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Cosplay, ein Phänomen : Pack die Nähmaschine aus

  • -Aktualisiert am

Die Buchmessen in Frankfurt und Leipzig mögen Cosplayer besonders gern: Hier ist ihr Laufsteg Bild: Lüdecke, Matthias

Auf den deutschen Buchmessen sind sie unübersehbar: Bunt verkleidete Besucher, die die Hallen als Defilees für ihre aufwendigen Kostüme nutzen. Das Ganze nennt sich Cosplay.

          Waren Sie in den letzten Jahren auf der Leipziger oder der Frankfurter Buchmesse? Dann haben Sie sie bestimmt gesehen: Jugendliche in merkwürdigen Kostümen mit bunten Perücken und großen Pappschwertern oder Stofftieren als Accessoires. Sie nennen sich Cosplayer, und wenn Sie nun meinen, dass das etwas mit Fasching zu tun hat, liegen Sie daneben.

          Viele Trends, denen Jugendliche heute folgen, stammen aus dem Land des Lächelns. So verhält es sich auch mit der Lust am Kostümieren, dem Cosplay. Der Begriff setzt sich aus "Costume" und "Play" zusammen, also einem Spiel in Verkleidung. Cosplayer stellen einen bestimmten Charakter eines japanischen Comics (Manga), Trickfilms (Anime), Computerspiels oder Realfilms dar.

          Die ausgewählte Figur wird gründlich studiert, und es wird versucht, sie möglichst genau durch das Kostüm, aber auch durch Gestik und Charaktereigenschaften dazustellen.

          Aus der Not wurde eine Tugend

          Seit den neunziger Jahren haben junge Menschen in Deutschland dieses Hobby für sich entdeckt. Und anfänglich war die Nähe zum Fasching zumindest insofern gegeben, als dass zur Erstellung des Kostüms auf Accessoires aus dem Karnevalshandel zurückgegriffen wurde.

          Sie nennt sich „Gothic Lolita“ und liebt die Nachbarschaft eines klassischen Frauenkopfs im Würzburger Residenzgarten
          Sie nennt sich „Gothic Lolita“ und liebt die Nachbarschaft eines klassischen Frauenkopfs im Würzburger Residenzgarten : Bild: dapd

          Doch eine farbige Perücke zu bekommen ist eines, ein detailgetreues Kostüm der Lieblingsheldin ein ganz anderes. So blieb den auch in den Anfängen meist weiblichen Cosplayern nichts anderes übrig, als sich Stoffe zu besorgen, die Nähmaschine hervorzuholen und selbst zu schneidern.

          Aus der anfänglichen Not ist inzwischen eine Tugend geworden. Im Internet gibt es heute viele Anbieter, die industriell gefertigte Kostüme anbieten, die Königsklasse besteht aber darin, das Outfit selbst zu schneidern. Der kreative Prozess setzt hier bereits bei der Wahl der Materialien und Stoffe ein.

          Da die Vorlagen meist Comiczeichnungen oder digitale Bilder aus Computerspielen sind, ist die Umsetzung schwerer, als ein Haute-Couture-Kleid nachzuschneidern. Hinzu kommen Details oder Accessoires wie überdimensionierte Phantasiewaffen, Flügel, Katzenohren oder was den Zeichnern sonst in den Sinn kam.

          So werden Verabredungen getroffen

          Der Austausch und die Kommunikation mit Gleichgesinnten sind daher nicht nur wegen der gleichen Interessen von Bedeutung. Über verschiedene Internetplattformen wie Foren und communities - die wichtigste in Deutschland ist hierbei animexx.de - werden Tipps und Erfahrungen ausgetauscht, Bilder hochgeladen, und man verabredet sich für Treffen und Veranstaltungen, die man als "Cons" bezeichnet.

          Japanischer Ursprung unverkennbar: Mangafans in Kampfpose
          Japanischer Ursprung unverkennbar: Mangafans in Kampfpose : Bild: dpa

          Diese Treffen stellen neben Schneidern und Internetkommunikation den dritten wichtigen Bestandteil des Hobbys Cosplay dar. Denn schließlich will man das fertig gestellte Kostüm vorführen und Anerkennung für dessen Ausfertigung erhalten.

          Höhepunkte eines solchen Treffens sind die Fotosessions. Hierbei werden fest vorgeschriebene und dem individuellen Charakter entsprechende Posen eingenommen, die einer typischen Codierung folgen, die bereits in den Mangas vorgegeben wird. Denn natürlich gebärdet sich ein Krieger anders als ein Katzenohrmädchen.

          Der Spaß beim gemeinsamen Auftritt

          Beliebt sind auch Gruppenfotos, in denen Szenen nachgestellt werden oder Geschichten weitergesponnen werden. In diesem Falle müssen die Figuren aber aus demselben Erzählkosmos kommen, unterschiedliche Geschichten werden selten vermischt. Daher ist es auch sehr beliebt, sogenanntes Gruppen-Cosplay zu machen, das heißt, mit Freunden zusammen eine Gruppe aus einem Manga oder Film darzustellen.

          Das ermöglicht die gemeinsame Auseinandersetzung mit der Erzählung und erhöht den Spaß beim gemeinsamen Auftritt im Kostüm. Cosplayer verbleiben aber nicht permanent in ihrer Rolle, wenn sie verkleidet sind, so wie das Rollenspieler aus dem Bereich Fantasy oder Mittelalter gern tun. Sie nehmen die Rolle meist nur für das Posieren auf den Fotos ein. Gerade das Parodieren eines Charakters und eine ironische Herangehensweise ist ein beliebtes Spiel unter Cosplayern, zeigt sich doch darin erst die genaue Kenntnis der einzelnen Figuren.

          Dass die Treffen in den Verkleidungen auf organisierte Wettbewerbe um das perfekte Kostüm und die genaueste Charakterdarstellung hinauslaufen würden, war eine logische Entwicklung. Inzwischen gibt es die Deutsche Cosplay-Meisterschaft, deren Teilnehmer sich in landesweiten Vorentscheiden qualifizieren müssen, um dann auf der Frankfurter Buchmesse abschließend gegeneinander anzutreten.

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