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Sonntag, 12. Februar 2012
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Computerwissenschaftler David Gelernter Ja, ich bin Maler geworden

02.06.2010 ·  Er ist der Meister der Softwareentwicklung, dennoch ist die Malerei seine erste Sprache. Computerwissenschaftler David Gelernter führt in seinen außergewöhnlichen Werken Kunst und Religion zusammen - ein Mann, der in Bildern denkt.

Von Jordan Mejias
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Erst kam die Malerei, dann der Computer. In seinen eigenen Worten hört es sich noch dramatischer an: „Ich habe gemalt, bevor ich schreiben konnte. Die Malerei ist meine erste Sprache. Sie ist mir zweite Natur. Ich habe immer in Bildern und Farben gedacht.“

Das sagt David Gelernter, einer der berühmtesten Computerwissenschaftler unserer Zeit, ein Mann der Technik. Aber meine Frage, ob er einmal vorhatte, Maler zu werden, korrigiert er ganz unaufgeregt mit der Antwort: „Ja, ich bin Maler geworden.“ Und darum stehen wir jetzt auch in keinem Labor und keinem Hörsaal, sondern in einer hellen, luftigen Galerie, umgeben von seinen Gemälden. Diese Galerie befindet sich in einem Gebäude der Yale University, wo Gelernter lehrt. Seine Galerie verfolgt keinerlei kommerzielle Ziele. Denn Gelernters Kunst geht nicht nach Brot. Dafür sind die Computer da.

Kunst ohne Handelsdruck

Als junger Mann entschied er sich in den siebziger Jahren für die Computerwissenschaft, weil er glaubte, sie biete ihm das technologisch ernsteste, praktisch nützlichste Berufsfeld und sei zugleich das genaue Gegenteil der Kunst, die sein Leben bislang bestimmte. „Die Reinheit der Kunst“, sagt er, „schien es zu gebieten.“ Sie hätte es ihm nicht erlaubt, angesichts der Erkenntnis, mit seinen Bildern nie den eigenen Lebensunterhalt bestreiten zu können, beispielsweise die Laufbahn eines Kunsthistorikers einzuschlagen. Gelernter wäre dann immer noch Teil der kommerziellen Welt gewesen und hätte Kunst zu Kommerzware degradiert. „Kunst aber muss allein stehen, ohne jeden Handelsdruck.“

So teilte er sein Leben auf: hier die Kunst, dort der Gelderwerb. Dabei kam eine dritte Kraft ins Spiel, die Religion. Nach seinem Studium in Yale besuchte Gelernter in New York die Arts Students League und eine Yeshiva obendrein. Kunst und Judaismus gehörten für ihn bald zusammen. Um aber als Künstler und Denker frei sein und doch, in Erfüllung seiner religiösen Pflicht, etwas Nützliches tun und eine Familie ernähren zu können, stürzte er sich in die Computerwissenschaft. „Aber es war keine Entscheidung aus Leidenschaft“, betont er. „Es war eine praktische Entscheidung.“

Die Kunst nach dem Talmud

Was Gelernter nicht wusste: „Ein erfolgreicher Technologe muss die gleichen ästhetischen Fähigkeiten besitzen wie ein erfolgreicher Künstler. Das war für mich eine interessante Überraschung.“ Heute weiß er längst, dass Kunst und Computer mehr verbindet als unterscheidet. „Ich bin wirklich nur in der Lage, eine einzige Sache zu tun, und ich tue das immer auf dieselbe Weise. Ich denke in Bildern und über Bilder nach. Auch wenn es um Computer und Software geht.“ Darum ist es sinnlos, Gelernter zu fragen, ob sich seine Malerei in seiner technologischen Arbeit spiegelt oder umkehrt. Er sieht nur ein weites, verheißungsvolles, einheitliches Feld.

Gelernter strebt danach, ohne Rücksicht auf konkrete Ingenieurprobleme Software auf einem Niveau zu entwickeln, das ästhetischen Maßstäben standhält. Er will sie menschlich, geistig formen. Aber auch einen Imperativ des Talmuds hat er dabei im Sinn. Er zitiert aus dem Kopf: „Die Tora zu studieren in praktischer Beschäftigung mit der Welt ist voller Schönheit.“ Er denkt also an Schönheit, wenn er Software entwickelt? Wie einen Blitz lässt er die Antwort einschlagen: „Yes!“

Schönheit führt zur Wahrheit

Alle ernsthaften Ingenieure, Physiker, Mathematiker, so versichert er, ließen sich von Schönheit leiten. „Schönheit bestimmt ihr Tun, sie ist der überwältigende Impuls ihres Lebens.“ Ergibt sich aus ihr automatisch dann das Nützliche? Wieder holt Gelernter weit aus: „So wie das Universum funktioniert, führt Schönheit zur Wahrheit, aber nicht unbedingt zur utilitaristischen. Doch dem Mathematiker, der an einem Beweis arbeitet, dem Physiker, der nach einer Welttheorie sucht, dem Softwaredesigner, der aus komplizierter Software eine einfache und elegante Version herstellen will, weist Schönheit den richtigen Weg.“

Ihre Anziehungskraft erstreckt sich in Gelernters kunst- und technophilosophischer Kalkulation auch auf die Güte der Software, auf deren Effizienz. Eleganz, für Gelernter eine Summe aus Schönheit, Kraft, Effizienz, Einfachheit und Sparsamkeit der Mittel, erklärt er zum Leitstern aller Softwarevisionäre. Gut, der Durchschnittsprogrammierer wird sich ohne sie zurechtfinden, aber für jeden bedeutsamen technologischen Durchbruch ist sie unentbehrlich.

Rage, Zynismus und Frivolität

„Noch in der Generation meines Vaters“, erzählt Gelernter, „war es für einen Wissenschaftler selbstverständlich, die Welt der Kunst intensiv wahrzunehmen.“ Wie Einstein war sein Vater ein begeisterter Violinist, der zwar Physiker wurde, am Massachusetts Institute of Technology aber auch in einem Streichquartett spielte. Nicht weniger beeindruckt war und ist Gelernter von Künstlern wie Duchamp und Giacometti, die umgekehrt vorgingen und Inspiration aus technischen Triumphen bezogen.

Wenn er malt, will der Computerwissenschaftler aus Yale folglich nicht das eine Leben mit dem andern vertauschen. Er hat Wurzeln in beiden geschlagen. Das mag ihm doppelt Kraft verleihen und, vielleicht noch wichtiger, ein Maß an Unabhängigkeit, wie es im Kunstbetrieb nur als störend empfunden werden kann. Gelernter wiederum stört so ungefähr alles, was die Kunst und ihr Markt heute zu bieten haben. Der kräftige bärtige Mann, der gern langsam und bedacht seine Gedanken formuliert, gerät angesichts der gegenwärtigen Kunstproduktion leicht in Rage. Er schimpft dann auf den Zynismus, den Unernst, die Frivolität der Künstler und ihrer Szene, auf die spirituelle und emotionale Leere, auch auf Unterjochung der Kunst durch die Akademie und deren verkopfte Moden.

Konservativer Geist, moderne Helden

Ganz schnell schießt er da weit über die Disziplinen der bildenden Kunst hinaus, um zum kulturellen Rundumschlag anzusetzen, der sich vom Anschein zeitgenössischer Gewissheiten nicht einschüchtern lässt. Gelernter verachtet die Verächter der judäochristlichen Zivilisation, die Kritiker des Westens, in deren Erzählung statt Beethoven und Bach nur mehr Hitler vorkommt, die nichts von einer Suche nach Freiheit und Demokratie wissen wollen und sich dafür eine Historie aus Mord und Totschlag zusammenzimmern. „Also wendest du dich ab. Du kannst nicht von Selbsthass leben. Übrig bleibt allein die Ironie.“

Ein zutiefst konservativer Geist begehrt da auf, aber er entzieht sich immer wieder wohlfeilen Zuordnungen. Seine Helden sind modern, heißen de Kooning, Pollock, Rothko und Jasper Johns. Er gerät ins Schwärmen, wenn er sich erinnert, wie ihn als Teenager die neuen Arbeiten eines Frank Stella oder Joseph Cornell in Aufregung versetzten. Energiefelder waren das für ihn. Aber seitdem? Nichts als Leblosigkeit, nichts als Hohn und Spott für Engagement und Passion. Vierzig Jahre lang nichts als elende Resteverwertung. Das wirft er auch Rock- und Popmusik vor, in denen er nur ein fades Echo der siebziger und achtziger Jahre hört. Damien Hirsts Tigerhai in Formaldehyd? „So etwas war lustig, als Duchamp es tat. Jetzt ist der Witz alt.“ Mit seinen Folgen aber sieht sich Gelernter täglich konfrontiert. Selbst in Yale meint er kaum noch Studenten zu finden, die sich leidenschaftlich für Kunst interessieren. Kunst, sagt er, müsste sich wieder vom Markt lösen.

Kunst und Markt sind Feinde

Es ist wohl kein Ausspruch denkbar, der weniger in eine Zeit passt, in der die Kunst der Markt und der Markt die Kunst ist. Gelernter aber hat den Mut oder ist tollkühn genug, dagegen zu protestieren. Mit seinen Bildern und in ihnen. Er nennt sie transabstrakt und postironisch, er macht mich darauf aufmerksam, wie sie sich in ihren emotionalen Turbulenzen jeder Lakonie entziehen und die Welt, das gesamte Universum zur Debatte herausfordern. Es sind ernste, strenge Absagen an die vorherrschende Ästhetik, es sollen ihre Gegenentwürfe sein.

Wir stehen vor „Answer Us“, einem Gemälde, aus dessen Eisenfarbe in hebräischen Lettern das Wort „Heilig“ leuchtet. Darunter, auf Englisch, die Aufforderung: „Antworte uns“. In der Mitte die Umrisse eines türkisfarbenen Schmetterlings. Gelernter zögert mit einer Seh-Anleitung: „Ich habe mich nie für Schmetterlinge interessiert, tue es auch jetzt nicht und weiß nicht viel von ihnen. Jahrelang habe ich die Form von mir weggejagt, bis ich mir vor zehn Jahren eingestand, dass ich sie zu malen hatte.“

Jüdische Kunst in kosmopolitaner Offenheit

Formal begreift er den Schmetterling als Kontrapunkt zu den Buchstaben, als zugleich willkürliches und doch nicht unnatürliches Element auf der Bühne des Bildes, die mit ihrem nach vorn gerückten Hintergrund die dritte Dimension fast verleugnet. Der derart verengte Raum und was in der Nachfolge von Cézanne und Picasso die abstrakten Expressionisten mit ihm angefangen haben, das lässt ihn nicht mehr in Ruhe. „Ich kann nicht abstrakt malen, aber ich bemühe mich um die Energie abstrakter Gemälde.“ Für den Schmetterling bleibt nur noch ein schmaler Spalt. Er kann dort dekorativ wirken, aber auch verzweifelt, wie in einer Falle. „Und dann ist da das Echo des gekreuzigten Jesus.“ Gelernter sagt es kaum vernehmbar. Er hat sich den Bezug erst vor kurzem eingestanden.

Auf vielen Bildern, die er hier in Yale zeigt, ist der Schmetterling zu sehen. Sie alle sind religiöser Natur: Hebräische Buchstaben mischen sich mit Nachklängen aus Kirchenfenstern, ihrem Bleigewebe und irisierenden Farbenspiel. Die Sainte Chapelle, die Kathedralen von Reims und Chartres sind Gelernter vertraut seit seiner Kindheit, und sie gehören zu den prägenden Eindrücken, die ihn jetzt bewegen, christliche und jüdische Kunst ohne jede ethnische Folklore in kosmopolitaner Offenheit zu vereinen. Er spricht von der tiefverwurzelten jüdischen Ambivalenz gegenüber dem Christentum, gesteht aber ein, sich zu den Gemeinsamkeiten hingezogen zu fühlen. Seine Talmudstudien bestärken ihn darin: „Rabbi Akiba, die zentrale Figur des Talmuds, wurde gefragt, welches das wichtigste Prinzip im Judaismus sei. Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, antwortete er.“ Gelernter kann auch die entsprechende Stelle im Neuen Testament nennen.

Nicht alles, aber viel

„Der religiöse Impuls hat die größte Kunst hervorgebracht, die wir haben.“ Daran gibt es für ihn nichts zu rütteln. „Kunst und Religion sind von ihrer Natur her Freunde oder Feinde, aber sie können getrennt nicht leben.“ Er ist sicher, dass die Wende zum Agnostizismus und Atheismus in westlichen Ländern und der Niedergang, in dem er die Kunst begriffen sieht, einander bedingen. Aber dann wartet dieser Konservative, der nicht nur zwischen Malerei und Computerei schwer einzuordnen ist, mit der nächsten Überraschung auf. Vor dem Atheisten, der zu seinen Überzeugungen in intellektuellem Ernst gelangt ist, hat er Respekt. Echter Hingabe, ehrlicher Leidenschaft kann Gelernter nicht alles, aber viel verzeihen.

Er muss es, schon weil er Matisse liebt. Der aber war Atheist. Gelernter erzählt die Geschichte, wie Picasso sich über Matisse lustig machte, weil der für die Dominikanerinnen von Vence die Chapelle du Rosaire mit ihren wunderbaren Kirchenfenstern entwarf. „Es ist die Kulmination einer lebenslangen Obsession mit Farbe, mit der Intensität des künstlerischen Ausdrucks.“ Matisse gab vor, lediglich einer Nonne, die ihn vor ihrem Eintritt ins Kloster gepflegt und ihm auch Modell gestanden hatte, einen Freundschaftsdienst zu leisten. „Aber von Matisse gibt es keine tiefere, schönere Kunst“, sagt Gelernter. Und das ist für ihn kein Zufall.

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Von Gerhard Stadelmaier

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