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Dalai Lama Wiedergeburtsfrage

25.11.2007 ·  Der Dalai Lama erwägt, auf seine Reinkarnation zu verzichten und seinen Nachfolger schon zu Lebzeiten entweder selbst zu bestimmen oder durch ein Mönchsgremium wählen zu lassen. Die chinesische Regierung ist strikt dagegen.

Von Mark Siemons
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Die Ankündigung des Dalai Lama, möglicherweise auf seine Reinkarnation zu verzichten und seinen Nachfolger schon zu Lebzeiten entweder selbst zu bestimmen oder durch ein Mönchsgremium wählen zu lassen, ist von der chinesischen Regierung scharf zurückgewiesen worden: Das sei eine klare Verletzung der religiösen Rituale und historischen Gewohnheiten des tibetischen Buddhismus.

Diese Antwort war zu erwarten, sie gehört zum Kampf um die Interpretationshoheit über Tibet und dessen Religion, den die Pekinger Führung mit den Tibetern und der Weltöffentlichkeit seit Jahren führt. Am 1. September trat in der Volksrepublik ein Gesetz in Kraft, das die Nachfolge institutionalisiert und darauf hinausläuft, dass jede staatlich nicht approbierte Reinkarnation „illegal und ungültig“ sein soll.

Es geht da also ganz unverhüllt um Macht. Doch was hat es zu bedeuten, dass ein Religionsführer auf die spezifische Legitimation seines Amts freiwillig zu verzichten scheint - wo doch im Kampf, den er führt, alles auf Legitimität ankommt? Die Tibeter verehren den Dalai Lama als „Bodhisattva des Mitgefühls“, der sich, obwohl er die Möglichkeit hätte, aus dem Kreislauf der Wiedergeburten ins Nirwana überzugehen, dazu entscheidet, in immer neuen Inkarnationen den unerlösten Wesen auf der Erde beizustehen.

„Alle wichtigen Institutionen erreichen irgendwann ihr Ende“

Der 14. Dalai Lama sagt aber schon seit langem, er sei sich nicht sicher, ob er ein solches Wesen ist. Sein Amt könne auch auf andere Weise als durch Reinkarnation übertragen oder gar ganz aufgegeben werden. „Alle wichtigen Institutionen erreichen irgendwann ihr Ende“, hatte er einmal zu Protokoll gegeben: Der Dalai Lama sei nicht das Rückgrat des tibetischen Buddhismus, so wie auch Buddha nach seinem Tod fast tausend Jahre lang keine Reinkarnation erlebt habe. Deutlich wird in jedem Fall, dass die authentische Kultur und Religion, für die der Dalai Lama steht, nicht mit jener ein für alle Mal feststehenden Folklore identisch ist, auf die sich die Pekinger Führung kapriziert - und auf andere Weise Hollywood, die Tourismuswirtschaft und sonstige Gewerbetreibende auch.

Einmal hat der Dalai Lama daran erinnert, dass sogar die Lehren Buddhas selbst laut dessen eigener Voraussage nach fünftausend Jahren ihre Bedeutung verlieren werden - aber das mache gar nichts, in irgendwelchen der Abermilliarden übrigen Universen würden sie schon weiter bestehen bleiben. Wer sollte gegen einen solch kosmischen Optimismus ankommen?

Quelle: F.A.Z., 24.11.2007, Nr. 274 / Seite 35
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