05.03.2003 · Die Gedanken sind frei - wie aber steht es um Ideen, Töne, Bilder im Zeitalter des Internet? Eine neues Projekt unter der Federführung von Lawrence Lessig will den Schutz des geistigen Eigentums lockern und damit die kulturelle Artenvielfalt erhalten.
Von Christoph AlbrechtSind Ideen eher wie Luft oder wie Wasser? Die Luft atmen wir, ohne dafür zu bezahlen. Wasser, abgefüllt in Flaschen oder aus dem Wasserhahn, dagegen kostet Geld. Aber auch die Kosten für unsere Atemluft sind nur versteckt: in den Kosten für Politiker, die Gesetze zur Luftreinhaltung erarbeiten und durchsetzen, in den Preisen für Produkte von Firmen, die Geräte zur Luftreinhaltung installiert haben.
Der Unterschied läuft also hinaus auf Kosten, die individuell zurechenbar sind, und solche, die pauschal erhoben werden müssen. Ähnliches gilt für die Welt der Ideen: Melodien, Gedanken, Gestalten, die sich gewollt oder ungewollt in unsere Gehirne einfressen - sie sind offenbar frei. Die digitale Revolution hat hier jedoch Verwirrung gestiftet: Seit sich der Inhalt scheinbar vom Medium gelöst hat, ist er dank Internet theoretisch so allgegenwärtig wie die Luft. Töne, Texte, Bilder sind scheinbar so frei wie unsere Gedanken.
Luft in Dosen - zur Kasse, bitte!
Die Unterhaltungslobby jedoch will durch verschärften Urheberrechtsschutz - ein entsprechendes Gesetz soll wohl noch dieses Jahr auch in Deutschland durchgepeitscht werden (F.A.Z. vom 2. Mai 2002) - den Raum des öffentlichen Geistes evakuieren und die Luft in Dosen abfüllen, so daß wir sie nur noch mit speziellen Atemgeräten inhalieren können. So jedenfalls sehen das Kritiker der Unterhaltungsindustrie, die dem Kulturkapitalismus das Konzept einer "kreativen Allmende" entgegensetzen.
Der Vorstand des Projekts, der in Stanford lehrende Jurist Lawrence Lessig, stellte die Ziele seiner Organisation vergangene Woche auf einer Konferenz in Santa Clara vor. Künstler oder Gelehrte sollen ihre Werke unter Vorbehalt ihrer Rechte zur freien öffentlichen Nutzung - Kopieren, Bearbeiten und Verbreiten - bereitstellen und ihre öffentliche Lizenz registrieren lassen. Wer öffentliche Aufmerksamkeit erst erringen will, für den kann das Modell vorteilhaft sein, seine Schutzrechte einzuschränken, um die Zirkulation seiner Ideen zu fördern.
Geistige Nationalparks
Das Projekt will langfristig auch so etwas wie Nationalparks und Reservate für geistiges Eigentum von besonderem öffentlichen Wert schaffen - so als sei der kulturelle Artenreichtum bedroht. Was wir schüfen, baue auf dem kulturellen Erbe auf, das deshalb zu schützen sei. In Gefahr sehen sie es etwa durch Bestrebungen der Unterhaltungsindustrie, die Frist für den Schutz geistigen Eigentums in Amerika um zwanzig Jahre auf 95 Jahre zu verlängern. Der Disney-Konzern zittert, seine Vermarktungsrechte an der 1928 erfundenen Kunstfigur "Mickey Mouse" könnten nächstes Jahr in öffentliches Eigentum übergehen.
Je mehr Mickey Mouse, desto wertvoller die Idee
Freilich erscheint Lessigs Initiative verwirrend. So die Voraussetzung, nur freies Kopieren erlaube uneingeschränkte Kreativität. Denn gerade das Beispiel Mickey Mouse zeigt, daß der Wert geistigen Eigentums von der öffentlichen Verbreitung der Ideen abhängig ist, daß aber Inhalt und Idee nicht zusammenfallen. Die kulturelle Wirksamkeit der Ikone "Mickey Mouse" ist bis zu einem gewissen Grad seit je, nicht erst seit der digitalen Revolution, von seinen materiellen Manifestationen unabhängig, sie gehört so oder so zu der Luft, die wir atmen.
Wenn früher oder später sich die Mickey-Mouse-Bilder weiter vervielfachen, läßt sich sogar eine Art Inflationierung und Entwertung dieses öffentlichen Eigentums voraussagen. So gesehen, ähneln Lizenzgebühren den Luftverschmutzungsrechten, die ab dem Jahr 2008 zur Verminderung der Treibhausgase ausgegeben und international gehandelt werden sollen: Öffentliches Gut wird in Dosen verschachert - um es zu erhalten.