15.08.2004 · Berühmt wurde er durch sein leidenschaftliches Engagement wider die Tyrannei: Zum Tod des polnischen Dichters und Nobelpreisträgers Czeslaw Milosz.
Von Marcel Reich-RanickiDer Pole Czeslaw Milosz, der am Samstag in seinem Wohnort Krakau im Alter von dreiundneunzig Jahren gestorben ist, gehörte zu den nicht zahlreichen großen Figuren der europäischen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts. Freilich hat sich Europa um ihn wenig gekümmert. Das ist ebenso bedauerlich wie leider nicht verwunderlich. Czeslaw Milosz teilt dieses Schicksal mit allen bedeutenden Dichtern Polens - und das hat mit der Eigenart der polnischen Poesie zu tun.
Er wurde in einer litauischen Kleinstadt geboren, stammt jedoch aus einer polnisch-katholischen Familie. Damals, 1911, gehörte Litauen zu Rußland, zwischen den beiden Weltkriegen war es ein selbständiger Staat, 1940 wurde Litauen an die Sowjetunion angegliedert und konnte schließlich, 1990, seine staatliche Unabhängigkeit wiedererlangen. Die Sache wird ein wenig verwirrend, wenn man noch hinzufügt, daß die schönste, reizvollste und wichtigste Stadt Litauens, die jetzt Hauptstadt dieses Landes ist, Wilna, zwischen den beiden Weltkriegen zu Polen gehörte.
Kosmopolitische Mentalität
In Wilna, wo sich gleichermaßen polnische, russische, litauische und jüdische Einflüsse kreuzten, wuchs Milosz auf, dort studierte er Jura. Diese etwas exotisch anmutende Stadt hat seine Toleranz geprägt und seine internationale, seine kosmopolitische Mentalität. Aus dem sowjetisch besetzten Wilna gelang ihm eine abenteuerliche Flucht nach Warschau, wo er nicht weniger abenteuerliche Erfahrungen machen mußte. Er schrieb für die Presse der Widerstandsbewegung und verfaßte illegale Schriften.
Als Polen 1945 von der sowjetischen Armee befreit wurde, gehörte Milosz zu den nicht wenigen polnischen Intellektuellen, die von Euphorie nichts wissen wollten und die zu Begeisterung nicht fähig waren, die es aber andererseits für falsch hielten, ihre Mitarbeit am Wiederaufbau des zerstörten Landes zu verweigern. Czeslaw Milosz trat schon 1945 ins Außenministerium ein. In den folgenden Jahren war er Kulturattaché in Washington und dann Erster Sekretär der polnischen Botschaft in Paris.
"Die Freiheit gewählt"
Dem Kommunismus gegenüber blieb er zurückhaltend und skeptisch. 1951 tauchte sein Name in allen westlichen Zeitungen auf, er wurde plötzlich berühmt - wenn auch nur für kurze Zeit: Er hatte sich entschlossen, mit dem Kommunismus zu brechen, er hatte, wie es damals in den Meldungen hieß, "die Freiheit gewählt".
Daß der Diplomat vor und nach dem Krieg einige Gedichtbände veröffentlicht hatte, wurde in den Meldungen nicht vermerkt. Vielleicht befürchtete man in den Nachrichtenagenturen, ein Hinweis auf das poetische Schaffen von Milosz würde die Seriosität des Flüchtlings in Frage stellen und die Bedeutung seiner politischen Entscheidung in den Augen des Publikums verringern.
Immerhin wurde Milosz einige Jahre später auch als Schriftsteller zur Kenntnis genommen: Sein 1953 in Paris erschienenes Buch "Verführtes Denken" (der polnische Originaltitel lautet übrigens: "Versklavtes Denken") wurde gleich zu einem bescheidenen Welterfolg. Die deutsche Ausgabe, mit einem Vorwort von Karl Jaspers versehen, hat man viel rezensiert und schnell wieder vergessen.
Milosz verurteilt die Tyrannei
Milosz befaßte sich hier mit den Denkmechanismen der Künstler und Intellektuellen in der kommunistischen Welt, und zwar ebenso der Enthusiasten oder nur kühlen Anhänger des Regimes wie der Opportunisten und Zyniker. Das Buch ging der Frage nach, wie ein denkender Mensch in der kommunistischen Welt leben konnte und wie er sich den Verhältnissen anpaßte. Nicht die Intellektuellen wurden von Milosz verurteilt, sondern die Tyrannei, die den einzelnen erniedrigt und demütigt.
Nach dem "Verführten Denken" wurde Milosz von wohlmeinenden Beobachtern gern zusammen mit Arthur Koestler und Ignazio Silone genannt. Schon diese Zusammenstellung ließ ein fundamentales Mißverständnis erkennen. Denn anders als Koestler und Silone war Milosz nie Kommunist gewesen und zeigte auch nie die geringste Lust, sich als antikommunistischer Propagandist zu betätigen. Mehr noch: Er war nie ein politischer Mensch.
Die Aura der Poesie
Nach dem Bruch mit dem Kommunismus blieb er einige Zeit in Paris und siedelte dann in die Vereinigten Staaten über, wo er in Kalifornien von der Universität Berkeley auf einen Lehrstuhl für slawische Sprachen und Literaturen berufen wurde. Seine Vorlesungen waren überfüllt. Was trieb die unzähligen amerikanischen Studenten, die meist durchaus nicht Slawistik studierten, zu den Lehrveranstaltungen des polnischen Emigranten? Vielleicht der Umstand, daß dieser ruhige Mann bei aller deutlich betonter Nüchternheit etwas verbreitete, etwas spüren und ahnen ließ, was man nicht simulieren kann - die Aura der Poesie.
Seinen ersten Gedichtband veröffentlichte Milosz 1933, ein zweiter folgte 1936. Man zählte ihn damals zu den "Katastrophisten". In der Tat war er als Dichter immer auch ein pessimistischer Kulturkritiker - und als Kulturkritiker ein apokalyptischer Visionär. Schon seine frühesten Verse haben einen eigenen, eher spröden Ton, eine unverwechselbare, kühle - oder doch scheinbar kühle Diktion. Eine eigentümliche Spannung ist in diesen und auch in seinen späteren Versen unverkennbar. Sie rührt vor allem aus dem Gegensatz von Reflexion und Emotion, von schwermütiger Nachdenklichkeit und leidenschaftlichem Engagement. Denn Czeslaw Milosz war von Anfang an ein intellektueller Poet - und ein poetischer Prosaist. Beispielhaft für seine sinnliche Prosa ist der autobiographische Roman "Das Tal der Issa".
"Campo de' Fiori"
Den ersten Höhepunkt erreichte die Lyrik von Milosz während der deutschen Okkupation Polens. Als sich die Juden im Warschauer Ghetto mit den wenigen teuer erkauften Waffen gegen die Deportation zu den Gaskammern wehrten und damit einen aussichtslosen und doch sinnvollen Kampf gegen das Großdeutsche Reich aufnahmen, da schrieb Milosz sein wohl berühmtestes Gedicht: "Campo de' Fiori".
Auf diesem römischen Marktplatz wurde einst vor den Augen vieler neugieriger Gaffer Giordano Bruno verbrannt. An diesen Platz und an die Gleichgültigkeit der Zeugen und Zuschauer dachte Milosz während des Aufstands im Ghetto - als er entsetzt das lustige Treiben auf einem Warschauer Rummelplatz beobachtete. Schlagermusik dämpfte die Salven hinter den Mauern des Ghettos, und junge Paare flogen auf den Schaukeln nach oben, weit in den "heiteren Himmel".
Frei von Selbstmitleid
Die Elegien von Milosz kennen keine Larmoyanz, sie sind frei von Selbstmitleid. Hier dominiert die strenge, die schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Nation. In der Fremde, sagt Milosz in einem seiner Gedichte, sei ihm die Sprache zum Vaterland geworden. Aber die polnische Sprache hat sich in der Poesie als eine oft fatale Barriere erwiesen. Daher hat die Welt von der polnischen Literatur eine falsche Vorstellung: Man kennt bestenfalls einige Romane und findet diese mittelmäßig oder epigonal.
Aber Polen ist nicht das Land des Romans oder des Dramas, sondern der Lyrik - und dies schon seit der Romantik. Je origineller, je besser die polnische Poesie, desto weniger läßt sie sich in eine andere, zumal in eine nichtslawische Sprache übertragen. Alles kann man übersetzen, nur nicht den Charme dieser Poesie. Daher wird die polnische Literatur überall unterschätzt. Übrigens: Auch die russische Literatur verdankt ihren Weltruhm keineswegs der Lyrik von Puschkin oder Lermontow, sondern den Romanen von Tolstoj und Dostojewski oder den Stücken von Tschechow.
Dreißig Jahre lang durften Milosz' Werke nicht in Polen erscheinen. Den gegen ihn gerichteten Bann hat man erst 1980 aufgehoben, als er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Jetzt erst konnte das polnische Publikum die visionäre Kraft dieses großen Dichters erkennen. Einige Jahre nach dem Nobelpreis kehrte Czeslaw Milosz nach Polen zurück - und wurde dankbar und enthusiastisch empfangen.
Czeslaw Milosz
Campo de' Fiori
Warschau, Ostern, 1943
In Rom auf dem Campo de' Fiori Oliven, Zitronen in Körben, Das Plaster gesprenkelt mit Wein Und abgebrochenen Blumen. Hellrosa Früchte des Meeres Von Händlern auf Tische geschüttet, Und eine Fülle dunkler Trauben Fällt aus Armen auf Pfirsichflaum.
Hier, auf genau diesem Platze Wurde Giordano Bruno verbrannt. Der Scheiterhaufen, vom Henker entzündet, War umringt von Schaulustigen Doch kaum war die Flamme erloschen Waren erneut die Tavernen gefüllt, Trugen die Händler auf ihren Köpfen Oliven, Zitronen in Körben.
Ich sah den Campo de' Fiori vor mir, In Warschau, beim Karussell, An einem heiteren Frühlingsabend, Beim Klang von beschwingter Musik. Die lustige Melodie übertönte Die Salven hinter der Ghettomauer, Und Paare flogen hoch in die Luft, Hinein in den heiteren Himmel.
Der Wind trug von brennenden Häusern Mitunter schwarze Drachen herüber, Vom Karussell aus haschten die Menschen Nach den Fetzen in der Luft. Die Röcke der Frauen bauschten sich Im Wind von brennenden Häusern, Und die fröhliche Menge jubelte An dem schönen Warschauer Sonntag.
Vielleicht wird einer hieraus ersehen, Daß Menschen in Warschau und in Rom An brennenden Märtyrern vorübergehend Sich amüsieren und handeln und lieben. Ein anderer zieht daraus die Lehre, Daß Menschliches vergänglich ist, Und daß Vergessen größer wird, Bevor noch die Flamme erloschen ist.
Ich jedoch dachte damals schon An das Alleinsein der Sterbenden. Daran, daß es in dem Moment, Als Giordano das Gerüst erklomm, In der menschlichen Sprache Kein einziges Wort gab, Um der Menschheit Lebwohl zu sagen - Der Menschheit, die übrig bleibt.
Schon liefen sie fort, im Wein zu zechen, Um weiße Seesterne zu verkaufen. Mit fröhlichem Lärmen trugen sie Oliven, Zitronen in Körben. Und er war bereits in weiter Ferne, Als wären Jahrhunderte vergangen, Und als hätten sie nur einen Moment Auf seinen Abflug im Feuer gewartet.
Diesen Sterbenden, Einsamen, Von der Welt schon Vergessenen Ist unsere Sprache fremd geworden, Wie die Sprache eines vergangenen Planeten. So lang bis all dies Legende sein wird, Und dann, nach vielen Jahren, Auf dem neuen Campo de' Fiori Ein Wort des Dichters Protest entfacht.
Aus dem Polnischen von Doreen Daume. Entnommen dem Band "DAS und andere Gedichte", Hanser 2004.
Marcel Reich-Ranicki Jahrgang 1920, ehemaliger Leiter des Literaturteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
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