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Damien Hirst lädt zur Auktion Gebt dem Künstler, was des Künstlers ist

11.09.2008 ·  Dem Kunstmarkt steht ein unerhörter Coup bevor: Damien Hirst lässt mehr als zweihundert seiner Werke versteigern und bootet seine Galeristen aus. Jetzt macht er das Geschäft mit der Kunst allein.

Von Rose-Maria Gropp
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Die toten Tiere in ihren Kästen, eingelegt in Formaldehyd; die Glasschränke mit den akkurat angeordneten Arzneien; die bunten Punkte vor weißem Grund; die Scheiben, auf denen sich die Farbe beim Drehen schlierig gemischt hat; die Schmetterlingsflügel in Formation: der britische Künstler Damien Hirst ist längst seine eigene Marke. Warum also nicht das Ganze jetzt noch einmal weiterdrehen, vergolden, gern auch in Gold gearbeitet? Mit einer Gesamtschätzung von mindestens 65 Millionen Pfund kommen 223 Werke Damien Hirsts nächste Woche in London an zwei Tagen zur Auktion.

Sie stammen alle aus diesem Jahr. Kein Galerist, kein Händler hat sie zuvor je in Händen gehabt; denn Damien Hirst hat sie selbst bei Sotheby's eingeliefert: So sieht der schärfste Coup auf dem Kunstmarkt der Gegenwart aus. Angeführt wird er von „The Golden Calf“, einem blonden Jungbullen in Formaldehydlösung, mit goldener Scheibe auf dem Schädel und goldenen Hufen, im vergoldet eingefassten Bassin, vier Meter hoch auf Marmor gesockelt, taxiert auf acht bis zwölf Millionen Pfund, das sind zehn bis fünfzehn Millionen Euro.

Die Schranke zwischen Auktionshaus und Galerie fällt

Die Ankündigung der Auktion vor einigen Wochen schlug ein wie eine Bombe. Denn wie in einem Brennglas bündeln sich die Aspekte des Markts der zeitgenössischen Kunst in der Veranstaltung „Beautiful Inside My Head Forever“, ein Titel wie geschaffen für ein Requiem. Gefallen ist damit zum ersten Mal die Schranke zwischen klassischem Galeriegeschäft und herkömmlichem Kunsthandel auf der einen Seite und dem Auktionsmarkt auf der anderen: Einer der höchstbezahlten lebenden Künstler übergeht seine Galeristen, die ihrerseits selbst dominierende Spezialisten sind in globalen Kunststrategien.

Er zwingt sie in die Position der Bieter in der Auktion, wenn sie von seiner aktuellsten Produktion etwas abhaben wollen, für ihre eigenen Lager oder für ihre Kunden. Und sie würden sich, ehe etwas aus dem Ruder liefe in Sachen Preisgestaltung, sogar engagieren müssen, um den Marktheros nicht stürzen zu lassen, den sie selbst mitgeformt haben. Diese Gefahr ist allerdings gering. Zwar hat das Branchenblatt „The Art Newspaper“ dazwischengeschossen mit einem nicht ernsthaft dementierten Bericht, dass Hirsts Londoner Galerie White Cube auf unverkauften, auch kapitalen Arbeiten ihres Hauskünstlers im Wert von hundert Millionen Pfund sitze. Aber die wahre Attraktion liegt im Nervenkitzel der Auktion, im Direktverkauf der Ware durch den Künstler.

Ein Marktspezialist mit Erfahrung

Für ihn ist das übrigens nicht ganz neu: Hirst hat 1988 als Student am Londoner Goldsmiths College mit seiner frei inszenierten „Freeze“-Schau das Galeriesystem schon einmal genial umgangen. Vor vier Jahren kaufte er dann gemeinsam mit dem White-Cube-Galeristen Jay Jopling diejenigen seiner Arbeiten zurück, von denen sich sein Sammler Charles Saatchi trennen wollte. Die Ausnahme war der inzwischen legendäre Tigerhai in seinem Bassin von 1991; „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“, so der Titel, verkaufte Saatchi dann selbst für genannte 6,5 Millionen Pfund an den amerikanischen Hedgefonds-Eigner und Kunstakkumulierer Stephen Cohen.

Jetzt adelt kein geringeres Haus als das New Yorker Metropolitan Museum den Hai als Leihgabe. Damien Hirst reizt die Ränder aus bis zum Gehtnichtmehr. Zuletzt tat er das im vergangenen Jahr mit dem brillantbesetzten Schädel, den für fünfzig Millionen Pfund eine Investorengruppe erwarb, der er selbst angehört. Das war keineswegs eine Notaktion, wie viele meinten, sondern ein weiterer Schachzug des Künstlers als Unternehmer in eigener Sache. Die Rechnung beginnt bereits aufzugehen: Das Rijksmuseum in Amsterdam hat gerade angekündigt, „For the Love of God“, so heißt der Totem des Mammon, vom 1. November an in einer Ausstellung zu präsentieren, gemeinsam mit Werken des siebzehnten Jahrhunderts, die Hirst selbst aus dem Bestand des Museums ausgewählt hat - und im Grunde ist dieser Künstler-Unternehmer jenem Goldenen Zeitalter ohnehin näher als seiner eigenen Gegenwart.

Strategie der Verknappung

Damien Hirst ist dreiundvierzig Jahre alt und längst ein historischer Künstler. Es mag sein, dass ihn seine proliferierende Produktivität in seinen Fertigungsstätten mit all seinen Assistenten selbst bedroht. Dann hat er dafür jetzt ein optimales Ventil gefunden. Obendrein kündigt er in einem Interview auf der Website von Sotheby's, ganz en passant, die Einstellung bestimmter Produktlinien an: Künftig wird manche Ware rar. Letzte Chance für alle und keinen! Und genau da liegt das zweite Skandalon dieses Lagerverkaufs: In der Auktion kann prinzipiell jeder, der ein Werk von Hirst haben will, einkaufen, sofern er das nötige Geld hat.

Unterlaufen sind damit die in mancher Hinsicht durchaus sinnvollen Praktiken der Galeristen, die für ihre Stars ihre Verteilungskriterien haben. Wer ist der Käufer, wollen sie wissen. Wie sieht das Geld aus, das fließt? Welche Sammlung steht dahinter? Welches Museum wird das Werk schmücken, als Leihgabe oder Schenkung? Der Distinktionsgewinn durch den Besitz zeitgenössischer Kunst steht in seinem historischen Zenit. Da setzt Hirsts Subversion an. Er, der Star, macht sich für alle verfügbar - für alle Vermögenden dieser Welt, die bisher leer ausgehen mussten. Und ein bisschen auch für die, die rechtzeitig angefüttert werden müssen; extra kleine Arbeiten sind im Angebot schon für 15.000 bis 20.000 Pfund.

Fabelwesen für die globale Kundschaft

Auf die Plätze verwiesen ist die globale Sammlerelite im Verteilungskampf mit jener erwachenden Klientel und Kaufkraft, die sich gerade formiert in Russland und den Golfstaaten, in China, Korea oder Indien. Bis nach Delhi reisten Arbeiten von Hirst zu einer Vorschau. Aber es bleibt abzuwarten, ob und wie der Wunsch nach der Kunst des Westens mit Spiritualität und Tradition kollidiert. Denn zerschnittene, konservierte Rinder passen schlecht zum Hinduismus, und es ist vielleicht kein Zufall, dass Hirst nicht neue partialisierte Tiere zeigt, sondern nachgerade irenische Fabelwesen. Was die reichen Russen angeht, so sind die inzwischen auf dem globalen Markt sozialisiert und keineswegs mehr naive Neulinge; auf ihr Engagement wird zu achten sein.

Passend zum historischen Moment betreibt das Auktionshaus einen nie dagewesenen Aufwand für den Hirst-Auftrieb, der sich pekuniär kaum rechnen kann, als Imagefaktor aber nicht mit Gold aufzuwiegen ist. Das alles für den sale eines einzelnen Künstlers, der allerdings das Risiko selbst trägt; denn Sotheby's hat Hirst keine Garantiesumme gewährt, die ihm unabhängig vom Ausgang der Auktion ausgezahlt würde. Bedenkt man einmal, dass im vergangenen Mai in New York allein mit nur zwei Spitzenwerken der Moderne - einem Gemälde von Lucian Freud bei Christie's und einem Triptychon von Francis Bacon bei Sotheby's - 107 Millionen Dollar netto eingespielt wurden, relativieren sich die Maßstäbe doch ein wenig, auch wenn dieser Vergleich ein wenig unfair ist.

Der Preis für neue Kunden

Käufer beider Werke ist übrigens der russische Oligarch Roman Abramowitsch, der am liebsten in London residiert. Auch für Sotheby's geht es offenbar um die pole position auf dem Markt, um den Reiz des offenen Tabubruchs und um neue Namen im Kunden-Portfolio der Auktionsfirma. Das dramatische Exempel auf das momentan noch geltende Kunstsystem wird endlich da statuiert, wo die Schätzpreise in den Blick kommen. Sie wirken nicht so, als wäre bei ihnen der Anteil abgezogen, der an die Galeristen fließt. Müßig freilich zu spekulieren, welchen Prozentsatz Hirst an seine Galeristen, an Jay Jopling oder Larry Gagosian, abtritt, sehr wahrscheinlich nicht die inzwischen üblichen fünfzig Prozent.

Andererseits ist dieser Mann Sotheby's dem Vernehmen nach so viel wert, dass man ihm die für den Einlieferer fällige Kommission erlassen hat - Damien Hirsts Erlös beträgt hundert Prozent der Zuschlagssumme. Das fällige Aufgeld in Höhe von etwa zwölf Prozent auf den Kaufpreis zahlt der Käufer an das Auktionshaus. Die Demokratisierung, die Hirst einläutet, wird mithin gewiss nicht sein Schaden sein: Das Bassin mit dem Ur-Hai von 1991 hat 2004 auf dem Sekundärmarkt vermutlich gut sechs Millionen Pfund gekostet, jetzt ist eine etwas kleinere Variante der Hai-Konserve namens „The Kingdom“ auf vier bis sechs Millionen Pfund taxiert. Und mit der Schätzung für das mystisch aufgeladene „Goldene Kalb“ zielt Hirst nicht nur auf die Einstellung seines eigenen Rekords, sondern eindeutig auf den Rekordpreis für einen lebenden Künstler, den derzeit sein Landsmann Lucian Freud hält. Dies alles wohlgemerkt im Direktverkauf - gebt dem Künstler, was des Künstlers ist. Hirst ist konsequent, er bezieht den Markt in sein Werk als Konzept mit ein.

Das Spiel ist ziemlich perfekt, zudem plaziert am Rand einer globalen Wirtschaftskrise, von der manche Experten prophezeien, sie werde sich zur dramatischsten seit sechzig Jahren auswachsen. Der mit neuem Geld vollgepumpte Markt der zeitgenössischen Kunst wird davon keinesfalls unberührt bleiben, das ist nur noch eine Frage der Zeit. „Beautiful Inside My Head Forever“ ist auch vor diesem Hintergrund ein Härtetest. Prognosen sind riskant, in einem nie gesehenen Präzedenzfall schon gar. Doch das merkantile Gehirn dieses Künstlers ist nicht zu unterschätzen.

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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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