er das Manuskript zu seinem gemeinsam mit Barbara Kirchner verfassten Buch „Der Implex“ abgeschlossen, einem großangelegten Essay zur Genealogie des Fortschritts. Kaum sitzen die drei am Tisch, geht die Debatte los: als assoziatives Feuerwerk an Geistesblitzen. Und dabei zeigt sich rasch, wie richtig es ungeachtet eines Rüffels von Žižek war, zur Eröffnung des Gesprächs klarzustellen, dass man sich keinen festen Plan für den Verlauf der Diskussion zurechtgelegt hat. (apl.)

          * * *

          Žižek: Keinen fixen Plan für ein Gespräch zu haben ist ein Fehler. Ich habe unlängst mit einem Altkommunisten, einem echten Stalinisten gesprochen und ihn gefragt: „Was haltet ihr von freier, spontaner Debatte?“ Und er sagte: „Wir Kommunisten lieben das, man hört die Stimme des Volkes. Aber freie Debatten, spontane Ereignisse müssen ganz besonders gut vorbereitet sein, um feindliche Provokationen zu verhüten.“

          Dath: Keine kommunistische Spezialität. Man kann die Elendesten in den politischen Prozess holen, wenn man sie als Gefolgschaft mobilisiert. Mit Geld: Methode Gaddafi.

          Žižek: Da denke ich an meine Exfreunde von der London School of Economics, die mir dauernd Kontakte zu totalitären Regimes vorgeworfen hatten. Die haben nun ihre Gaddafi-Geschichte. Ob das politische Korruption oder Naivität war? Der Unterschied zwischen beidem ist nicht so klar, wie man denkt. Die Menschen sind so flexibel, dass man auf sehr aufrichtige, ehrbare Weise korrumpiert werden kann. Das sieht man ja bei Molière, im „Tartuffe“, wo die Titelfigur die ganze Zeit lügt, und dann kommt plötzlich der Moment, an dem sie anfängt, sich selbst zu glauben.

          Dath: Sobald es um soziale Spielchen geht, kann man Lügen gar nicht lange aufrechterhalten, ohne sie zu glauben.

          Cohn-Bendit: Haben Sie den „Tartuffe“ gesehen, den Ariane Mnouchkine inszeniert hat?

          Žižek: Ich habe davon gehört.

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