26.10.2009 · In seiner Loslösung vom Glauben sah er immer eine Voraussetzung seines Schaffens. Jetzt hat Robert Crumb auf 201 Seiten in einem Comic das erste Buch Mose nacherzählt. In der deutschen Übersetzung musste man dabei auf die Lutherbibel von 1912 zurückgreifen, aus rechtlichen Gründen.
Von Andreas PlatthausNoch bevor Gott an die Arbeit geht, erhebt der Zeichner seine Stimme: „Ich, Robert Crumb, Illustrator dieses Buches, versichere hiermit, dass ich den Originaltext der Bibel nach bestem Wissen und Gewissen wortgetreu und ungekürzt wiedergegeben habe.“ So lautet der erste Satz der Einführung zu „Robert Crumbs Genesis“, einem Comic, der auf 201 Seiten das erste Buch Mose nacherzählt.
Von Crumb, der mit Fritz the Cat ein Symbol der Gegenkultur gezeichnet hat und wegen seines freizügigen Umgangs mit Sexualität ein wohlfeiles Feindbild für Konservative und Frauenrechtlerinnen abgibt, durfte man keine Begeisterung für die Bibel erwarten – der 1943 geborene Künstler wurde zwar katholisch erzogen, sah aber gerade in seiner Lösung vom Glauben immer eine Voraussetzung seines Schaffens. Ein Vorschuss in sechsstelliger Höhe, den Crumb für das Bibel-Vorhaben erhielt, mag sein Interesse jedoch befeuert haben, und natürlich ist die Schöpfungsgeschichte mit ihren paradiesischen wie irdischen Exzessen wie geschaffen für diesen Zeichner.
Jüngerinnen und Apostelinnen
In der vergangenen Woche ist nun die deutsche Übersetzung erschienen. Auch sie ist wortgetreu und ungekürzt, allerdings gemäß der Lutherbibel von 1912. Dabei stammt deren von der Evangelischen Kirche empfohlene Version von 1984. Lutherbibel, so teilt der Carlsen-Verlag mit, aber müsse sein, weil Crumb sich im Original an die King James Bible gehalten habe, jene 1611 erstmals publizierte Übersetzung, die im englischen Sprachraum die gleiche Rolle spielt wie im deutschen jene von Luther. Doch auch ein Bibeltext unterliegt dem Copyright, und die zuständige Deutsche Bibelgesellschaft teilte Carlsen nach Übersendung von fünf Probeseiten mit, man könne nach Rücksprache mit der EKD keine Lizenz erteilen.
Wollte man den umstrittenen Crumb nicht begünstigen, oder möchte man den eigenen Bibel-Comics, die die Gesellschaft herausgibt, Konkurrenz vom Hals halten? Carlsen jedenfalls wich auf die jüngste frei zugängliche Version der Lutherbibel aus: die von 1912. Dadurch wirkt der Text archaischer als gewohnt, man könnte auch sagen, etwas angestaubt. Und genau hingelesen hat der Verlag leider nicht: Denn Crumb hat die King James Bible nur zur Ergänzung herangezogen, während der Großteil seines Textes auf einer Übersetzung beruht, die der in Berkeley lehrende Bibelwissenschaftler Robert Alter 2004 angefertigt hat. Wie wäre es denn auf Deutsch mit der „Bibel in gerechter Sprache“ gewesen, die vor drei Jahren erschienen ist und uns Jüngerinnen und Apostelinnen beschert hat? Den alten Frauenfreund Crumb hätte es begeistert.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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