11.01.2005 · Die Bush-Regierung hat Parallelen zwischen Saddams Irak und Hitlers Deutschland gesehen, aber nur die genehmen. Condoleezza Rice hätte auch die anderen kennen können - und darauf hinweisen müssen.
Von Jeffrey HerfDer Bestätigung von Condoleezza Rice als neuer Außenministerin wird wohl nichts mehr im Wege stehen. Da in den jüngsten Debatten über den radikalen Islam und den Irak-Krieg wiederholt auf Lehren aus der deutschen Geschichte verwiesen wurde, drängt sich die Frage auf, inwieweit Condoleezza Rice und die anderen außenpolitischen Berater von Präsident Bush aus der Geschichte gelernt haben.
Frau Rice war, bevor sie in die Politik ging, Dekanin der Stanford-Universität, einer der angesehensten Hochschulen des Landes, die bedeutende Historiker hervorgebracht hat, Fachleute für europäische und deutsche Geschichte und insbesondere den Zweiten Weltkrieg. Rice gehörte nicht zu jenen naturwissenschaftlich orientierten Universitätsbürokraten, denen die Geistes- und Sozialwissenschaften wenig bedeuten.
Als Expertin für sowjetische Außen- und Verteidigungspolitik und Koautorin (mit Philip Zelikow) einer fundierten Untersuchung über das Ende des Kalten Krieges in Europa („Germany Unified and Europe Transformed“) konnte sie die wichtigen Fragen der Zeit mit großem intellektuellem Vermögen analysieren. Um so enttäuschender daher, als sich zeigte, daß sie und andere eher ideologisch motivierte Kollegen falsche Lehren aus der Schlußphase des Zweiten Weltkrieges und des Nazi-Regimes gezogen haben.
Plausible Analogien
Einige plausible historische Analogien wurden durchaus erkannt. Wie es in der umstrittenen Erklärung des Nationalen Sicherheitsrats vom Herbst 2002 hieß, haben sich moderne Technik und Rüstungstechnologie ungleich schneller auf der Welt ausgebreitet als liberale, demokratische Institutionen oder auch kommunistische Regimes, deren Führer sich eine gewisse Zurückhaltung auferlegen mußten.
Wir haben neuartige Formen dessen gesehen, was ich vor zwanzig Jahren als „reaktionären Modernismus“ bezeichnet habe, eine Strömung, in der sich moderne Technologie und die Absage an Aufklärung und Demokratie verbinden. Diese Kombination, von den Nationalsozialisten erprobt, fand ihre Fortsetzung in den „Schurkenstaaten“ der jüngsten Zeit. Es war im Grunde nur eine Frage der Zeit, bis Regimes oder Bewegungen, die nicht einmal die Aussicht eines atomaren Vergeltungsschlags abschreckte, Massenvernichtungswaffen erwerben würden.
Er hatte viel zu verbergen
Ein Präventivschlag ließ sich also sehr wohl mit dem Verweis auf die dreißiger Jahre begründen. Hätten Großbritannien und Frankreich (oder Großbritannien, Frankreich und die Sowjetunion) im Jahre 1938 zugeschlagen, wäre Nazi-Deutschland vermutlich sehr viel schneller besiegt worden, und auch den Holocaust hätte man verhindert. So wie in den späten dreißiger Jahren nicht jeder bereit gewesen war, bei Hitler das Schlimmste anzunehmen, so war nicht jeder bereit, bei Saddam Hussein das Schlimmste anzunehmen, obwohl er sich wie jemand benahm, der viel zu verbergen hatte.
Abgesehen von Premierminister Blair und seiner Regierung, haben nur sehr wenige Liberale das faschistische Erbe untersucht, das in abgewandelter Form in Al Qaida und in Saddam Husseins Irak fortlebte. Für diejenigen von uns, die den Irak-Krieg unterstützten, war es frustrierend mitzuerleben, wie hartnäckig sich Liberale auf beiden Seiten des Atlantiks weigerten, über die Parallelen nachzudenken.
Geschichtliche Lehren vergessen
Condoleezza Rice verdient Anerkennung dafür, daß sie sich ernsthaft mit diesen Dingen beschäftigt hat. Und die Diskussion über die Bedeutung der Vereinten Nationen, die zur Zeit des Kampfes gegen den Faschismus gegründet worden waren, und über die Machtlosigkeit des Völkerbundes gegenüber den Diktatoren der dreißiger Jahre gründete auf zutreffenden historischen Analogien. Doch schon bald schienen alle geschichtlichen Lehren vergessen.
Erstens besaß Hitler tatsächlich all die Waffen, die Churchill ihm in den Parlamentsdebatten über die Appeasement-Politik zugeschrieben hatte. Bei Saddam Hussein sah die Sache anders aus. Heute wissen wir, daß es in der amerikanischen Regierung warnende Stimmen gab, die Rice nicht zur Kenntnis oder nicht ernst nahm. Außerdem ignorierte sie eine entscheidende Lehre des Sieges über Hitler und über den Kommunismus im Kalten Krieg.
Ein breiter Konsens
Der britische Historiker Michael Howard hat von den „vergessenen Dimensionen der Strategie“ gesprochen. Gemeint ist die Notwendigkeit, angesichts der enormen Last eines Krieges auf innenpolitische Eintracht zu achten. Auf die Bedrohung durch Hitler-Deutschland reagierte Churchill mit der Bildung einer Koalitionsregierung, und Roosevelt betraute Republikaner mit wichtigen Kabinettsposten. Der Sieg verlangte die Einheit der Nation und einen breiten Konsens.
Condoleezza Rice unternahm nichts, als Präsident Bush den nationalen Konsens zerstörte, der nach den Anschlägen vom 11. September vorhanden war. Betrachtet man die außerordentlichen Erfolge Churchills und Roosevelts, muß es betrüben, daß Rice den Präsidenten nicht drängte, Unterstützung für seine neue Außenpolitik zu suchen. Eine vom Primat der Außenpolitik geleitete Politik hätte sich innenpolitisch unbedingt Mäßigung auferlegt. Rice hatte völlig recht, Saddam Husseins Regime als totalitär zu bezeichnen und zu fragen, welche Folgen ein Nichteingreifen haben kann. Sie wies aber nicht darauf hin, wie schwierig es ist, totalitäre Regimes zu besiegen.
Verblüffend klare Lehre
Dabei ist die Lehre vom Ende des Zweiten Weltkriegs verblüffend klar. Dieser Krieg dauerte sechs Jahre, vier davon mit der totalen Mobilisierung der Großmächte. In diesen sechs Jahren starben sechzig Millionen, allein in Europa etwa vierzig Millionen, davon waren über vier Millionen Deutsche. Gewonnen wurde der Krieg, wie Historiker und die meisten gebildeten Menschen wissen, am 8. Mai 1945, nachdem die deutschen Armeen auf dem Schlachtfeld restlos besiegt worden waren.
Deutschland war nach drei Jahren Bombenangriffen dem Erdboden gleichgemacht, der Kampfeswille der Bevölkerung gebrochen. Mit der Verkündigung der offiziellen Kapitulation war der Krieg zu Ende. Ein deutscher Historiker wies kürzlich darauf hin, daß anderthalb Millionen deutsche Soldaten zwischen dem 1. Januar und dem 8. Mai 1945 gefallen seien, allein im Januar 450.000.
Die Niederlage als Voraussetzung
Diese totale, eindeutige und endgültige Niederlage, in der modernen Geschichte vergleichbar nur mit der Niederlage der Napoleonischen Armeen 1815, war die unabdingbare Voraussetzung für den erfolgreichen Wiederaufbau. Die Lehre aus dieser schrecklichen Katastrophe lautete, daß dieses totalitäre Regime die Fähigkeit besaß, trotz furchtbarer Verluste bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Es war also erstaunlich, daß Rice den Präsidenten der Vereinigten Staaten nicht bat, er möge Karl Rove auffordern, seine außenpolitischen Ansichten für sich zu behalten, und daß sie ihm nicht davon abriet, im Mai 2003 auf einem Flugzeugträger nach zwei (zwei!) Monaten Krieg das Ende der Kampfhandlungen im Irak bekanntzugeben.
Wie jeder Leser von Kanan Makiyas Buch „Republic of Fear“ seit den frühen neunziger Jahren wußte, konnte sich das Baath-Regime auf eine Staatspartei und einen massiven Sicherheitsapparat stützen. Ganz gleich, was Ahmad Tschalabi Richard Perle ins Ohr geflüstert haben mag, man konnte nicht davon ausgehen, daß das Regime und die Partei den Kampf aufgeben würden, bloß weil der Hauptteil der Streitkräfte rasch geschlagen war. Statt diese Tatsache anzuerkennen und sich denjenigen anzuschließen, die eine Truppenverstärkung forderten, erinnerte Rice erstaunlicherweise an die „Werwölfe“ im Nachkriegsdeutschland.
Keine Nachkriegszeit
Die Widerstandsaktionen dieses Häufleins Unbelehrbarer wirkten sich nicht auf die alliierten Besatzungspläne aus, denn der Krieg war am 8. Mai 1945 vorbei. Doch im Mai 2003, als der Präsident auf dem Flugzeugträger „Lincoln“ landete, war gerade einmal die Anfangsphase des Irak-Kriegs beendet. Hätte Rice die Unterschiede zwischen Deutschland nach 1945 und dem Irak nach 2003 erkannt, hätte sie dem Präsidenten erklärt, daß von einer Nachkriegszeit nicht die Rede sein könne, daß der Feind nicht besiegt sei und daß vor einem erfolgreichen Wiederaufbau der militärische Sieg stehen müsse. Das wiederum hätte die Bereitstellung von mehr Soldaten erfordert, als der Verteidigungsminister zu entsenden bereit war.
Wie Michael Gordon in der „New York Times“ berichtet hat, wurde in Washington nach den ersten militärischen Erfolgen im Irak sogar erwogen, im August 2003 fünfzigtausend Soldaten abzuziehen, zu einer Zeit also, als der Krieg noch längst nicht gewonnen war. Hätte Condoleezza Rice den Präsidenten daran erinnert, wie lange es dauerte, bis Hitler-Deutschland besiegt war, und wie schwierig es vermutlich sein würde, den Sieg über einen totalitären Einparteienstaat in Bagdad zu erringen, dann hätte sie getan, was eine Expertin in europäischer Politik und Geschichte hätte tun müssen: der Macht die unangenehme Wahrheit zu sagen. Doch sie zog es vor, das Wissen der Historiker zu übergehen.
Folgenschwere Entscheidung
Das war eine folgenschwere Entscheidung. Niemand weiß, was passiert wäre, wenn wir mit zusätzlichen 50.000 Soldaten in den Irak einmarschiert wären. Wären unsere Soldaten imstande gewesen, das Plündern und Brandschatzen in Bagdad und anderswo zu verhindern, die Grenzen dichtzumachen, radikale Islamisten am Betreten des Landes zu hindern und sofort die Jagd auf Vertreter des alten Regimes aufzunehmen, bevor diese sich neu organisieren und den offenbar längst vorbereiteten Widerstand aufbauen konnten?
Es gab ja Überlegungen, wie all das vermutlich zu erreichen wäre - Außenminister Powell, einer von Rice' Mentoren, hatte sie formuliert. Statt dem Präsidenten die Wahrheit zu sagen, ließ Condoleezza Rice es zu, daß Bush und seine Berater nur die genehmen Lehren aus der Geschichte zogen. Sie wies auf die Lektionen hin, die den Krieg rechtfertigten, schwieg aber, als andere davon sprachen, daß ein Krieg gegen das verbrecherische Regime Saddams kurz und schmerzlos sein werde.
Ob sie als Außenministerin eher bereit sein wird, dem Präsidenten unangenehme Wahrheiten zu sagen, wird sich zeigen. Ich kann es nur hoffen. Im Lichte ihres Verhaltens in den letzten vier Jahren sollte man nicht zuviel erwarten.