25.10.2008 · Es war etwas sehr Deutsches und sehr Beklemmendes in der Reaktion von Elke Heidenreich, nämlich die Herabsetzung anderer mit dem Vorwurf mangelnder Kultur. Dabei entbindet Kultur nicht von zivilem Verhalten, sie verpflichtet dazu.
Von Nils MinkmarEs war etwas sehr Deutsches und sehr Beklemmendes in der Reaktion von Elke Heidenreich, nämlich die Herabsetzung anderer mit dem Vorwurf mangelnder Kultur. Intendanten und Programmdirektoren der am Fernsehpreis beteiligten Sender beschrieb sie als „verknöcherte Bürokarrieristen“, die das Spontane, aber auch das „Menschliche“ und „Kultur sowieso“ verlernt hätten.
Das stimmt, wie jeder weiß, der einige davon mal beruflich kennengelernt hat, einfach nicht und offenbart einen Hochmut, der in Wahrheit ein Wiedergänger aus kalten Zeiten ist: Hier spricht das Talent, das von der Höhe der Kultur aus die Funktionsträger im Anzug abkanzelt, die fieserweise ein Leben in einer Institution fristen, weil es zu mehr nicht langt. Es ist die Verachtung, die ein Martin Heidegger gegen die Beamten der Weimarer Republik kultivierte, ein Stefan George gegen die Angestellten und Gottfried Benn gegen das Mittelmaß.
Kein toller Ausweis von Kultur
Der Gegenbegriff zur tiefen und hohen Kultur ist die welsche, angelsächsische Zivilisation, die allein die Oberfläche berührt. Bloß tut es einer Gesellschaft ganz gut, wenn Institutionen zivilisiert und gewissenhaft betrieben werden. Es gibt dann zum Beispiel Literatursendungen im Fernsehen.
Es kann nicht sein, dass Institutionen wie öffentlich-rechtliche Sender, die zu den Stützpfeilern unserer gerade ziemlich fragil aussehenden Republik gehören, zur Zielscheibe jeder Herabsetzung werden können wie einst Friedrich Ebert in der Badehose. Kein toller Ausweis von Kultur, wenn jemand, der berühmt ist, auf Leute losgeht, die nicht sofort und auf Augenhöhe reagieren können, weil sie eben einen komplexen Apparat repräsentieren. Ich finde, Kultur entbindet nicht von zivilem Verhalten, sie verpflichtet dazu.